Nicht mehr viele Zeitzeugen
03.02.2017
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03.02.2017 05:00
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Leserbrief
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Wir müssen wissen, was damals passiert

WN/OZ vom 27.

Ich finde es sehr gut, wenn junge Menschen wissen, was damals (gemeint ist die Zeit von 1933 bis 1945) passiert ist. Zeitzeugen können authentische Geschichten erzählen. Was den möglichen Zeitzeugen in dem Artikel anbelangt, habe ich jedoch eine Frage: Wie alt ist der Opa der 16-jährigen Lena, von dem Sie schreiben? Wenn ich das Wort „Opa“ in Verbindung mit dem Wort „Krieg“ lese, denke ich an alte Männer, die zwischen 1939 bis 1945 an irgendeiner Front sinnlos gekämpft oder anderweitig – und dann noch viel, viel sinnloser – unter der Nazi-Herrschaft gelitten haben. Mein Opa konnte sich an diese schreckliche Zeit erinnern. Er wurde allerdings auch im Jahr 1903 geboren. Er erlebte zwei Weltkriege, den ersten als Kind und Jugendlicher, den zweiten als Soldat mit allem Drum und Dran. Er hat mir bis zu seinem Tod im Jahr 1985, da war ich 14 Jahre alt, leider nichts vom Krieg erzählt (was vollkommen typisch für die betroffene Generation war). Ich beneide Lena um ihren auskunftsfreudigen Opa. Aber: Mein Vater ist nunmehr 76 Jahre alt. Er wurde 1941 geboren und könnte sehr gut der Opa von Lena sein. Doch selbst wenn er wollte, könnte er Lena nichts vom Krieg erzählen, weil er an dessen Ende gerade einmal zarte vier Jahre alt war. Was will Lenas Opa, sofern auch er im Alter meines Vaters ist, oder sogar jünger, ihr vom Krieg erzählt haben? Gut, Sie schreiben nichts darüber, von welchem Krieg er erzählt hat oder ob er Lena vielleicht nur das über den Zweiten Weltkrieg erzählt hat, was er seinerzeit in der Schule darüber lernte (und das war in den 1950er-Jahren nicht viel, wenn ich meinem Vater glauben kann).

Es ist traurig aber wahr: Uns gehen die Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs aus. Wir benötigen mittlerweile mindestens über 80-jährige, wenn nicht sogar sehr rüstige 90-jährige Menschen für Erzählungen aus erster Hand. Junge Menschen, vor allem wenn sie um die 16 Jahre alt sind, haben im Jahr 2017 wohl nur noch sehr selten Großeltern, die den Zweiten Weltkrieg bewusst miterlebt haben. Zwar liegt die Kindheit ihrer Großeltern für die 16-Jährigen gefühlt in weiter Ferne, aber meist jenseits von 1945. Die „neuen“ Omas und Opas können Computer und Smartphones bedienen.

Heiko Mittelstaedt, Hemsbach

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03.02.2017 05:00
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