Profit-Fußball
28.01.2017
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28.01.2017 05:00
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FCB will Missgünstige weinen sehen

WN/OZ vom 10. Januar

Bei einer Privataudienz für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft Ende vergangenen Jahres lobte Papst Franziskus die Rolle der Spieler als Vorbilder für Millionen Jugendliche weltweit und betonte die persönlichen Opfer, die der Wettkampf voraussetze. Dass Spitzenkicker die Dummheit, ihre Ballkünste mit Millionen zu dotieren, ausnutzen, spricht mindestens für vorbildlichen Geschäfts-geist. Persönlichem Ehrgeiz geschuldete Opfer sind allerdings kein Ausweis von Tugend, sondern Diktat eines karriereorientierten Egos.

Dass die Spielerstars zudem Profiteure und Aushängeschilder eines globalen Vermarktungskarussells sind, dessen Arme bis in die Hinterhöfe von Billiglohnländern reichen, die Frauen zu Hungerlöhnen für westliche Luxuslabels schuften lassen, ist alles andere als vorbildlich. Nie war die Macht des Kommerzes totaler, nicht zuletzt im Milliardengeschäft „Profit-Fußball“, das laut FAZ allein Bayern München über seinen Ausrüstervertrag mit Adidas – mit 70 Millionen Euro jährlich – bis zum Jahr 2030 mehr als eine Milliarde Euro in die Vereinskasse spült.

Da kann Präsident Hoeneß tönen, er wolle die Missgünstigen am Ende der Saison wieder weinen sehen. Grund zum Weinen hat die asiatische Näherin, die für ein bei uns 200 Euro teures paar Sportschuhe 67 Cent erhält. Das entspricht gerade dem Gegenwert eines Schnürsenkels. Ungeachtet der fast religiös anmutenden Glorifizierung von Fußballstars als Helden und Halbgötter: Ikonen wie Manuel Neuer mit einem geschätzten Jahresgehalt von 15 Millionen Euro täuschen darüber hinweg, dass laut Spielergewerkschaft VdV jeder vierte Profi irgendwann bei Hartz IV landet. Die Folgen des Erfolgs- und Leistungsdrucks, ganz oben zu sein, zeigt eine Untersuchung der Universität Hagen vom vergangenen Jahr, der zufolge jeder vierte der 150 anonym befragten Profikicker den Griff nach unerlaubten Substanzen zugab. Jüngste Enthüllungen von Football-Leaks dokumentierten eine beispiellose Gier nach Profit und Macht, kommentierte „Die Zeit“.

Um Geld am Fiskus vorbeizuschleusen, werden Regeln gebrochen und Grenzen überschritten. Der Überfluss, nicht der Mangel, ist die Wurzel der Habsucht, schrieb der Philosoph Montaigne. Daher wünsche nichts mehr, wer erhielt, was genug ist, mahnte der römische Dichter Horaz. Bevor die Bretter, die die Welt bedeuten, zu Kopf steigen.

Thomas Wyrwoll, Weinheim

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