„Aktivismus kann auch wehtun“
Region, 01.07.2020
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01.07.2020 05:10
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Region. Durch den Tod von George Floyd am 25. Mai ist Rassismus wieder zu einem großen Thema geworden, obwohl es alles andere als neu ist. „Rassismus ist immer noch allgegenwärtig“, sagt Anja Ostrowski, Leiterin des 2018 gegründeten und 2019 gestarteten Antidiskriminierungsnetzwerks (AdiNet) Südhessen. „Die Frage ,Gibt es Rassismus?‘ wird nur von Menschen gestellt, die so privilegiert sind, nicht negativ betroffen zu sein“, sagt sie. Rassismus begegne offensiv, unterschwellig – und oft auch unbewusst. Nicht jedem sei sofort klar, dass er rassistisch handle. „Wir sind so aufgewachsen, haben bestimmte Bilder im Kopf, aber wir müssen lernen, zu reflektieren – und das geht auch. Das kann man schaffen.“

Das AdiNet Südhessen ist eines von insgesamt vier Netzwerken in Hessen, die eine horizontale Vernetzung von Initiativen, Vereinen und Akteuren, die gegen Diskriminierung arbeiten, vereinfachen sollen. Initiiert und gefördert wird es von der Antidiskriminierungsstelle im Hessischen Ministerium für Soziales und Integration. Trägerverein ist „Fabian Salars Erbe e.V.“ für Toleranz und Zivilcourage mit Sitz in Bensheim. Das Netzwerk selbst ist nicht beratend tätig, es vermittelt aber. „Wir bringen die Akteure zusammen. Wir verstehen uns als Ansprechpartner und als Knotenpunkt. Wir bauen das Netzwerk auf und halten es zusammen.“

Eigene Privilegien nutzen

Was kann jeder Einzelne tun, um nicht rassistisch zu handeln und sich zu engagieren? „Es ist wichtig, den anderen zuzuhören. Und die eigenen Privilegien sollte man nutzen, um anderen zu helfen, indem man beispielsweise Gruppen in der Nähe aktiv oder auch finanziell unterstützt“, sagt sie. Ein großer Anteil der Akteure sei tatsächlich weiß und müsse sich nicht vor rassistischer Gewalt fürchten – „beste Voraussetzung, um sich in Solidarität zu verbünden“, sagt Ostrowski.

Migrantische Selbstorganisationen zu unterstützen sei ebenfalls aktive anti-rassistische Arbeit. Sie weiß aber auch: „Aktivismus kann auch wehtun, weil es zu Kritik kommen kann, wenn man sich für etwas engagiert. Das muss man aushalten. Aber ich bin nur dann eine gute Verbündete, wenn ich lerne, mit dieser Kritik umzugehen.“ Außerdem solle man es nicht als selbstverständlich betrachten, dass von Rassismus Betroffene Rede und Antwort für ein richtiges Verhalten stehen. „Man muss bedenken, dass sie ihre teils traumatischen Erlebnisse dann immer wieder erzählen müssen.“

Aus dem Anfang Juni dieses Jahres veröffentlichten Jahresbericht 2019 der Antidiskriminierungsstelle des Bundes geht hervor, dass die Zahl der Beratungsanfragen zu Diskriminierungen aufgrund der ethnischen Herkunft beziehungsweise rassistischer Zuschreibungen um knapp zehn Prozent auf 1176 Fälle gestiegen ist, was 33 Prozent aller Anfragen bei der Beratungsstelle ausmacht.

Gab es seit dem Tod von Floyd vermehrt Beratungsanfragen? In den ersten zwei Juniwochen habe es wieder verstärkt Anfragen gegeben, wie die Antidiskriminierungsberatung (ADiBe) Netzwerk Hessen Mitte Juni auf Nachfrage der Redaktion mitteilt. Genaue Zahlen wurden jedoch noch nicht evaluiert. „Alle neuen Anfragen sind solche, bei denen es um Diskriminierungen aufgrund der Merkmale der Herkunft oder der Religion (muslimischen Glaubens) ging.“ In den ersten Monaten des Jahres habe es wenig Anfragen gegeben, außer in der Zeit des Hanauer Anschlags. Sonst sei es allerdings sehr ruhig gewesen, die Fallzahlen gingen massiv zurück. Die Rückläufigkeit bedeute aber nicht, dass es weniger Diskriminierungsfälle gibt. „Vielmehr ist sie Folge der Covid-19-Krise. In der Regel lässt sich sagen, dass ADiBe einen jährlichen Fallzuwachs von circa 40 Prozent hat.“

Großer Weckruf

Der „mediale Boost“, wie Ostrowski sagt, der von dem Tod Floyds ausgelöst wurde, ist „aktuell gut und wichtig, weil so ein Bewusstsein für die Thematik entsteht. Es muss der Anfang für etwas sein, das sich nun endlich entwickeln muss.“ Die aktuelle Situation sei „ein großer Weckruf“: „Wir als weiße Menschen müssen nun unser Verhalten, das uns anerzogen wurde, überdenken und dürfen Rassismus nicht einfach ignorieren.“

Zahlreiche schwarze Menschen und People of Color leisteten seit Jahren Bildungsarbeit, beleuchten das Thema Rassismus immer wieder, „erhalten aber zu wenig – ökonomische – Wertschätzung dafür. Wer das nicht sieht, schaut aktiv weg. Wer 2020 noch nicht verstanden hat, was Rassismus bedeutet, hat die letzten Jahrzehnte von Rassismus profitiert“, sagt Ostrowski und fügt hinzu: „Autorin Tupoka Ogette würde sagen, man habe die letzten Jahre in ,Happyland‘ verbracht, einem Ort, an dem Rassismus existiert, aber ignoriert wird.“ Weiße Menschen seien jetzt in der Pflicht, sich zu bilden und ihre rassifizierenden Denk- und Verhaltensmuster zu ändern. „Das ist anstrengend und schmerzhaft, aber wir konnten uns lange genug ausruhen und satt essen.“

Mit einem solidarischen Post in den sozialen Medien allein sei es allerdings nicht getan. Ostrowski macht deutlich: „Schwarze und People of Color können keine Pause von Diskriminierungen machen.“ Deshalb solle das Engagement auch keine Pause einlegen. „Für die Politik bedeuten die aktuellen Geschehnisse, mehr Geld in Bildungsarbeit zu stecken.“

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