Schöne heile Welt
28.10.2017
Diesen Artikel
28.10.2017 05:00
Drucken Vorlesen Senden
Leserbrief
59

Kleine Schätze aus alten Zeiten

WN vom 21. Oktober

Ach, was für ein Bürgersinn und welche Wertschätzung des gewachsenen Ortsbildes muss in diesem Dorf herrschen, dass so viele schöne, alte ehemalige Bauernanwesen noch stehen. Welch schöne heile Welt! Das könnte der Leser aus dem Artikel entnehmen. Er übersieht, dass es stetiger Bemühungen nur weniger Neubürger zu verdanken ist, dass überhaupt noch so viel erhalten ist. So wurde in den 1970er-Jahren das große stattliche Fachwerkhaus an der Oberen Bergstraße über dem Apfelbach abgerissen. Es hatte nach meiner Meinung als eines der wenigen die Erbfolgekriege Ende des 17. Jahrhunderts überlebt. Das Fachwerk war ganz aus Eiche. Später hat man nicht mehr so aufwendig bauen können. Erst in jüngster Zeit wurde in der Breitgasse ein komplett erhaltener Fränkischer Hof samt altem Weinkeller und Bauerngarten durch fünf riesige „Renditeschuppen“ ersetzt. Als Feigenblatt für diese städtebauliche Bravourtat ließ man die Toranlage stehen.

Der die Breitgasse prägende Hof von Altbürgermeister Mayer wurde abgerissen. Heute steht dort eine Sparkasse und als kläglicher Rest die übrig gebliebene Scheune. Ebenfalls in der Breitgasse wurde dem Beton-Flachdach-Kubus einer Bank erst nach der Kritik durch das damals tätige Beraterteam „Freundliches Hirschberg“ ein Satteldach aufgesetzt. In der Lettengasse ließ man eine kleinere Hofanlage so lange verrotten, bis sie einem überdimensionierten Wohnhauskubus Platz machen musste. Zum wohl schönsten Fachwerkhaus im Mühlgraben: Es war nicht gut erhalten, sondern es wurde durch Privatinitiative aus einem verputzten, unscheinbaren Gebäude „herausgeschält“. Auch hier ein „Neubürger“, ein Kunsthistoriker, der das ortsbildprägende Schatzkästchen unter dem Putz erkannte und mit Sachverstand und Können restaurierte. Nach gängiger Denkweise im Dorf hätte man es eines Tages wohl auch abgerissen. Auch der ehemalige kurpfälzische Zollhof, eine Anlage mit hohem historischem Bezug zum Dorf, wurde durch Privatinitiative gerettet. An der Ecke Breitgasse/Brunnengasse stand eine schöne Hofanlage, deren Wirtschaftsgebäude sich durch eine schöne, die Ecklage unterstreichende Dachlandschaft auszeichneten. Ein Edeka-Zweckbau an dieser Stelle hinterließ einen Lagerraum, dessen trostlose Ausstrahlung sich in die fortschreitende Verslumung der Breitgasse einfügt.

Dr. Götz Kaiser, Hirschberg

SOCIAL BOOKMARKS
28.10.2017 05:00
Drucken Vorlesen Senden
Ihre Meinung interessiert uns

Durchsuchen Sie unser Archiv!