Das Konzept ist falsch
28.10.2017
Diesen Artikel
28.10.2017 05:00
Drucken Vorlesen Senden
Leserbrief
39

Nicht nur auf Studien schielen

WN/OZ vom 21. Oktober

Sicher spielen auch andere Gründe eine Rolle, aber ich bin überzeugt, die zunehmenden Rechtschreibprobleme sind durch ein falsches Konzept in der Grundschule hausgemacht – dem anfänglichen Schreiben nach Gehör, bei dem die Rechtschreibung keine Rolle spielt. Dadurch wird dem Schüler, einem meist sehr motivierten und interessierten Schreibanfänger, vermittelt: „Richtig schreiben ist unwichtig“, und noch sehr viel schwerwiegender: Die Schüler speichern beim Schreiben nach Gehör falsche Varianten eines Wortes ein. Rechtschreibung muss zum Großteil auswendig gelernt werden.

Dann ist die Rechtschreibung plötzlich doch wichtig. So mancher Schüler verliert seine Motivation für das Fach Deutsch spätestens dann, wenn er eine 5 im Diktat kriegt. Bei etwa 100 Wörtern reichen dafür zehn Fehler. Man mache sich einmal klar, der Schüler hat 90 Prozent richtig geschrieben. In Diktaten fallt die Rechtschreibung meist noch etwas besser aus als in frei formulierten Aufsätzen und beim Schreiben in anderen Fächern.

Da werden mir Lehrer und Eltern zustimmen. Lernen wird durch Misserfolge enorm erschwert, schlechte Noten bremsen die Motivation und Angst schafft Denkblockaden – keine guten Bedingungen für den Rechtschreiberwerb. Seit bald 20 Jahren arbeite ich als Ergotherapeut mit Kindern. Um den Vorgang des Lernens zu verstehen, ist das Wissen von der Funktionsweise des menschlichen Gehirns unerlässlich und auch, wann ein kindliches Hirn altersbedingt überhaupt in der Lage ist, bestimmte Anforderungen ausführen zu können, um nicht ständig unter Stress zu stehen.

Menschen mit Rechtschreibschwierigkeiten gibt es, seitdem man sich vor etwas mehr als hundert Jahren auf eine Festlegung einigte, weil es dafür unterschiedliche, oft auch organische Ursachen gibt. Den Lernkonzepten unserer Schulen würde es sehr guttun, wenn die Pädagogik das Lernorgan Gehirn und die ausführende Muskelmotorik besser kennen würde.

Dann würde manches vorhandene Lernkonzept erst gar nicht an unseren Kindern ausprobiert werden: Schreiben nach Gehör, innerhalb kürzester Zeit verschiedene Schriften ausführen müssen, Schönschrift zur Voraussetzung für schnelles Schreiben, zu frühes freies Formulieren. Und dann fehlt noch die Zeit, die Fähigkeiten so zu vertiefen, dass sie automatisch beherrscht werden.

Dietmar Sattler, Weinheim

SOCIAL BOOKMARKS
28.10.2017 05:00
Drucken Vorlesen Senden
Ihre Meinung interessiert uns

Durchsuchen Sie unser Archiv!