Als das „Aardgas“ nach Weinheim kam
Weinheim, 29.05.2020
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29.05.2020 16:40
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Weinheim. Vor 150 Jahren brannten in Weinheims Straßen nur Öllampen und das nur in den acht Monaten von Anfang September bis Ende April und vom Einbruch der Dunkelheit bis Mitternacht. In mondhellen Nächten gab es keine künstliche Beleuchtung. Zu Beginn der 1860er- Jahre boten auswärtige Firmen moderne Gaslaternen an und obwohl in der Lederfabrik Heintze & Freudenberg ab 1862 das neue Gaslicht heller leuchtete als zuvor Öl- und Petroleumlampen, konnten sich die Weinheimer Ratsherren lange nicht mit der Gasbeleuchtung anfreunden. Zunächst wurde 1865 die Straßenbeleuchtung von Öl auf Petroleum umgestellt und besonderer Wert auf die Ausleuchtung des Bahnhofsgebiets und der Straßen zum Bahnhof gelegt. Noch 1875 wurden neue Kandelaber für die Petroleumbeleuchtung angeschafft.

Bürger für Gaslaternen

Nun rührten sich die Bürger: 1877 gründete sich ein „Komitee zur Errichtung einer Gasbeleuchtung“. Die Bürgerinitiative wandte sich am 9. Februar 1877 an den Gemeinderat mit der Frage, ob er geneigt sei, die Einführung einer modernen Gasbeleuchtung auf Kosten der Gemeinde vorzunehmen. Jetzt waren die Stadtväter offenbar interessierter an einem Wechsel von den lichtschwachen Petroleum- zu den hell leuchtenden Gaslaternen, denn sie erteilten dem Kölner Ingenieur C. Mayer die Konzession zur Erstellung und zum Betrieb einer Gasfabrik in Weinheim. Doch dem Kölner ging das Geld aus. Die Konzession wurde 1884, sieben Jahre später, auf den Mannheimer Ingenieur Oskar Smreker übertragen. Er erbaute im Gewann Breitwiesen an der Stahlbadstraße (heute Mannheimer Straße) ein Gaswerk, das mit Retortenöfen Steinkohlegas erzeugte, vorwiegend für die Beleuchtung.

Am 1. Januar 1886 wurden damit die ersten Straßenlaternen gespeist und am 1. März 1886 wurde die inzwischen 186 Leuchten umfassende neue Gasbeleuchtung in Weinheim mit einem großen Fest gefeiert. Im April 1886 übernahm die mit einem Stammkapital von 170 000 Mark neu gegründete „Aktiengesellschaft Gaswerk Weinheim“ die Gasanstalt, deren Rentabilität wohl nicht besonders gut war, da der Gasabsatz nur sehr zögerlich stieg und die Gasbrenner dieser Zeit einen relativ hohen Gasverbrauch und entsprechende Kosten verursachten. Alljährlich wurde deshalb ein „Brennkalender“ aufgestellt, der die tägliche Beleuchtungsdauer für die Gaslaternen festlegte und nur die sogenannten „Richtungsleuchten“ uneingeschränkt brennen ließ. Der 1885 patentierte Glühstrumpf verbesserte die Situation und 1892 erhielten verschiedene Läden an der Hauptstraße das Gas-Glühlicht. Der „Weinheimer Anzeiger“ berichtete: „Das ruhige Licht und die Helle desselben ist eine dem Auge so wohltuende, dass gewiss bald allerwärts diese Brennart eingeführt werden wird.“

In städtischem Besitz

In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts bemühten sich Bürgermeister Heinrich Ehret und Vereinsbank-Direktor Philipp Zinkgräf, das Gaswerk in städtischen Besitz zu übernehmen. Am 8. Januar 1908 kaufte die Stadt die letzten Aktien und damit wurde das Gaswerk ein städtischer Betrieb. Die Kaufsumme betrug 369 481,69 Mark. Die Direktion setzte damals diese Gaspreise fest: Leuchtgas 21 Pfennig, Koch- und Heizgas 15 Pfennig, Motorengas 12 Pfennig, Gas für die Staatsbahn 20 Pfennig, für die Firma Freudenberg 15 Pfennig, für die Krankenhausküche 14 Pfennig, Einheitspreis 18 Pfennig je Kubikmeter. Für einen Stundenlohn konnte man anderthalb bis zwei Kubikmeter Gas kaufen – das war nicht gerade billig. 1909 betrug die Länge des Gasrohrnetzes 19,5 Kilometer, heute sind es 250 Kilometer.

Gas vom Luzenberg

Mit dem Jahr 1926 begann ein neuer Abschnitt in der Gasgeschichte: Weinheim ging auf Ferngasbezug über. Da das eigene Gaswerk völlig überaltert war, schloss die Stadt einen langfristigen Liefervertrag mit dem Gaswerk Mannheim ab und erhielt fortan Gas aus dem Gaswerk Luzenberg. Rund eine Million Kubikmeter betrug die Gasabgabe an private Verbraucher, Gewerbe und Industrie nach dem Zweiten Weltkrieg, bis 1980 stieg sie auf 48,9 Millionen Kubikmeter und verhundertfachte sich.

Erdgaswelle erreicht Weinheim

Als 1959 in Slochteren, einem Ort in der Provinz Groningen im Norden der Niederlande, Europas größte Erdgasblase entdeckt wurde, begann das jüngste und wohl auch erfolgreichste Kapitel in der Weinheimer Gasgeschichte. Es dauerte zwar noch ein Jahrzehnt, ehe die erste Erdgasfackel am Langmaasweg aufleuchtete, aber in Gedanken waren die Mitglieder des Werksausschusses des Gemeinderats schon in den 1960er-Jahren mit dem Übergang auf Naturgas beschäftigt, auch wenn zwischenzeitlich über eine Eigenproduktion nachgedacht wurde.

Im April 1967 kam die Erdgas-Diskussion auch in Weinheim in Fluss: Der Technische Ausschuss des Gemeinderats ließ sich über den Stand der Vorarbeiten für eine spätere Erdgas-Versorgung des Rhein-Neckar-Raumes informieren und erfuhr vom Gaslieferanten Rhein-Neckar AG, dass ab Herbst 1968 in seinem Versorgungsgebiet holländisches Erdgas in steigenden Mengen zur Verfügung stehen werde. Erste Abnehmer sollten nach Mannheim die von der Rhein-Neckar AG versorgten Städte Worms, Weinheim, Heidelberg und Viernheim sein. Für die Umstellung von Stadtgas auf Erdgas gab es auch einen klaren Zeitplan: 1968/69 sollten erst Weinheims Industrie, danach Weinheims Haushalte dran sein.

Am 1. Oktober 1968 erreichte das seit 1965 im Bau befindliche Erdgas-Hauptleitungssystem von Emmerich an der deutsch-holländischen Grenze die Stadtgrenze von Mannheim, das als erste südwestdeutsche Stadt ans Erdgasnetz angeschlossen wurde. Das bedeutete, dass die Umstellung auf Erdgas in Weinheim im Laufe des Jahres 1970 erfolgen würde.

1420 Meter lange Leitung

Von den Mannheimer Erfahrungen bei der Erdgasumstellung profitierten dann die Weinheimer Vorarbeiten. An der Zeppelinbrücke entstand eine Freiluft-Reglerstation für die drei Druckstufen und gleichzeitig wurde entlang der Berliner Straße eine 1420 Meter lange Rohrleitung durch das Neubaugebiet Mult verlegt, die zu einem Erdgasverteiler auf dem Gelände der Stadtwerke führte.

Und dann war er da, der denkwürdige Tag: Am 31. Oktober 1970 erreichte das erste Erdgas aus dem holländischen Slochteren über das Versorgungsnetz der Rhein Neckar AG und dessen Fernleitung Ladenburg-Heddesheim das Stadtgebiet Weinheim an der Übergabestation Zeppelinbrücke und über den Verteiler bei den Stadtwerken schließlich die Übergabestation Freudenberg am Langmaasweg. Um 16.38 Uhr entzündete Diplom-Ingenieur Hans Pfisterer, der Leiter der Energieversorgung von Freudenberg, die Erdgasfackel. Das „Aardgas“ war in Weinheim angekommen. Dem Anschluss der Firma Freudenberg folgte im Winterhalbjahr die Umstellung der Haushalte und des Gewerbes von Stadtgas auf Erdgas. Die Umstellungsaktion begann in der Nordstadt und erfasste 16 000 Gasgeräte.

Umstellung 1978 abgeschlossen

Seit 1978 werden die Stadtwerke mit Erdgas beliefert, das vorwiegend aus Feldern in der Nordsee und in Russland kommt. Auf die neue, höhere Gasqualität mussten erneut 17 000 Geräte umgestellt werden. Im Juli 1978 war die Umstellung abgeschlossen. Zu Beginn der 1980er-Jahre wurden Weinheims Bergstraßen-Stadtteile Lützelsachsen und Hohensachsen ans Erdgasnetz angeschlossen, 1988 folgten Sulzbach und die Nachbarn Hemsbach und Hirschberg, 1990 Laudenbach. Der Verbrauch von 640 Millionen kWh Erdgas anstelle von leichtem Heizöl bewahrte die Luft über dem Stadtgebiet vor 140 Tonnen Schwefeldioxid und 44 000 Tonnen Kohlendioxid. Seit 2001 werden die 10 000 Gaskunden der Stadtwerke Weinheim von Wingas, einer hundertprozentigen Tochter des russischen Erdgasproduzenten Gazprom, versorgt und seit 2005 kann man am Breitwieserweg Erdgas tanken.

Ein emotionaler Preis

Dass man inzwischen seit 50 Jahren mit dem sauberen Brennstoff Erdgas das Mittagessen kochen, die Wohnung wärmen und Industrie-Dampfkessel befeuern kann, hatte allerdings auch einen emotionalen Preis: Da er für die Speicherung von Erdgas nicht verwendbar war, wurde der über 70 Jahre alte Gaskessel am Breitwieserweg 1973 abgebrochen. Der schwarze Koloss in der nach ihm und seiner Umgebung, dem Gaswerk, benannten „Gaswerkskurve“ der Mannheimer Straße war jahrzehntelang so etwas wie das Wahrzeichen des westlich der Bahnlinie sich ausbreitenden Wohngebiets.

Er war nicht so schön wie seine Vettern, die Gasometer in großen Städten, aber die Weinheimer liebten den schwarzen Rundbau, der 1903/04 beim Gaswerk erbaut worden war und bis in die ersten Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg die westliche Bebauungsgrenze Weinheims markierte.

Im Januar 1973 waren die letzten Tage des Gaskessels gezählt: 2000 Kubikmeter Stadtgas, die man nach der Umstellung der Gasversorgung auf Erdgas nicht mehr speichern musste, wurden aus dem schwarzen Rund herausgedrückt und in den folgenden Wochen verschwand der Koloss aus dem Weinheimer Stadtbild.

Vom alten Gaswerk sind noch einige Gebäude vorhanden. In ihrer Nachbarschaft wurde 1980/81 das moderne Verwaltungsgebäude der Stadtwerke errichtet. ell

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