Altes Wasserwerk wird abgerissen
Weinheim, 22.09.2020
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22.09.2020 05:00
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Weinheim. Es ist ein Stück Geschichte in der Weinheimer Weststadt, das nun zu Ende geht: Die Stadtwerke Weinheim lassen das alte Wasserwerk an der Waidallee abreißen.

1952 waren die Weinheimer Bürger noch mächtig stolz, als ihr neues Wasserwerk in Betrieb genommen wurde: Denn von da an bekam jeder Haushalt wieder ausreichend Wasser – auch in den Außenbezirken der rasant wachsenden Stadt. Die Stadtwerke Weinheim hatten in der Waidallee, im Gewann Allmend, ein zweites Wasserwerk errichtet; das erste aus dem Jahr 1891 konnte den stark steigenden Bedarf seit Langem nicht mehr umfänglich stillen. Das schreiben die Stadtwerke in einer Pressemitteilung.

Denn nun naht das endgültige Aus für das unscheinbar beige, von starken Setzrissen gezeichnete Überbleibsel aus der Wirtschaftswunderzeit: Am Dienstag kommt der Bagger. Und mit ihm verschwindet dann auch der verschnörkelte Schriftzug „Altes Wasserwerk“ am Giebel, der transportiert, dass das Gebäude schon eine ganze Weile nicht mehr im Dienst der Wasserversorgung war. Das Weinheimer Trinkwasser kommt heute vom Wasserwerk Hemsbach des Wasserzweckverbands Badische Bergstraße, den die Kommunen Weinheim und Hemsbach 1967 gegründet haben; später kam noch Laudenbach hinzu.

Drei Millionen Liter pro Jahr

Das „Alte Wasserwerk“ versorgte die Weinheimer Einwohnerschaft bis November 1971 mit Wasser. Zwanzig Jahre lang pumpte es Rohwasser aus vier Brunnen, die jeweils 25 Meter tief waren. Maximal 1,5 Millionen Liter konnten pro Jahr aus den Brunnen gefördert werden; sie sind inzwischen verfüllt und ihre Standorte von oben schon längst nicht mehr erkennbar. Heute – im Jahr 2020 – liegt der Trinkwasserbedarf Weinheims bei rund drei Millionen Litern, also bei der doppelten Menge.

Das aus den Brunnen des Alten Wasserwerks geförderte Grundwasser enthielt Mangan und Eisen; sie sind der Gesundheit nicht abträglich, verfärben aber das Wasser und verändern den Geschmack. Deshalb hat man die Stoffe bei der Aufbereitung des Wassers entzogen. Das geschah über eine damals hochmoderne Belüftungsanlage und Filter aus Quarzsand. Dieses Verfahren wird heute noch angewendet. Auch im jetzigen Wasserwerk Hemsbach werden die beiden Stoffe auf diese Weise entfernt. Mit dem zweiten Wasserwerk schuf die Stadt 1952 die Voraussetzung für eine mittelfristig zuverlässige Versorgung der Bürger. Nun galt es, mit dem Leitungsnetz nachzuziehen und es ebenfalls bedarfsgerecht auszubauen. Damals war das Leitungsnetz 120 Kilometer lang. Heute unterhalten die Stadtwerke Weinheim ein Netz, das 240 Kilometer umfasst und über das die Menschen in Weinheim und Gorxheimertal ihr Trinkwasser ins Haus geliefert bekommen.

System kommt an seine Grenzen

Durch das anhaltende Wachstum der Stadt kam jedoch auch dieses System schon bald wieder an Grenzen. Bereits Ende der 1950er-Jahre reichte der Rohrleitungsdruck im bestehenden Verteilsystem nicht mehr aus, alle Gebäude ausreichend zu bedienen. Die Hochbehälter Rottenstein und Judenbuckel mit Fassungsvermögen von je 480 Kubikmetern wurden zu klein. Die Stadt war wieder gezwungen zu handeln: Um die Trinkwasserversorgung zu sichern, baute sie 1960 einen weiteren Hochbehälter; er steht im Kastanienwald und ist heute noch in Betrieb.

Neue Nutzung der Fläche geprüft

Es ist der erste Weinheimer Hochbehälter, der aus zwei Behälterkammern besteht. Diese liegen in Ringen umeinander. Insgesamt fassen die beiden Kammern 5000 Kubikmeter Wasser, den halben Tagesbedarf Weinheims. Zudem sind im Gebäude zwei Druckerhöhungsanlagen installiert. Über diese werden die Gebiete versorgt, die über dem Wasserspiegel des Behälters liegen.

Als das Wasserwerk Hemsbach 1967 in Betrieb ging, nahm das Alte Wasserwerk seinen Abschied. Seither diente es den Stadtwerken Weinheim als Lager. Starke Setzrisse lassen eine weitere Nutzung des Gebäudes nicht zu. Die Stadtwerke verabschieden sich deshalb von einem Stück Wassergeschichte. Die Stadtwerke Weinheim prüfen derzeit, wie die Fläche am besten genutzt werden kann.

Geschichte der Weinheimer Wasserversorgung

1870: Versorgung über Pumpbrunnen und Gebirgsquellen. Transport über hölzerne Deuchelleitungen.

9. Dezember 1891: Einweihung des ersten Wasserwerks in Weinheim mit sieben Brunnen und einer Förderleistung von 700 000 Kubikmetern Wasser pro Jahr.

1951: Bau des zweiten Wasserwerks in der Waidallee („Altes Wasserwerk“) mit vier Brunnen und einer Förderleistung von 1,5 Millionen Kubikmetern Wasser pro Jahr.

1960: Bau des Hochbehälters „Kastanienwald“ mit einem Speichervolumen von 1500 Kubikmetern Wasser in zwei Kammern, die ringartig umeinander angeordnet sind. Einbau von Druckerhöhungsanlagen.

1967: Gründung des Wasserzweckverbands Badische Bergstraße; Mitglieder sind die Städte Weinheim und Hemsbach sowie Laudenbach.

1967: Bau des interkommunalen Wasserwerks Hemsbach mit acht Brunnen und einer Förderleistung von 5,8 Millionen Kubikmetern Wasser. Ein neunter Brunnen wird demnächst gebaut.

1967: Bau einer 6,8 Kilometer langen Transportleitung vom Wasserwerk Hemsbach nach Weinheim.

1977: Bau des Hochbehälters „Holzweg“, notwendig geworden durch die Gemeindereform und Eingemeindung von zehn Orten. Er fasst 2000 Kubikmeter.

2007: Gorxheimertal wird Gesellschafterin der Stadtwerke Weinheim. Seither versorgen die Stadtwerke auch diese Gemeinde mit Wasser.

2016: Beginn des Baus einer zweiten Transportleitung vom Wasserwerk Hemsbach nach Weinheim (Redundanz, Erhöhung der Sicherheit).

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