Räder für geflüchtete Frauen
Kreis Bergstraße, 23.10.2017
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23.10.2017 05:00
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Kreis Bergstraße. Mobil und frei, preisgünstig und unabhängig: Das Fahrrad ist der einfachste Weg, um seine Umgebung zu erkunden. Für Migranten hat diese Form der Selbstständigkeit eine noch größere Relevanz. Sie können sich schnell und unkompliziert im Alltag bewegen und ihren Wirkungskreis vergrößern – in privater wie beruflicher Hinsicht. Das Projekt „Neustart Bergstraße“ bietet geflüchteten Frauen deshalb seit einigen Monaten ein Verkehrssicherheitstraining, um sich gut und sicher auf der Straße zu bewegen. Denn was für deutsche Grundschüler völlig normal ist, bedeutet für Zuwanderer und Vertriebene oftmals völliges Neuland.

Mehr Freiraum geben

Die Arbeitgeberstiftung Südhessen hat der Maßnahme jetzt zehn neue Fahrräder gespendet. „Damit möchten wir die individuelle Sicherheit im Straßenverkehr verbessern und den Menschen ein Stück mehr Freiraum geben“, sagte Wolfgang Drechsler, ehrenamtlicher Generalsekretär der Stiftung bei der Übergabe im Hof des Bildungswerks der hessischen Wirtschaft in Bensheim.

Das Integrationsprojekt ist eine Kooperation mit der lokalen Bildungsinstitution der hessischen Unternehmerverbände und wird gefördert vom Kommunalen Jobcenter Neue Wege im Kreis Bergstraße. Für Drechsler ist das Verkehrstraining ein weiterer Baustein für eine gelingende Integration in der Gesellschaft.

Oliver Nüchter bestätigt dies. Der Regionalleiter beim Bildungswerk weiß, dass sich viele geflüchtete Menschen schwertun, sich auf dem Rad im Straßenverkehr zu orientieren und zurechtzufinden. „Wir müssen unsere Bemühungen verstärken, um diesen Menschen zu ermöglichen, unseren Alltag besser zu verstehen.“ Das Rad biete Mobilität und Selbstständigkeit auf einfache Weise – und das kostengünstig, zuverlässig und umweltfreundlich.

Zurechtfinden im Verkehr

Angeschafft wurden jeweils fünf Klapp- und 26-Zoll-Räder, die den Bedürfnissen der Fahranfängerinnen angepasst sind. Die Frauen stammen überwiegend aus Syrien und Äthiopien und werden demnächst mit dem Training beginnen, so Christiane Wick, Leiterin von „Neustart“. Die Maßnahme bietet neu angekommenen Bürgern in einem realitätsnahen Kontext das Erlernen essenzieller Grundkenntnisse der deutschen Sprache, um sich besser im deutschen Lebensalltag zurechtzufinden und Kontakte zu knüpfen. Kurz: um gut anzukommen.

„Neustart“ hilft dabei, persönliche Kompetenzen zu erkennen, Potenziale zu fördern und Perspektiven zu vermitteln. Es will die Eingliederungschancen verbessern, indem es eine berufliche Erstorientierung anbietet und Menschen durch den Alltag begleitet. Das Radfahren kann dabei helfen, die individuelle Autonomie zu stärken und sein Leben schnell selbst in die Hand nehmen zu können. In der hauseigenen Fahrradwerkstatt können Flüchtlinge, Asylbewerber und andere Migranten ihre praktischen Fähigkeiten auszuprobieren.

Spezielle Kurse für Frauen

Vernetzt ist das Rad-Projekt mit der regionalen WIR-Koordinatorin Monika Bauer-Herzog, die seit zwei Jahren die Initiative „Ride your bike safely“ anbietet. Bislang haben im Kreis Bergstraße 18 Kurse in zwölf Städten und Gemeinden stattgefunden. Im vergangenen Jahr wurde das Angebot um spezielle Kurse für Frauen erweitert. „Radfahren ermöglicht Teilhabe und macht Spaß“, so Christiane Wick. Die Spende trage dazu bei, dass die Maßnahmen zur Erstorientierung aufrechterhalten werden können.

Die Arbeitgeberstiftung Südhessen wurde 2014 vom Unternehmerverband Südhessen und dem regionalen Verband der Metall- und Elektrounternehmen gegründet mit dem Ziel, Eigeninitiative, unternehmerische Verantwortung und regionales Engagement zu verbinden.

Unter den Stiftungsprojekten finden sich Lernlabore, eine Jugendschwimmförderung und die Vergabe des MINT-Schülerpreises. Darüber will man junge Leute mit einem Migrationshintergrund für eine duale Berufsausbildung begeistern, so Wolfgang Drechsler in Bensheim. tt

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