Sie gibt dem Krebs ein Gesicht
Schriesheim/Heidelberg, 20.04.2017
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20.04.2017 05:00
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Leserbrief
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Schriesheim/Heidelberg. „Ich bin vor zwei Jahren zufällig an Krebs erkrankt“, sagt Vanessa Weil zur Begrüßung. Als würde sie nun beiläufig zur Schilderung des zurückliegenden Urlaubs übergehen. Während ihrem Gesprächspartner erst einmal der Atem stockt und eine Flut an Gedanken loswirbelt, streckt die 39-Jährige mit einem breiten, offenen Lächeln die Hand hin.

Ohne Umschweife, klar und verbindlich geht sie das Gespräch an. Ihre Zeit ist kostbar und sie hat noch viel vor. Vanessa Weil ist an Dottersackkrebs erkrankt. Die Prognose ist schlecht. Möglicherweise ein Jahr, vielleicht noch viel mehr hat sie zu leben. In dieser Zeit möchte die selbstbewusste und energiegeladene Frau der Krankheit ein Gesicht geben: ihres. Und Vanessa Weil möchte anderen helfen. 13 Fotografen haben die Schriesheimerin in den vergangenen Wochen kunstvoll in Szene gesetzt. Jeden Monat zeigt sie ein neues Bild in ihrem Blog. Im Herbst wird daraus ein hochwertiger Kalender. Der Erlös fließt in ein Patenprojekt am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT): Jeder neue Krebspatient soll von einem „erfahrenen“ Krebspatienten empfangen werden. „Ich bin im NCT zuhause“, erklärt Weil ihre Idee.

1,5 Jahre lang Chemo und OPs

Ende Juli 2015 entdecken Ärzte während einer Routinebehandlung einen Tumor auf der Nebenniere bei ihr. Dottersackkrebs. Eigentlich zu 95 Prozent heilbar. Bei der Schriesheimerin leider nicht. „Es gibt nicht einmal eine Selbsthilfegruppe für mich“, sagt die Frau mit dem haarlosen Kopf ein bisschen sarkastisch. Nach einer Operation folgen die ersten vier Chemo-Einheiten.

Im Januar 2016 werden ein Rezidiv an der Nebenniere sowie Lebermetastasen entdeckt. Es folgen weitere drei Einheiten Höchstdosis Chemotherapie. Im Juni sieht alles gut aus: Die Tumormarker sind im Normbereich.

Ein Jahr nach der Diagnose soll das restliche Krebsgewebe entfernt werden. Doch die Untersuchung in der Pathologie zeigt: Ein Tumor ist nicht tot. Weitere Chemos und Operationen folgen. Seit März ist diese schlimme Zeit beendet. Vanessa Weil hat eine Auto-Immuntherapie begonnen - und bereitet sich auf ihr Lebensende vor.“Krebs kann einem alles nehmen - den Beruf, Freunde, Familie“, sagt die ehemalige Projektmanagerin von MLP. Aber: „Nur Zuhause krank sein, reicht mir nicht.“

Gemeinsam mit einer Freundin sei „Krebs hat ein Gesicht“ entstanden. „Ich mache das nicht für mich, sondern für alle Krebspatienten. Nicht jeder kann damit so offensiv umgehen wie ich.“ Und: „Ich möchte mit den Fotos zeigen, wie wunderbar wandelbar wir sein können.“ Sie habe sich selbst nie fotogen gefühlt. Sieht man ältere Fotos der jungen, blonden Frau mit dem kurzen blonden Haar, kann man das gar nicht glauben.

Jeder der 13 Fotografen hat das Thema „Krebs ein Gesicht geben“ anders interpretiert. Ralf Mack aus Angelbachtal legt Vanessa ein echtes Krebs-Meerestier in die Hand, Heiko Decker aus Hambrücken setzt sie im Dossenheimer Hallenbad inmitten von Blütenblättern in Szene. Alle Fotografen und Visagistinnen haben auf ein Honorar verzichtet. Die MLP-Kollegen und ihr Chef helfen ebenfalls. Unternehmensgründer Manfred Lautenschläger überlebte in jungen Jahren Bauchspeicheldrüsenkrebs und geht damit offen um. Die Kollegen finanzieren die Druckkosten, sodass der Kalender-Erlös komplett in das NCT-Projekt fließt. 15 Euro kostet ein 23 mal 33 Zentimeter großer Kalender, dazu kommen Portokosten von 1,45 Euro. Man kann ihn ab sofort auf der Homepage vorbestellen. „Das Geld fließt auf ein NCT-Konto und kann nur für das Patenprogramm verwendet werden.“ 5700 Begleiter hat Vanessa Weil bereits auf ihrem Blog. Wenn bis August 1500 bis 2000 Kalender vorbestellt seien, wäre es ein riesiger Erfolg, hofft die Initiatorin: „Die zwei Projekte - der Kalender und das Patenprogramm - sind mein Vermächtnis. Sie glauben das jetzt vielleicht nicht. Aber ich habe die Krankheit als Teil meines Weges akzeptiert. Wir müssen alle sterben. Der Unterschied zu den meisten Menschen ist: Ich weiß genau, woran ich sterben werde.“ Bis dahin muss sie in Bewegung bleiben: „Beim NCT-Spendenlauf am 7. Juli bin ich auf jeden Fall dabei!“ miro

www.krebs-hat-ein-Gesicht.de

Vanessa Weil aus Schriesheim hat das Projekt „Krebs hat ein Gesicht“ ins Leben gerufen.

Es gibt eine Homepage sowie einen Blog auf Facebook unter diesem Namen.

13 Studio-Fotografen haben die 39-Jährige in ganz unterschiedlichen Szenen abgelichtet. Die ersten vier Fotografen-Bilder kann man sich schon im Internet ansehen. Sie stammen von Claus Baumann, Stefan Beutler, Andreas Jorns und Ralf Mack.

Jeden Monat kommt ein Foto hinzu. Daraus entsteht ein Kalender 2018. Er kann für 16,45 Euro inklusive Versand vorbestellt werden.

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20.04.2017 05:00
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