„Nichts kommt von selbst’“
LAUDENBACH, 27.10.2017
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27.10.2017 05:00
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Leserbrief
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LAUDENBACH. Die Erinnerung und Würdigung der Lebensleistung des vor 25 Jahren verstorbenen Altkanzlers und SPD-Ehrenvorsitzenden Willy Brandt standen im Mittelpunkt des gut besuchten Monatstreffens der Arbeitsgemeinschaft 60plus im Georg-Bickel-Haus.

Nach einer Nachlese der Bundestagswahl ging AG-Sprecher Herbert Bangert auf die Persönlichkeit Brandts ein. Einige Bilder hätten sich fest in die Erinnerung eingebrannt. Als Beispiele nannte er die Proteste gegen den Mauerbau 1961, den Berlin-Besuch Kennedys 1963, den Besuch der DDR mit seinem zurückhaltenden Winken aus dem Fenster des Erfurter Hofs 1970, den Kniefall von Warschau im gleichen Jahr, die Verleihung des Friedensnobelpreises 1971, den Rücktritt als Kanzler 1974, seine große Abschiedsrede als Parteivorsitzender 1987 und schließlich die Maueröffnung 1989. Mit diesem Ereignis habe er einen erheblichen Teil seines Lebenswerks vollendet gesehen und ihn mit dem denkwürdigen Satz „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“ beschrieben. Im Rahmen Ortsvereinsreisen habe die Laudenbacher SPD sowohl den Erfurter Hof wie auch das Mahnmal in Warschau besucht und sei auf den Spuren Brandts gewandelt, sagte Bangert weiter.

Ein deutsches Schicksal

Brandts Lebensgeschichte sei ein deutsches Schicksal des 20. Jahrhunderts mit Krieg und Frieden, Zwängen und Freiheit. Er sei 1913 in eine Zeit hineingeboren worden, die noch von Klassenunterschieden geprägt gewesen sei. Seine proletarische Herkunft habe seinen politischen Weg mitgeprägt. „Links und frei“ sei nicht nur der Titel seines vielleicht persönlichsten Buchs, sondern auch zeitlebens sein aufrichtiges und glaubhaftes Bekenntnis gewesen. Als er als Regierender Bürgermeister in Berlin den Mauerbau miterleben musste, wurde er zum lautstarken Anwalt der Freiheit und gab der verwundeten Stadt eine Stimme.

Als Außenminister und Bundeskanzler habe er die Friedens- und Entspannungspolitik geprägt, die unter dem von Egon Bahr formulierten Leitgedanken „Wandel durch Annäherung“ gestanden habe. Brandts Außenpolitik sei aber weit mehr gewesen als der Abschluss der Ostverträge. Sie sei auch Europapolitik im umfassenden Sinne und mit Blick auf den Nord-Süd-Dialog Weltpolitik gewesen.

Patriot und Internationalist

Brandt sei gleichermaßen Patriot wie Internationalist und hierbei leidenschaftlicher Europäer gewesen. Er habe es als seinen größten Erfolg gewertet, dazu beigetragen zu haben, dass der Name unseres Landes und der Begriff des Friedens wieder in einem Atemzug genannt werden können, so Bangert. Ihm sei weltweit politische Autorität auch deshalb zugewachsen, weil hinter der harten Sachpolitik ein tiefes menschliches Empfinden spürbar gewesen sei.

In den fünf Jahren seiner Kanzlerschaft habe er weitreichende innenpolitische Veränderungen angestoßen und umgesetzt. Es sei sein Ziel gewesen, die Gesellschaft freier, gerechter und solidarischer zu machen, wobei es ihm gelungen sei, hierbei sozialdemokratische Tradition und Modernität zu verbinden. Er habe sich stets von seinem Satz seiner Regierungserklärung im Oktober 1969, „mehr Demokratie zu wagen“ leiten lassen. Brandt habe die Herzen der Menschen erreicht. Für ihn hatte, wie er es in seiner Abschiedsrede 1987 beschrieb, „sozialdemokratische Politik Herz und Verstand, Leib und Seele“. Es sei ihm gelungen, was er in seiner Regierungserklärung ankündigte, nämlich „ein Volk der guten Nachbarn zu werden, im Innern und nach außen“. Er habe einen langen und schwierigen Weg zurücklegen müssen: von der Verfolgung zur Verehrung, vom Hass zur Zuneigung, von Niederlagen zum Erfolg.

Das Vermächtnis

Wie ein Vermächtnis lese sich seine Abschiedsrede für den Kongress der Sozialistischen Internationale, die sein Weggefährte Hans-Jochen Vogel wenige Tage vor Brandts Tod verlesen hatte. Dort heiße es: „Nichts kommt von selbst. Und nur wenig ist von Dauer. Darum – besinnt Euch auf Eure Kraft und darauf, dass jede Zeit eigene Antworten will und man auf ihrer Höhe zu sein hat, wenn Gutes bewirkt werden soll.“

Ein rund einstündiger Film beleuchtete im Anschluss die wichtigsten Stationen in Willy Brandts Biografie.

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27.10.2017 05:00
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