Schicksal klopft musikalisch an die Tür
Viernheim, 10.11.2017
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10.11.2017 05:00
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Leserbrief

Viernheim. Der erste lange Beifall im fast voll besetzten Bürgerhaus galt den 60 Musikern mit ihrem Dirigenten Günther Stegmüller. Da wurde es beim Sinfoniekonzert unter dem Motto „Schicksalsjahre“ sogar auf der recht großen Bühne ziemlich eng. Der musikalische Leiter Günther Stegmüller hatte die Latte auf den Notenpulten sehr hoch gelegt. Es standen Kompositionen auf dem Programm, die zu den schwierigsten ihrer Art zählen. Das machte Stegmüller nach kurzen Inhaltserläuterungen auch an Orchesterbeispielen deutlich.

Bei der Ouvertüre zu der Oper „La forza del destino“ (Macht des Schicksals) von Giuseppe Verdi geht es um das tragisch endende Schicksal von Donna Leonora und Don Alvaro. Schon die Ouvertüre schildert diese packende Handlung zwischen Liebe und Hass, zwischen Segen und Fluch in einer brillanten Zusammenfassung dramatischer Gegensätze. Zarte Passagen der Streicher wechseln zu gewaltigen, schrillen Einsätzen der Bläser, um dann mit sich verlierenden Melodien das tödliche Schicksal des Paares zu schildern.

Resignation und Einsamkeit

Das war der Wegweiser zu den noch folgenden Größen des Abends mit dem jungen russischen Pianisten Alexey Pudinov, der bereits in großen internationalen Konzerthallen gefeiert wurde. In Viernheim saß er bei dem berühmten Klavierkonzert Nr. 1, b-Moll op.23 von Tschaikowski am Flügel. Dieses Klavierkonzert ist das wohl bedeutendste der drei Klavierkonzerte des russischen Komponisten, der Resignation, Einsamkeit und Leid auch in Folge seiner Homosexualität ertragen musste.

Szenen von Resignation, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, aber auch von seinem Glück in der Musik vermittelte das Klavierkonzert im ständigen Dialog zwischen Orchester und Pianisten, mit dessen schweren Mollpassagen und aufbegehrenden wilden Stakkaten, um plötzlich wieder in leises Verweilen zu versinken. Alexey Pudinov schuf diese außergewöhnliche Tonarchitektur mit rhythmischer Bestimmtheit, scharf geschnittenen Themen, rasender Virtuosität und zarter Hingabe. Oft waren es einzelne leise Töne, die den Durchbruch zum Glück andeuteten. Das empfand der Zuhörer vor allem im zweiten Satz, wenn Pudinov das vom Orchester vorgegebene Thema in Variationen nachempfand. Selten zuvor wurde in Viernheim ein Künstler so bejubelt wie der russische Pianist.

Was Tschaikowsky Russland bedeutet ist für die Deutschen Ludwig van Beethoven: Ein Komponist mit einer ungeheuren Fülle der Formen der Werke. Die Sinfonie Nr. 5, c-Moll op. 67 ging als „Schicksalssinfonie“ in die Musikgeschichte ein. Beethoven blieb schweres Leid durch eine zunehmende Gehörschwäche bis zur völligen Taubheit nicht erspart. Schon die ersten vier Töne in Moll prägen dieses Werk und bilden den roten Faden. Die Vorgabe des Themas von einzelnen Instrumentengruppen werden vom gesamten Orchester in Vielfalt variiert. Immer wieder sind es die Celli und Bratschen, die in dunklen melancholischen Passagen von gewaltigem Orchestersound unterbrochen werden. Die Schicksale der Komponisten hat vor allem Dirigent Stegmüller mit seinem leidenschaftlichen Fordern und mit seiner Hingabe zu leisem Verweilen interpretiert. Es war ein großer Erfolg des Vorsitzenden Rúnar Emilsson.

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10.11.2017 05:00
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