Hoher Besuch aus Japan
Köln, 09.11.2017
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09.11.2017 05:00
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Leserbrief
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Köln. Laut Klaus Gdowczok war es sein Sohn Victor, der ihn 2015 ansprach und sagte: Lass uns eine Weltmeisterschaft machen. Victor ist Judoka mit Leib und Seele, hat das Down Syndrom und kämpft seit Jahren im G Judo, die Bezeichnung für Judoka mit einer geistigen Behinderung. Ganz so einfach war es nicht, denn die internationalen Verbände mussten erst einmal über den Bedarf informiert und Strukturen geschaffen werden. Jetzt nahmen 104 Judoka aus 13 Nationen in zwei Wettkampfklassen an der ersten Weltmeisterschaft im ID (intellectual disabled) in Köln teil.

Das 25-köpfige Helferteam aus NRW um Wilfried Marx opferte Urlaub und ackerte von Mittwoch bis Sonntag beim Wiegen, Judojacken einsammeln und besticken lassen, Mattenauf- und -abbau, Begleitung der Sportler vom Aufwärmraum auf die Kampffläche, und, und, und. Was hier ehrenamtlich geleistet wurde, gebührt höchste Anerkennung zumal fast alle Helfer aus Düsseldorf kamen und die WM war in Köln!

Auch der 69-jährige Günter Geist aus Hemsbach, Behindertensportreferent im Deutscher Judo Bund e.V., war in Köln voll eingespannt. Als früherer A-Kampfrichter war er in Doppelfunktion aktiv. Das erste außerplanmäßige Ereignis war die Ankunft von Tomoo Hamana (7. DAN) und Shunichi Saito (3. DAN) aus Japan. „Da kommt das Mutterland des Judo, um sich in Deutschland über die Entwicklung von G Judo zu informieren um von Europa zu lernen“, sagte Geist und nahm die Ehrengäste kurz entschlossen zum Empfang der Oberbürgermeisterin von Köln, Henriette Reker, mit.

DJB-Präsident Frese bewunderte die Unterstützung der Stadt Köln, denn zum ersten Mal habe er Flaggen für eine Judo Veranstaltung überall in einer Stadt gesehen. Abends fand für Sportler und Offizielle im Rhein Energie Stadion noch eine Eröffnungsparty in einer der Lounges statt.

Der Freitag war dem Divisioning gewidmet. Hier wurden nun während des ganzen Tages die Wettkämpfer von erfahrenden, nationalen und internationalen Trainern gesichtet. Hintergrund ist die gemeldete Einstufung der Wettkampfklasse. Da es international noch keine feststehenden Regeln gibt, testet man die Motorik und die Reaktion um gemeldete Kämpfer für die WK 2 (schwächere Klasse) eventuell doch in WK 1 zu verschieben um eine optimale Chancengleichheit zu garantieren.

Für die Weltmeisterschaft hatte man mit den Niederlanden eine Wettkampfordnung erarbeitet. Da Geist in den zurückliegenden 15 Jahren für den kompletten Kampfrichterbereich in der Wettkampfordnung G Judo des DJB/DBS verantwortlich zeichnete, hatte er keine Probleme seinen höher lizenzierten Kollegen die Besonderheiten von G Judo zu erläutern und aufzuzeigen, wo das Fingerspitzengefühl wichtiger ist, als die Regel.

Und die Kampfrichter waren überrascht: Ein so dynamisches Judo mit so vielen Ippon (Voller Punkt) hatten sie noch nie erlebt und selbst Sebastian Schek, der bei den Paralympics 2016 in Rio de Janeiro als Kampfrichter auf der Matte stand, erlebte neue emotionale Momente.

An den Wettkampftagen prägten volle Ränge, lautstarke Unterstützung sowie weinende Sieger und Unterlegene das Bild. Da wurden sicher geglaubte Siege drei Sekunden vor Ende noch gedreht, weil das Wort Taktik bei einem G Judoka nicht fruchtet. Es gibt nur vorwärts. Die Zuschauer freut das und der exzellente Kommentator der Wettkämpfe geriet ein ums andere Mal ins Schwärmen.

Für Victor, den Initiator dieser WM reichte es nur für einen fünften Platz, aber da waren international einfach stärkere Leute da. Teilweise unglaublich, was die Sportler aus Großbritannien, Finnland, Belgien und den Niederlanden da an Athletik auf die Matte brachten. Die stärksten Kämpfe zeigte der Deutsche Timo Karmasch mit seinem souveränen Titelgewinn in der Klasse bis 90 Kilo und die deutsche Vorzeige-Dame Michaela Stutz (52 kg), die allerdings kaum gefordert wurde, ihre Supertechniken aber überzeugten.

Alle Ländervertreter waren sich einig, dass man Weltmeisterschaften im ID Judo unbedingt weiterführen sollte und so könnte in zwei Jahren in den Niederlanden oder in Großbritannien das nächste Kapitel im Judo für Menschen mit geistiger Behinderung geschrieben werden. Das ist gelebte Inklusion. gg

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