Das alte Notariat – „Zierde für die ganze Stadt“
Weinheim/Region, 12.09.2020
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12.09.2020 05:00
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Weinheim/Region. Vom Boden aus betrachtet können historische Gebäude manchmal ziemlich einschüchternd wirken. Jahrhundertealte Mauern, die sich in schwindelerregende Höhen schrauben. Steinerne Säulen, schwere hölzerne Türen, Ornamente, Bleiglasfenster – wer vor dem Weinheimer Rathaus, dem ehemaligen Schloss, steht, der spürt die Autorität der Jahrhunderte.

Traditionell erkunden am „Tag des offenen Denkmals“, in diesem Jahr am morgigen Sonntag, 13. September, Hunderte Menschen die alten Gebäude. In diesem Jahr ist alles anders, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz hat dazu aufgerufen, den Aktionstag in diesem Jahr digital zu veranstalten. Die Stadt Weinheim ist diesem Aufruf gefolgt. „Oft standen die interessierten Menschen vor den geöffneten Denkmälern sogar Schlange. Früh im Jahr war klar, dass dieser Andrang in diesem Jahr aus coronaschutzgründen kritisch würde“, schreibt die Stadt in einer Pressemitteilung. Deshalb hat die Pressestelle fünf kurze Videoclips produziert, die das Rathaus (Schloss), den Roten Turm, das alte Notariat an der Institutstraße, Ecke Grabengasse und die Friedrichschule in der Nordstadt virtuell – also am Computer – erlebbar machen. Ein Video zum Alten Friedhof hinter der Peterskirche hat wie berichtet die Bürgerstiftung beigesteuert.

Eindrucksvolle Luftaufnahmen

Anschauen lohnt sich, denn in weiten Teilen wurden die Gebäude mit einer Drohne in luftiger Höhe gefilmt. Wie erhaben und wunderschön die Friedrichschule – erbaut 1913 und 1917 – mitten in der Nordstadt thront, das ist vielleicht den meisten Weinheimern gar nicht bewusst und wird ihnen beim Anblick des Clips eindrücklich vor Augen geführt.

Gleiches gilt übrigens für das alte Notariat. Tausendmal ist man schon daran vorbeigelaufen. Schön ist es, sicherlich. Im Film erfährt man, dass das prachtvolle Gebäude 1892 im Stil der Neorenaissance errichtet wurde und schon bei der Einweihung als „Zierde für die ganze Stadt“ galt. Wie bei allen anderen Denkmälern zeigen die Filme aber auch das Innere. Im Falle des Notariats, das 2014 durch einen privaten Investor erworben und liebevoll saniert wurde, ist zu sehen, wie gut sich modernes Design und alte Architektur vertragen.

Im Vergleich zu den großen Nachbarn Mannheim und Heidelberg ist Weinheim mit fünf Denkmälern übrigens stark vertreten. Die Quadratestadt wartet mit drei Programmpunkten auf: Eine Dokumentation widmet sich der Geschichte des 1916 eröffneten Herschelbades, eine weitere befasst sich mit der 1906 erbauten Lutherkirche in der Neckarstadt-West und ihrer heutigen Funktion als Begegnungsstätte mit Angeboten wie einem Café International oder Sozialberatung. Ein „experimentelles Videoporträt“ ist schließlich laut Ankündigung von der Trinitatiskirche zu sehen.

Heidelberg ist mit fünf Beiträgen vertreten. „Spektakuläre 3-D-Aufnahmen“ werden bei einer Filmexpedition in den Schacht des Heidenlochs auf dem Heiligenberg versprochen. Nicht minder attraktiv: Drohnenkameras zeigen das Stellwerk 08 in der Bahnstadt und seine Geschichte. Historische Einblicke gibt es auch in die Historie der Heidelberger Bergbahnen, inklusive einer virtuellen Fahrt vom Kornmarkt hinauf zur Bergstation auf dem Königstuhl. Geschichten rund um die Landfried-Villa und die Gutleuthofkapelle runden das Angebot ab.

Das älteste Denkmal, der Speyerer Kaiserdom, bietet zum 13. September gleich drei Beiträge im Digitalformat. Ein Video gewährt Einblicke in die Domsakristei, zeigt etwa, welche Gewänder der Bischof trägt. Eine andere Dokumentation unter dem Titel „Wir haben einen Dachschaden“ beleuchtet die Sanierungsarbeiten an der Domkuppel. Und ein weiterer Film präsentiert das prunkvolle Goldene Speyerer Evangeliar, ein Geschenk des Salierkaisers Heinrich III.

Dokumentation über KZ Osthofen

Schwetzingen setzt in einem künstlerischen Foto-Video-Projekt das Rothacker’sche Haus ästhetisch in Szene. Versprochen wird eine „spannende Zeitreise mit einmaligen Einblicken“. Während Worms bei der digitalen Denkmalspräsentation nicht vertreten ist, nutzen Gemeinden wie Hambach, Ruppersberg, Altleiningen, Östringen und Waghäusel die Chance.

Osthofen richtet den Blick auf die jüngere Geschichte und ihr dunkelstes Kapitel: mit einer Dokumentation über die Geschichte des Konzentrationslagers Osthofen. Im KZ Osthofen waren, so liest man auf der Homepage des Denkmaltages, ab 1933 zahlreiche Personen inhaftiert, weil sie sich in einer Gewerkschaft engagierten und Widerstand gegen das NS-Regime leisteten. Und so bietet die virtuelle Führung, die erst ab Sonntag verfügbar ist, einen Überblick über die Geschichte des Konzentrationslagers unter Einbeziehung der Geschehnisse rund um die Zerschlagung der Gewerkschaften 1933 und in der Zeit danach. Außerdem wird auf Biografien von inhaftierten Gewerkschaftern eingegangen. Ein Denk-Mal im wahrsten Sinne des Wortes. vmr/gespi

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