Aufstehen oder Sitzenbleiben
Region, 22.07.2020
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22.07.2020 05:00
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Leserbrief
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Region. Meine Mutter ist jeden Tag früh aufgestanden, um mir etwas Besonderes für die Schule zu kochen, und ich habe es nie übers Herz gebracht, ihr zu sagen, wie sehr ich deswegen gehänselt wurde, weil ich nichts ,Deutsches‘ dabei hatte, sondern immer was Vietnamesisches.“ Diese Zeilen schreibt eine Twitter-Nutzerin auf der gleichnamigen Social-Media-Plattform, ihr Beitrag ist nur einer von Tausenden, der unter dem Schlagwort #MeTwo von Rassismusbetroffenheit berichtet. Die Nutzer folgten einem Aufruf und machten ihre diskriminierenden Erfahrungen öffentlich. Im Verlauf der Aktion wird deutlich: Auffallend viele Bekenntnisse berichten von Vorfällen, die in der Schule stattgefunden haben.

Haben deutsche Schulen ein Problem mit Rassismus? Die vielen Beiträge auf den Sozialen Netzwerken würden es zumindest vermuten lassen, für ein adäquates Abbild reicht das aber nicht. Auch deshalb, weil viele Verfasser aus der Vergangenheit berichten und die Schulzeit schon mehrere Jahre zurückliegt.

Klar ist, auch in der Gegenwart machen Schülerinnen und Schüler Erfahrungen mit Rassismus – das bestätigt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes: „Kinder und Jugendliche erleben Benachteiligungen, zum Beispiel aufgrund der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung.“ Dass die Schulen aber nicht nur Ort des Geschehens ist, sondern ebenso eine immens wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Rassismus einnimmt, wird beim Blick auf die Zahlen besonders deutlich: Der Mikrozensus ist die größte jährliche Haushaltsbefragung der amtlichen Statistik in Deutschland. Aus dem Bericht von 2018 geht hervor, dass über ein Drittel, also rund 37 Prozent der Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen in Deutschland einen Migrationshintergrund haben.

Dem gegenüber stehen eine Vielzahl an Studien, unter anderem eine Repräsentativbefragung der Antidiskriminierungsstelle, die sich mit ausgrenzenden und fremdenfeindlichen Erfahrungen in Deutschland befasste. Rund 24 Prozent aller Befragten gaben bei der Erhebung im Jahr 2016 an, in den vergangenen 24 Monaten solche Erfahrungen gemacht zu haben.

Schulen stehen in der Verantwortung

Dadurch zeigt sich, dass die Schulen gewissermaßen in der Verantwortung stehen, die gegenseitige Toleranz zu stärken. Gleichermaßen sollen die Schüler aber auch zu einem selbstbewussten Umgang mit der eigenen Identität motiviert werden – unter der Prämisse, dass niemand aufgrund seiner ethnischen Merkmale, Religionszugehörigkeit, dem Geschlecht oder sexueller Orientierung ausgegrenzt wird.

Wie gehen die Schulen mit dieser Aufgabe um? Das Land Baden-Württemberg gibt den Schulleitungen und Lehrpersonen in dem Leitfaden „Demokratiebildung“ verbindliche Richtlinien vor und beschreibt, welche Handlungsfelder im Schulalltag relevant werden.

Behandelt wird „Rassismus“ im Fachunterricht oder als fächerübergreifende Lerneinheit. Auch die Zusammenarbeit mit „externen Partnern“ ist aufgeführt. Besonders der letzte Punkt soll für Abwechslung im Unterrichtsalltag sorgen und die Perspektive über den Schulhorizont heben. In Workshops, Theaterprojekten oder Vorträgen wird den Kindern und Jugendlichen ein anderer Zugang zu den Auswirkungen von Mobbing, Gewalt, Solidarität und Antidiskriminierung geboten. In der Öffentlichkeit bekannte Redner, wie zum Beispiel der Rapper Ben Salomo, der als jüdischer Künstler die Hip-Hop-Kultur in Deutschland prägte, profitieren außerdem von einem besonderen Zugang zu der Zielgruppe. Bei der sind sie im besten Fall anerkannt und werden respektiert, wodurch sich die Wirkungskraft verstärkt. Ansprechpartner für Projekte dieser Art ist zum Beispiel das Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Hier sind seit der Gründung im Jahr 1995 Schulen vereint, die sich gegen die Ausgrenzung starkmachen. Will eine Schule dem Verband beitreten, gilt es drei zentrale Kriterien zu erfüllen. Erläuterungen dazu gibt Cordula Brucker, die für die Landeskoordinierung von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ in Baden-Württemberg zuständig ist: „Zunächst müssen die Schulen genügend Unterschriften haben, welche den Beitritt befürworten.“ 

Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage

In Summe müssen dies mindestens 70 Prozent sein, dabei werden die Stimmen von Schülern, Lehrern und Verwaltung zusammengezählt. Dann muss die Schule ein eigenes Projekt aufweisen, welches sich mit den zentralen Themen von „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ im Vorfeld befasst hat. Ist eine Schule schließlich offiziell ein Teil des Netzwerks, kann sie beispielsweise unterstützend Projektfördermittel bei der Landeskoordination beantragen, an Landestreffen teilnehmen oder Unterrichtsmaterial anfragen. Die Mittel dafür kommen von den Förderern, zu denen das Ministerium für Soziales und Integration sowie die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg gehören. Zu den Schwerpunktthemen zählen zum Beispiel Antisemitismus, Flucht und Asyl, Rechtsextremismus und Mobbing.

Die Verantwortung, sich als Schulverband solchen Projekten anzuschließen und im Allgemeinen gegen Rassismus im schulischen Kontext vorzugehen, ist somit denn Schulleitern, Lehrkräften und engagierten Schülern übertragen. Die Angebote und Leitfäden sind zwar griffbereit, zupacken müssen schlussendlich Einzelpersonen.

Kritiker hinterfragen das System, zu ihnen gehört auch Alen Posener. Der deutsch-britische Journalist schrieb in einer „Zeit“-Kolumne: „Mehr als zehn Prozent aller allgemeinbildenden Schulen in Deutschland weisen sich am Eingang als ,Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage‘ aus. Die Plakette hängt vor der Gemeinschaftsschule Friedenau in Berlin, in der ein jüdischer junge über Monate hinweg von muslimischen Teenagern gemobbt wurde, ohne dass die Schulleitung einschritt.“ Er bezweifelt, dass die Qualität bei dem „Franchise-Unternehmen“ der Ausdehnung untergeordnet sei.

Etwas diplomatischer formuliert könnte man zu dem Schluss kommen: Erfolgreich ist solch ein Projekt nur, wenn eine Schule geschlossen dahinter steht, ein hohes Maß an Eigeninitiative gezeigt wird und vor allem konsequent gegen Fälle von Diskriminierung vorgegangen wird.

App macht Rassismus greifbar

Neue Herausforderungen bringt die Corona-Situation mit sich. Große Veranstaltungen sind derzeit nicht möglich, Exkursionen zu Gedenkstätten fallen flach. Es gibt zwar schon digitale Angebote, darunter die virtuellen Rundgänge durch die KZ-Gedenkstätte Dachau auf Facebook, auch die Smartphone-App „Zeitzeugen – Fliehen vor dem Holocaust“ macht Rassismus greifbar.

Da der analoge Austausch mit den Schulen auf Eis liegt, rät Cordula Brucker den Schulen, Projekte vor Ort zu initiieren und sich dafür Unterstützung von „Schulen ohne Rassismus“ einzuholen. Aber – es stellen sich nun auch neue Fragen: „Vorgänge und Vorfälle im Zusammenhang mit dem Schließen von Grenzen, eine nationale Häufung fremdenfeindlicher Vorfälle sowie eine zunehmende Bereitschaft, Ideologien auch gewaltsam zu vertreten, stellen uns vor alte wie neue Fragestellungen, denen wir im Rahmen der Netzwerkarbeit vermehrt nachgehen“, sagt Brucker.

Von Paul Pflästerer

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22.07.2020 05:00
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