Kinderarmut wird vererbt
26.10.2017
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26.10.2017 17:05
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Es sind die kleinen Dinge des alltäglichen Lebens, die David* und seiner Mutter Gabriele P.* eine Freude machen würden. Der Achtjährige war bisher einmal im Kino. Anfang des Jahres, als er beim Geburtstag eines Klassenkameraden eingeladen war. Seine Mutter schaut beschämt zur Seite: „Ich hätte ihm das auch gerne selbst geboten, aber es geht nicht.“

Von unserem Redaktionsmitglied Sandro Furlan

Beide leben in einer kleinen Wohnung, die den Namen nicht verdient, eigentlich steht ihnen nur ein Zimmer zur Verfügung. Sie ist alleinerziehend, wurde über Nacht vom Vater ihres Kindes verlassen und mit ihm ist auch das gemeinsame Geld verschwunden. Ohne familiäre Unterstützung und von Krankheit gezeichnet, zog es die beiden sehr schnell in eine Abwärtsspirale, Gabriele sagt heute „wir sind ganz unten angekommen.“ Sie leben in Weinheim und stehen exemplarisch für das Ergebnis einer aktuellen Studie, die von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegeben und in dieser Woche präsentiert wurde. Demnach leben 21 Prozent aller Kinder in Deutschland dauerhaft oder wiederkehrend in Armut. Ein Armutszeugnis für einen Sozialstaat.

Wie es den Kindern und Jugendlichen geht, das ist eng verknüpft mit dem Materiellen, fast zwangsläufig haben es Alleinerziehende besonders schwer. „Das Einkommen bleibt meist gering, denn oft können sie nicht so arbeiten, wie sie wollen“, weiß Bärbel Morsch. Sie leitet den Weinheimer Standort des Diakonischen Werkes der evangelischen Kirchenbezirke und zusätzlich zusammen mit Alexandra Riester von der Caritas den Kinderförderfonds Neckar-Bergstraße.

Gewissermaßen täglich bekommen sie und ihre Mitarbeiter das Problem der Kinderarmut vor Augen geführt, das vielschichtig ist und längst nicht mehr nur ein Thema von Menschen ist, die im sozialen Ranking der Gesellschaft eher unten angesiedelt sind.

Das unterstreicht auch das Ergebnis der aktuellen Studie: Demnach gelten die Kinder als armutsgefährdet, die in einem Haushalt leben, der über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens verfügt oder von staatlicher Seite die Grundsicherung erhält. Das hat verheerende Folgen, denn die Studie kommt auch zu dem Schluss, dass es nur die wenigsten Haushalte schaffen, ihre Lage auch wirklich zu verbessern. Besonders schwer tun sich demnach Haushalte, die auf Sozialleistungen angewiesen sind.

„Das ist messbar“, sagt Bärbel Morsch, auch wenn sie die Studie noch nicht komplett gelesen hat. Aber es sei deutlich festzustellen, dass das Leben in Armut die Startchancen verringere, wenn man in der Armutsfalle sitze.

Oder anders ausgedrückt: Einmal unten, immer unten. Denn: „Die Armut wird regelrecht vererbt“, sagt sie, und sie gebe es nicht nur in den bekannten Problemvierteln von Großstädten oder in strukturschwachen Gebieten. „Armut gibt es überall, auch in Städten mit vermeintlich vielen reichen Leuten wie in Weinheim“, weiß sie mit Blick auf den beruflichen Alltag.

Ein Gradmesser ist dabei auch die Unterstützung durch den Kinderförderfonds. Im vergangenen Jahr wurden insgesamt 340 Maßnahmen gefördert, mit am häufigsten ging die Unterstützung an Alleinerziehende oder vielmehr deren Kinder. Die Hilfe ist vielfältig, sie reicht von finanzieller Hilfe bei der Anschaffung von Kleidung und Schulbedarf über Unterstützung bei Landschulheimaufenthalten bis hin zur Übernahme von Mitgliedsbeiträgen im Sportverein. Die meisten „Fälle“, die unterstützt wurden, finden sich in Weinheim und Hemsbach, das Einsatzgebiet des Kinderförderfonds umfasst die komplette Bergstraße und angrenzende Kommunen. Mit der Hilfe soll sichergestellt werden, dass die Kinder trotz eines schwierigen Umfelds am allgemeinen Leben teilhaben können. Denn Armut grenzt aus, macht einsam, führt zu Veränderungen in der persönlichen Struktur.

Gabriele P. bestätigt es. Ihr Sohn lädt keine anderen Kinder zu sich nach Hause ein, er will nicht zeigen, wo und vor allem wie er lebt. Geld für Freizeitaktivitäten ist auch nicht da, zwei Kugeln Eis gelten schon als absoluter Luxus. „Ich sitze oft am Küchentisch und bin einfach nur verzweifelt. Wie gerne würde ich meinem Sohn das anbieten, was für andere selbstverständlich ist. Aber leider ist es oft so: Wenn Du kein Geld hast, dann bist Du nichts.“

Recht auf Existenzsicherung

Neben der Teilhabe geht es dabei vor allem um das kindliche Wohlbefinden, das sich über viele Bereiche wie Gesundheit, Bildung, Beziehungen zu Gleichaltrigen und Familie oder auch das subjektive Einschätzen der Lebenszufriedenheit definiert. Kinderarmut bedeutet also nicht nur, dass zu Hause der Kühlschrank nicht prall gefüllt ist und es zum Monatsende an fünf Tagen der Woche nur gekochte Kartoffeln gibt. Dieses Fazit wäre zu einfach.

Auch das hat die Studie im Blick und die Autoren weisen darauf hin, dass eine anhaltend wirtschaftlich schwierige Lage negative Folgen für die Zukunftschancen vieler Kinder hat: Sie bleiben häufiger sitzen, haben entsprechend schlechtere Noten und leiden häufiger als andere Kinder an gesundheitlichen Einschränkungen. Ganzheitlich betrachtet bedeutet das, dass es ihnen nicht gut geht.

Am Ende wird aus der Studie die Forderung nach einer Reform der bisherigen familienpolitischen Leistungen wie dem Kindergeld abgeleitet. Die zukünftige Sozialpolitik müsse die Vererbung von Armut durchbrechen. Schließlich könnten sich Kinder nicht selbst aus der Armut befreien und hätten daher ein Recht auf Existenzsicherung. Damit sie eine faire Chance bekommen, um gut aufzuwachsen.

Gabriele P. hört es gerne, nur vertrauen will sie nicht. „Ich bin so oft enttäuscht worden. Und wer sagt mir, dass die Studie auch auf Gehör stößt? Oder am Ende die Politik reagiert? Sie redet von „denen da oben“, die nicht wissen, wie „es uns da unten geht.“ Ihrem Sohn David ist das an dem Tag völlig egal. Er kommt freudig von der Schule nach Hause, hat erfahren, dass er zusammen mit einem Freund heute ins Fußball-Schnuppertraining gehen kann. Für einen Moment ist er ein ganz normales, glückliches Kind. Ein Lächeln huscht über das Gesicht seiner Mutter. Es könnte ein Anfang sein.

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