„Luther-Gesabbel geht mir auf den Keks“
Hemsbach, 30.10.2017
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30.10.2017 05:05
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Hemsbach. Jens Eggert ist weit davon entfernt, ein großer Fan des Reformators Martin Luther zu sein. Sehr weit sogar. Tatsächlich treibt ihn die breite Flut an Luther-Reportagen zu Ausrufen wie „Da kriegt man ja eine Lutherphobie!“ oder „Dieses ganze Luther-Gesabbel geht mir auf den Keks.“

Jene genervte Haltung gegenüber dem „Luther-Hype“ lieferte Eggert, der seit 2008 dem weltlichen „Theater Bonhoeffer“ angehört, ein ganzes Sammelsurium an Ideen für ein „Reformationstheater“. „Ich hatte schon einmal ein Weihnachtsstück geschrieben. Und dann kam die Diakonin der Bonhoeffergemeinde, Christel Apel, auf mich zu, weil die Stadt und die Kirchen wieder eine gemeinsame Veranstaltung wie beim Lampedusa-Projekt machen wollen.“ Eggert sollte sich also mit Luther befassen. Ausgerechnet im Jahr des 500. Reformationsjubiläums. Besser hätte es nicht kommen können.

„Luther, Luther überall“

Das Ergebnis ist ein unterhaltsamer Fünfakter, der alles andere als eine Lobhudelei für den großen Reformator ist. Aufgeführt wurde das Stück im Hemsbacher Bonhoefferzentrum vom „Theater Bonhoeffer“, beteiligt waren Bürgermeister Jürgen Kirchner sowie sämtliche Pfarrer. Akustisch sorgten Liedermacher Christian Straube (Gitarre) sowie die Jens Thomas (Posaune) und Sohn Jonathan (Trompete) aus Laudenbach für die musikalische Untermalung. Gemeinsam sang man den Evergreen „Ein feste Burg ist unser Gott“.

Dekanin Monika Lehmann-Etzelmüller übernahm die Rolle der Moderatorin und führte zu Beginn des Stückes an, was Texteschreiber Eggert schließlich inspiriert hatte: die Omnipräsenz Luthers im Reformationsjahr. „Luther, Luther überall, auf Kartons, auf Tassen, als Radiergummi.“

Und darum versteht auch ein skeptischer Ehemann (Ernst Hertinger) seine gefestigte Frau (Pfarrerin Corinna Seeberger), die eine „Reformations-Geburtstagsfeier“ organisieren möchte, ganz und gar nicht. „Manchmal nervt es einfach“, platzt es aus ihm heraus – ein autobiografischer Bezug, wie Texteschreiber Eggert zugibt, dessen Frau festes Mitglied in der Bonhoeffergemeinde ist. Letztlich lässt sich der Ehemann doch dazu überreden, an der „Reformationsparty“ teilzunehmen. Er begleitet seine Frau sogar zum Reformationstheater ins Bonhoefferzentrum, nachdem die beiden einen kurzen Halt am Sportzentrum gemacht hatten. Dort fanden am selben Abend die Kegelmeisterschaften statt, weshalb man ins Bonhoefferzentrum wanderte – ein wiederkehrender Gag im Stück.

So unterhalten sich die beiden Bauarbeiter, die an der neuen Kulturbühne werkeln, in ihrer Pause über Luther. Eggert, diesmal als Schauspieler, klärt seinen Kollegen (Tobias Clausing) auf: Luther wetterte gegen die Juden, „aber das vergessen alle immer“. Am Ende schließen die beiden, dass es doch ganz lustig wäre, wenn der ,rechte’ Luther auf den großen „Boeni“ – Dietrich Bonhoeffer – treffen würde.

In Szene drei dominiert das Unverständnis über die Luther-Faszination: Zwei Jugendliche (Sascha Klaus, Sandra Nath) diskutieren über ihre Pläne zum 31. Oktober – Halloween-Feier oder Reformationsgottesdienst? Ein Gespräch, das irgendwann im Sande verläuft, weil die beiden Meinungen über den Ablasshandel, den Luther aufzeigte, aufeinanderprallen. Zu einer Einigung kommen die beiden Jugendlichen nicht.

Eggert lässt Menschen verschiedener Altersklassen mit unterschiedlichen Einstellung zum Thema Luther und deren Für und Wider aufeinandertreffen. Den roten Faden, den Anstoß für die Gespräche liefert zu Beginn jeder Szene der anlautende Beitrag der fiktiven Radiosendung „Kreuz und Quer“, die Christel Apel und Pastor Tobias Meisinger aus dem Off sprechen. Themen sind die Lutherin Katherina von Bora, der Ablasshandel und Luthers Prägung des Weihnachtsfests, wie wir es heute kennen. „Das hatte ich zuvor auch nicht gewusst“, berichtet Eggert, der Recherchen anstellte und Lexika durchforstete.

Den letzten Akt übernahmen Stadt und Kirche: Bürgermeister Jürgen Kirchner und die Pfarrer Klaus Rapp und Gerrit Hohage überbrachten, ausgehend von topaktuellen Nachrichten aus aller Welt, ihre Gedanken zu gesellschaftlichen Themen wie Flüchtlingsintegration, Altersarmut und das selbstzentrierte Denken in der heutigen Zeit, um daraus zu schlussfolgern: Damals wie heute ist eine Solidargemeinschaft erforderlich, in der alle zusammen anpacken und auf ihre Mitmenschen achten.

Und auch Eggert scheint sich mit Luther „versöhnt“ zu haben. Aus seiner Feder stammt unter anderem folgender Satz in einer Szene: „So ein Luther wäre heute auch noch ganz gut.“ lim

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