Gestorben wird nicht mehr
23.12.2016
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23.12.2016 05:00
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Leserbrief
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Thema: Das deutsche Krankensystem

Manche Hochbetagte können sich lange selbst versorgen, andere brauchen Unterstützung in der Familie oder ziehen in betreutes Wohnen. Wird dann eine Pflegestufe erreicht, wird alles immer komplizierter. Neben der Versorgung gilt es, Protokolle zu schreiben. Dokumentation reduziert den Dienst am Menschen.

Es geht schief, was überhaupt schief gehen kann: Ruft ein Bewohner per Klingelknopf an, um ein Halsschmerzmittel zu bekommen, wird er mit dem Rettungsdienst ins Krankenhaus gefahren, weil die Stimme verwaschen war und Verdacht auf Schlaganfall vorliegt. Keiner will etwas falsch machen und zur Rechenschaft gezogen werden. Der normale Menschenverstand entfällt. Es kam auch schon vor, dass ein Patient samt Krankenliege aus dem anfahrenden Krankenwagen auf die Straße rutschte oder dass einer beim Liegenwechseln auf den Boden knallte.

Wir brauchen ausgebildete, mitdenkende, handlungsbefugte Mitarbeiter im Gesundheitssystem. Der Personalschlüssel muss angepasst werden und der Verdienst so sein, dass die Pfleger und Schwestern gut davon leben können. In Heimen muss genug Zeit sein, um auf die Besonderheiten der Bewohner eingehen zu können – und die Medikamente müssen von einer Fachkraft konzentriert und ohne Ablenkung vorbereitet werden, inklusive Einnahmekontrolle. Wenn jemand vergisst zu trinken und kollabiert, muss er nicht gleich mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus, um auf dem Gang dreieinhalb Stunden auf einen Arzt zu warten, der dann die Hälfte der Zeit mit dem Patienten tippend am Computer sitzt.

Eine Infusion zu Hause hätte diese überflüssige verhindern können und Kosten gespart. Die Investoren von Heimen und Krankenhäusern sind eher knausrig: zu wenig Personal, bei Krankheit oder Urlaub erst recht. In vielen Krankenhäusern gibt es nachts nur einen Facharzt pro Fachrichtung, der für Ambulanz und Stationen völlig überarbeitet zuständig ist. Selbst wenn eine Patientenverfügung vorliegt, wird der Wille des Patienten oft mißachtet – keiner will Verantwortung übernehmen. Gestorben wird nicht mehr.

Da muss sich der Mensch einen unbewachten Augenblick auswählen, um in Ruhe einschlafen zu dürfen. Selbst bei 100-Jährigen prüft die Polizei, ob alles mit rechten Dingen zugeht. Hätte nicht doch ein Notarzt gerufen werden müssen?

Regine Gellrich-Westphal, Birkenau

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