Bis der Patient stirbt?
23.12.2016
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23.12.2016 05:00
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Leserbrief
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Thema: Pflegestufen

Wie viel Pflege benötigt ein Mensch, dass ihm Pflegestufe 3 (ab 1. Januar Pflegegrad 5) zusteht? Im Frühjahr 2014 hat mir die gesetzlich vorgeschriebene Pflegeberatung empfohlen, die Pflegestufe 3 zu beantragen. Kurze Erläuterung zum Pflegefall: Mein Mann ist seit 2013 durch Krankheit querschnittgelähmt, auch mit starker Einschränkung der Arme und Hände. Er kann sich allein im Gesicht kratzen, wenn es juckt, er kann aus dem von mir befüllten Schnabelbecher allein trinken, er kann die von mir mundgerecht angerichteten Speisen allein mit Löffel und/oder Gabel essen. Alles andere – Zähneputzen, Rasieren und alles, was zur Körperpflege gehört, Aus- und Anziehen und Hilfestellung bei der Blasen- und Darmleerung – wird von mir übernommen. Haben Sie schon mal versucht, ein störrisches Kind anzuziehen? Eine schwierige Angelegenheit. Dann stellen Sie sich mal einen 120-kg-Mann vor, dessen gelähmte Beine sich durch die Spastik gegen das Anziehen wehren. Mittlerweite waren fünf Gutachter bei uns daheim, sogar ein vom Sozialgericht bestellter. Die Pflegeaufwandzeiten variieren erheblich bei stets gleichen Voraussetzungen, aber immer so, dass die erforderliche Zeit von 240 Minuten nicht erreicht wird, und sei es nur um 15 Minuten. Was nicht angerechnet wird, sind viermal täglich Blutzucker und zweimal täglich Blutdruck messen und notieren, Katheterwechsel, Besorgen und Reichen der Medikamente, Arzttermine organisieren und informieren, ob die Praxen barrierefrei sind (Krankenkasse und Kassenärztliche Vereinigung kann mir da keine Auskunft geben). Die Liste der Anforderungen lässt sich noch sehr verlängern, doch das zählt alles nicht zum Pflegepensum. Was aber ungeheuer wichtig ist: Brauchen wir eine oder zwei Minuten zum Zähneputzen? Diese Diskussion hatte ich wirklich. Der VdK unterstützt uns dabei, zu unserem Recht zu kommen, doch wie kann man sich sonst noch gegen diese Willkür wehren? Oder wird die Bewilligung so verzögert in der Hoffnung, dass man aufgibt, oder – besser noch – der Patient verstirbt?

Uschi Bechtel, Birkenau

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