Sieg der Dummheit
23.12.2016
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23.12.2016 05:00
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Leserbrief
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Thema: Vom Sinn der Bildung

Das Sozialprodukt einer von ökonomischen Zwecken und Interessen dominierten Kultur ist eine angeschulte Tüchtigkeit, die standardisierte Wesen erzeugt, die sich in Funktionen oder Status auflösen. Ziel solcher Ausbildung ist die Konstruktion von Dienern, nicht die Eigenständigkeit und Freiheit individueller Persönlichkeit. Tüchtigkeit, die eher den Willen zum Gehorsam erfordert, bedarf keiner selbstkritischen Urteilskraft, die dem Willen zur Freiheit verpflichtet ist. Deshalb betont die Tiefenpsychologie den engen Zusammenhang zwischen Intelligenz und persönlicher Freiheit sowie deren Bedeutung für die Entwicklung von Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Je umfangreicher die Bewusstheit, so C. G. Jung, desto weiter der Horizont persönlicher Freiheit. Vorrangige Aufgabe von Bildung ist daher Bewusstseinsbildung als Fundament wertbezogener Selbstwerdung und mündiger Selbstbestimmung. Eine nur äußerlich verplanende Bildung verkennt die Macht des Unbewussten: gerät Intelligenz unter die Dominanz vom Affekten, nimmt die Gefahr aggressiver Reaktion erheblich zu, weil die Urteilskraft getrübt ist. Wenn sich Bildung daher auf Talentförderung, Begabungsauslese und Evaluation von ‚marketable skills’ (Hentig) fokussiert, wird die höchste Intelligenzleistung der kritischen Urteilskraft unentfaltet bleiben.

Dann erscheinen die gegebenen Verhältnisse alternativlos, gleichsam als Über-Ich, das korrekte politische Anpassung verlangt, die vom Zeitgeist diktiert wird, der über den Tellerrand unkritischer Akzeptanz kaum hinauskommt. Dann bleibt auch noch die Mitgift des natürlichen Verstandes auf der Strecke: Wo die Kraft vernünftiger Einsicht geschwächt ist, gewinnt der Gesinnungsterror der Angst Macht. Der Philosoph Pascal sah in der Denkfähigkeit einen Wesenskern der Menschenwürde. Der große Humanist Albert Schweitzer mahnte: Verzicht auf Denken, um persönlicher Verantwortlichkeit zu entgehen, ist Bankrotterklärung. Und Albert Einstein beklagte, die Macht der Dummheit sei fast unüberwindlich. Nicht auszuschließen, dass ihr das digitale Zeitalter den Endsieg beschert: Sie war schon immer der gefährlichste Trojaner.

Thomas Wyrwoll, Weinheim

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