Als „die Heck“ zusammenfiel
Weinheim, 18.04.2017
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18.04.2017 05:00
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Weinheim. Es war ein hässlicher Klotz: das einstige Amtsgefängnis, das die Weinheimer „die Heck“ nannten, wie schon das Gefängnis im benachbarten Roten Turm, das der Neubau von 1841 ersetzt hatte. 126 Jahre stand der rote Sandsteinklotz bei der Einmündung der Grabengasse in die Rote Turmstraße. Zu Jahresbeginn 1967 wurde er abgerissen.

Heute stehen auf dem einstigen Gefängnisareal Autos und während der Kerwe dreht sich das Riesenrad auf dem Parkplatz am Roten Turm. Über ein halbes Jahrhundert lang kämpften Weinheims Bürger gegen die düstere Strafanstalt, die sich zu ihren ansehnlichsten Tagen auf ihrer Südseite hinter hohem Gehölz verstecken konnte, zur Grabengasse und zum Roten Turm hin aber mit einer hohen Mauer und Stacheldraht ihre Aufgabe verriet. Die Weinheimer wollten den Kasten mitten in der Stadt loswerden.

Brief ans Amtsgericht

Am 3. Mai 1912 fragte Bürgermeister Heinrich Ehret (1840-1915) beim Großherzoglichen Amtsgericht Weinheim nach, ob die Stadt damit rechnen könne, dass in den nächsten fünf Jahren das Amtsgefängnis beseitigt wird. In einer der letzten Amtshandlungen seiner 27-jährigen Dienstzeit wies der verdienstvolle Bürgermeister darauf hin, dass dieses düstere Gemäuer im Herzen der künftigen Gartenstadt stehe. Vor allem deshalb hoffe er „auf ein freundliches Entgegenkommen des Hohen Justizministeriums“, betonte Ehret am Ende seines Briefes, der am 25. Mai 1912 von der großherzoglichen Regierung sehr knapp und unmissverständlich beantwortet wurde: „Die Bitte wird abgelehnt!“

Auszug der letzten Gefangenen

Es änderte sich auch 1927 nichts, als die letzten Weinheimer Strafgefangenen nach Mannheim umgesiedelt wurden. Und es folgten weitere 13 entscheidungslose Jahre, in denen sich die Stadtverwaltung bemühte, in den Besitz des leer stehenden Gebäudes zu kommen. 1940 legten die Ratsherren dem Reichsfinanzministerium in Berlin ein konkretes Kaufangebot vor: 28 000 Reichsmark wollten sie ausgeben, um das ehemalige Amtsgefängnis zu erwerben und danach abzureißen. Der Frust der Weinheimer über die endlosen und erfolglosen Verhandlungen formulierte am 23. Oktober 1940 die Titelzeile in der Heimatzeitung: „Die Heck ist ein Schandfleck im Gesicht des Stadtbildes. Sie ist wirklich abbruchreif!“ Aber es vergingen noch einmal 14 Jahre, ehe „die Heck“ 1954 endlich in den Besitz der Stadt Weinheim kam.

Inzwischen hatte der Zweite Weltkrieg mit dem Einmarsch der Amerikaner in Weinheim geendet und die Militärregierung hatte „der Heck“ ihren ursprünglichen Auftrag zurückgegeben: Sünder zu verwahren. In den Zellen saßen nun aber nicht mehr verurteilte Straftäter, sondern zumeist Bürger, die in diesen unruhigen Notzeiten auf dem Schwarzmarkt versucht hatten, das Leben ihrer Familien ein bisschen erträglicher zu gestalten. „Schon der Besitz eines Stückchens Amiseife oder einer Schachtel amerikanischer Zigaretten genügte oft, um wegen unerlaubten Besitzes amerikanischer Waren inhaftiert zu werden“, erinnerte sich Jahre später Hermann Langer, der Leiter der städtischen Polizei nach 1945.

Oft lernten damals auch junge Burschen in einer langen Gefängnisnacht, dass man sich überlegen sollte, den amerikanischen Zapfenstreich, den Beginn des nächtlichen Ausgehverbots, zu missachten. Wer dabei von der Militärpolizei aufgegriffen wurde, landete schnell mal über Nacht in „der Heck“.

Notunterkunft für Flüchtlinge

1953, nach dem Volksaufstand in der DDR, erhielt das Gefängnisgebäude eine neue Aufgabe: In den Zellen fanden sogenannte „Zonenflüchtlinge“, die ihre mitteldeutsche Heimat in großer Zahl verließen, eine Notunterkunft. Meist konnten sie schnell „die Heck“ wieder verlassen, für kinderreiche Familien aber wurden die inzwischen von den Gittern vor den Fenstern befreiten Zellen oft zu einer tristen längeren Bleibe.

Vor 50 Jahren hatten alle Geschichten um „die Heck“ ein staubiges Ende: Nach der Gefängnismauer stürzten auch die rötlichen Sandsteinquader des einstigen Amtsgefängnisses in sich zusammen. Weinheim war endlich seinen größten Schandfleck los. -ell

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