Das ist mir zu einfach
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16.10.2021 05:00
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Leserbrief
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Leserbrief: Die „bösen Alten“

WN/OZ vom 9. Oktober

Auch ich gehöre zur Nachkriegsgeneration, also zu den „bösen Alten“. Aber im Gegensatz zu Frau Münch teile ich die Meinung der Fridays-for-Future-Bewegung, dass wir durchaus Verantwortung tragen für den Klimawandel. Meine Generation hat jahrzehntelang mehrheitlich Parteien gewählt, die auf Wirtschaftswachstum und Wohlstand ohne Rücksicht auf Verluste gesetzt haben. Wir haben den Ausbau des Straßennetzes, den Bau immer neuer Autobahnen begrüßt, denn wir haben mit 18 den Führerschein gemacht und waren später stolz auf unser erstes Auto. Wir sind auch mit unseren Kindern in die Ferien geflogen. Wir haben es hingenommen, dass immer mehr Flächen zubetoniert wurden, um Platz für Supermärkte, Einkaufcenter und Möbelhallen auf der grünen Wiese zu schaffen, in die wir nicht gelaufen, sondern gefahren sind. Möbel aus exotischem Holz galten lange als modern, was mit zum Abholzen der Regenwälder beigetragen hat. Unser Verhalten hat den Raubbau an der Natur immer weiter gefördert. Und wer von uns hatte schon einen Garten, aus dem man sich ernähren konnte? Unser täglicher Fleischkonsum hat die Massentierhaltung hervorgebracht. Und bis vor Kurzem haben wir doch alle noch Plastiktüten benutzt, obwohl wir schon lange wissen, welchen Schaden Mikroplastik im Meer verursacht.

Diese Liste könnte ich beliebig fortsetzten. Viel zu lange hat meine Generation, haben wir alle die Warnungen der Wissenschaftler vor einem Klimawandel ignoriert. Natürlich gab und gibt es immer auch löbliche Ausnahmen. Aber als sich z. B. die grüne Partei gründete, wurde sie verhöhnt und nicht ernst genommen. Und die Fridays-for-Future-Generation? Wer kauft denn den Schülern die brandneuen Handys? Ihre Eltern oder Großeltern. Wer fährt sie denn mit dem Auto in die Schule? Ihre Eltern. Und warum? Bezahlbarer Wohnraum in den Städten ist rar, also zieht man aufs Land. Öffentlicher Nahverkehr ist unzureichend und teuer, die Löhne reichen oft nicht zum Leben, sodass beide Eltern arbeiten müssen. Gründe also gibt es viele. Nicht immer ist es nur Bequemlichkeit, wie Frau Münch unterstellt. Aber so wie sie den Spieß einfach umdreht, mit dem Finger auf das Verhalten der jungen Generation zu zeigt und sich damit aus der Verantwortung stehlen will, das ist mir wirklich zu einfach.

Christina Riegger, Birkenau

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16.10.2021 05:00
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