Die Tarn-Maske der Wohlanständigkeit
Weinheim, 18.05.2017
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18.05.2017 05:00
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Weinheim. Im Guckkastentheater der Dietrich-Bonhoeffer-Schule (DBS) wird dieses Schuljahr mordsmäßig gehaifischt. Bertolt Brechts waghalsiger und überaus erfolgreicher Theatercoup der „Dreigroschenoper“ aus dem Jahr 1928 hat schon in der Weimarer Republik für Furore gesorgt, und seitdem hat jede Zeit eine neue Schicht auf dieses wilde, zeitlose Spektakel um Liebe, Gier und erotische Verwicklungen gelegt.

Das funktioniert, weil Brecht aus einer der berühmtesten Opern des 18. Jahrhunderts, John Gays „The Beggar’s Opera“, zupackend archetypische, ewig gültige Theatergestalten herausdestilliert hat. Und er hat das so gut gemacht, dass Typen wie Mackie Messer längst ohne die Oper überall bekannt sind, heißt es in einer Pressemitteilung der Schule.

Macheath ist Boss der Londoner Einbrecher. Seine Spezialität sind Raubüberfälle, Mord und Zuhälterei. Man nennt ihn Mackie Messer. Protegiert wird er von Polizeichef Tiger-Brown, geliebt von Polly Peachum, der Tochter des Londoner Bettlerausstatters.

Als Mackie Polly in einem Pferdestall heiratet, setzt der Vater alles daran, den Verführer an den Galgen zu bringen. Im Herzen von Soho kommt es zum Kampf der Giganten, Kriegsschauplatz ist das Bordell.

Im Musiktheater der DBS stellen sich Brechts entscheidende Fragen: Ist der Mensch nur ein gezähmtes Ungeheuer, ein genusssüchtiges, amoralisches Wesen, das sich hinter der Fassade geschäftstüchtiger Bürgerlichkeit verbirgt? Wo endet der Reichtum und wo beginnt das menschliche Elend?

Bertolt Brechts grandiose Satire über die Verstrickungen von Bürgerlichkeit und Verbrechen, Moral und menschliche Begierden ist zum einen ein Spektakel zum Genießen. Aber Vorsicht, nicht zu entspannt zurücklehnen: Die Tarn-Maske der Wohlanständigkeit, die sich Brechts Verbrecher- und Bettlertrupp ebenso gern wie vergeblich aufzusetzen trachtet, tragen wir letztlich alle.

Das muss man doch mal zeigen, sagte man sich im Guckkastentheater und stürzte sich auf den üppigen Stoff. Denn es geht, sagen Darsteller und verantwortliche Lehrerinnen, um die reale, uns umgebende heutige Welt und um die menschliche Natur selbst: „Erfolgreicher Unternehmer trifft auf erfolgreichen Geschäftsmann, macht bare Münze aus dem Unglück anderer und bedient sich dabei zur Tarnung bürgerlicher Mechanismen. Das menschliche Individuum ist sehr gefährlich, gefährlicher als jeder Haifisch – und wir müssen uns alle diesen destruktiven Tendenzen in uns stellen.“

Eine großzügige finanzielle Unterstützung durch die Freudenberg Stiftung machte das Projekt realisierbar.

Karten können im 1. Stock der Dietrich-Bonhoeffer-Schule Weinheim (9.40 bis 10 Uhr), bei der Buchhandlung Beltz im Atrium in der Bahnhofstraße 3-9, oder an der Abendkasse erworben werden. Die „Dreigroschenoper“, begleitet von Christian Kurtzahn und Tilman Engelhardt wird dem Publikum am 24., 26., 29, und 30. Mai und noch ein letztes Mal am 2. Juni, jeweils um 19.30 Uhr, zum Genuss freigegeben!

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18.05.2017 05:00
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