Alles begann mit Adam Krall
Birkenau, 28.10.2017
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28.10.2017 05:00
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Leserbrief
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Birkenau. Der Erbauer der ehemaligen Gastwirtschaft „Zum Engel“, an der Brückenstraße gelegen, war Adam Krall um 1813. Die Familie Krall hatte Jahrzehnte vorher an anderer Stelle in Birkenau bereits eine Gastwirtschaft betrieben. Johann Adam Krall hatte nach einem „strengen Soldatenleben“ in den 1770er-Jahren eine Schankerlaubnis von der Ortherrschaft Wambolt erhalten.

Von

Günter Körner

Er war gewiss kein Kind von Traurigkeit und hatte gegen herrschaftliches Verbot Tanzmusik über die Polizeistunde hinaus gehalten. Immer wieder hatte er auch gegen das Verbot verstoßen, das Karten-, Würfel- und Kegelspiel zu unterlassen. 1776 hatte er deshalb den Kranz (= das „Wirtshausschild“) beiziehen müssen. Ein anderes Mal hatte er sich mit einem kaiserlichen Werber , der Rekruten anwarb, geprügelt. Bei einem geführten Schriftverkehr vergaß er allerding nicht darauf hinzuweisen, dass er „bei den dermaligen Kriegszeiten Möbel und Spiegel“ des Ortsherren Wambolt in Verwahrung genommen hatte. Geöffnet durften die Gastwirtschaften im Winter bis 20 Uhr, im Sommer bis 21 Uhr, nur an Kirchweih war eine „ehrbare Ergötzlichkeit“ im Beisein des Pfarrers mit längerer Öffnungszeit erlaubt.

Die Moral in Gastwirtschaften

Die Obrigkeit mutmaßte, dass es in Gastwirtschaften mit der Moral nicht so genau genommen würde. Zur Kontrolle sollten sogenannte „Achter“ die Einhaltung der Polizeistunde und überhaupt der sittsame Umgang mit Alkohol überwacht werden. Es ist jedoch überliefert, dass diese Aufpasser kurzerhand von den Zechern am Hosenboden gepackt, und aus der Wirtschaft geworfen wurden.

1802 wurde in Birkenau eine „Verordnung gegen das Saufen“ erlassen. Dort heißt es mit drastischen Worten: „Ein Säufer vergisst die Erfüllung jeder heiligen Pflicht, die ihm als Christ, als Vater und Bürger obliegt. Ein Berauschter ist zu den abscheulichsten Verbrechen fähig, an die er als ein unverdorbener, nüchterner Mensch nie gedacht haben dürfte. Das schlechte Beispiel, welches ein Besoffener seinen Mitmenschen und seinen eigenen Kindern, gibt, ist das größte Gift für die Sitten. Wie beißend müssen in nüchternen Augenblicken die Gewissensempfindungen bei einem Mann sein, der durch einen liederlichen Lebenswandel sein Vermögen und seine Gesundheit dahinschwinden sieht.“

Den Gastwirten war verboten, den Gästen mehr auszuschenken, als diese vertragen und bezahlen konnten. Wohl eher ein frommer Wunsch, dem die zehn Gastwirte, die es damals in Birkenau gab, eher nicht nachkamen.

Wert: 1600 Gulden

Doch zurück zur Gastwirtschaft „Zum Engel“: Adam Krall, von Hause aus Schreinermeister, schrieb an die Ortsherrschaft 1813: „ … dass er sein neues Haus ausgebauet und der Größe halben geräumigen Platz zur Wirtschaft übrig hat.“ Der Baubestand wird damals folgendermaßen geschildert: „Ein zweistöckiges Haus mit Scheuer und ein zweistöckiger Stall“. Das Anwesen hatte den stattlichen Wert von immerhin 1600 Gulden. In einem untertänigen Amtsbericht, pflichtet der wamboltische Amtmann Gutfleisch dem Ersuchen des Adam Krall bei: „. . . empfehlend ist sein ganz neues, schön groß und geräumig erbautes Haus, das sehr schicklich an der Landstraße liegt. Da nun die übrigen Wirtshäuser an der Landstraße nur elende Hütten sind, so kann Adam Krall eine gute Wirtschaft versprechen“. So wurde dem Adam Krall schließlich 1813 die Erlaubnis zum Betrieb einer Gastwirtschaft auf drei Jahre erteilt. An- und Umbauten folgten in den Jahren 1827, 1849 und 1908.

Auf Krall folgt Schropp folgt Kadel

Schon im Gesuch des Adam Krall klingt an, dass er sich vermutlich finanziell übernommen hatte. Einige Jahre später wird Georg Schropp als Eigentümer der vormals Krall’schen Gastwirtschaft genannt. Er erhielt die Wirtschaftskonzession vom 11. Juni 1820 auf drei Jahre erteilt. Er war zugleich herrschaftlich wamboltischer Mitterer, das heißt er hatte von amtswegen zu überwachen, dass etwa die Fruchtmaße und Gewichte einheitlich der Norm entsprachen. Gut denkbar, dass er über diese offizielle Funktion von Herrschaftsseiten an diese Gastwirtschaft gekommen war.

1827 schließlich kam Michael Kadel in Besitz der Gastwirtschaft. In Folge werden 1863 Johannes Kadel VIII, 1900 Peter Kadel VIII und 1935 Adam Kadel V als Hauseigentümer geführt. Die Gastwirtschaft wurde bis zum Bau des „neuen Engel“ 1979/80 von der Familie Kadel weiter fortgeführt. Mit dem Abbruch dieses „neuen Engels“ geht eine Jahrhunderte andauernde Gasthausgeschichte in Birkenau zu Ende.

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