Den Dalai Lama zweimal als Fluggast begrüßt
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14.06.2021 05:00
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Leserbrief
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Weinheim. Über mehrere Jahrzehnte hinweg war der „Jumbo“ das größte Passagierflugzeug der Welt. Wenn die Boeing 747-400 mit einer Länge von gut 70 Metern und einer Spannweite von gut 64 Metern von der Startbahn abhob, bot sie ein imposantes Bild. Elf Jahre lang war der Weinheimer Eberhard Dalichow Kapitän im „Jumbo“-Cockpit. Insgesamt 34 Jahre flog er für Lufthansa Menschen und Frachtgüter rund um die Welt. Seinen Werdegang, Erlebnisse aus über drei Jahrzehnten und viele Details zu den Flugzeugtypen kann man in seinem Buch „34 Jahre im Cockpit – Stationen einer Pilotenlaufbahn“ nachlesen.

Eignungsprüfung 1968 in Hamburg

Als sich Eberhard Dalichow (Jahrgang 1949) einen Abiturientenkalender kaufte, um sich mit Berufsperspektiven zu beschäftigen, hatte er die Möglichkeit, Pilot zu werden, nie in Betracht gezogen. Auf Seite 396 las er über das Berufsbild des „Verkehrsflugzeugführers“ und bewarb sich, ohne Hoffnung auf Erfolg, im Oktober 1967 bei der Deutschen Lufthansa AG für eine Ausbildung. Im Januar 1968 erhielt er die Einladung zur Eignungsprüfung, die im März in Hamburg begann. Als er nach dem Flug mit einer Boeing 707 als Passagier dort landete, standen noch Fotografen am Fuß der Gangway, und er fand sein Konterfei am Flughafenterminal auf einer Pinnwand wieder. So führt Dalichow den Leser auf den ersten Seiten seines Buches in eine Zeit zurück, als Fliegen noch etwas Besonderes war.

Vier Streifen an der Uniform

Das 248 Seiten starke Buch enthält jede Menge Details über verschiedene Flugzeugtypen der Lufthansa-Flotte, aber auch über Reiseeindrücke eines Piloten, der eine harte, 22-monatige Ausbildung in Bremen, Flensburg und in Phoenix/Arizona durchlief, die er im Oktober 1971 abschloss. Eberhard Dalichow flog zwischen 1971 und 1982 als 1. Offizier auf der B 737-100, auf der B 707-230 und auf der B 747-200. Nach dem Final Check im Februar 1982 erhielt der damals 32-Jährige seinen vierten Streifen an der Uniformjacke und wechselte als Kapitän bis 1994 auf die B 737, ehe er in den folgenden elf Jahren den 200er- und zuletzt den 400er-Jumbo steuerte.

Beachtlich ist die Fülle von Erinnerungen, die der Autor an Flüge hat, die ihn rund um den Globus führten. Die Grundlage dafür waren Flugbücher, die er im Winter 2011 nochmals intensiv studierte, um seine Stationen einer Pilotenlaufbahn zu Papier zu bringen.

Als er ab 1972 als 1. Offizier auf der B 737 flog, waren die Passagiersitze auf Paletten montiert, weil die Maschine nachts zu einem Frachter umfunktioniert wurde, der auch Postsäcke transportierte. Mit dem Wechsel auf die B 707 vollzog Dalichow auch einen Wechsel auf die Langstrecke. Sein erster Langstreckenflug führte ihn 1973 bis Australien.

„Nun hatte ich es also geschafft, ich war Lufthansakapitän und hatte ein Karriereziel erreicht, von dem ich noch vierzehn Jahre zuvor nicht einmal zu träumen wagte“, schreibt Eberhard Dalichow in seinem Buch , und weiter: „Als Kapitän ist man kein Einzelkämpfer, sondern ein Teamarbeiter.“ Wer von dem Lufthansakapitän aus Weinheim geflogen wurde, durfte sich jedenfalls sicher in luftiger Höhe fühlen. „Ruhe bewahren war die erste Bürgerpflicht“, lautete seine Devise, wenn es ein Problem zu lösen galt.

Mit ins Cockpit genommen

Dass er einen höchst anspruchsvollen und verantwortungsträchtigen Beruf ergriffen hatte, wird in dem Buch dann besonders deutlich, wenn er über Vorbereitungen schreibt, die vor dem Start im Cockpit vorzunehmen sind, oder wenn er dem Leser Einblick in die Navigation gibt. Es gibt Stellen in dem Buch, beo denen der Leser förmlich mit im Cockpit sitzt, beispielsweise wenn so ein großer Vogel in einer Gewitterfront eine 180-Grad-Wendung vornehmen muss, während Eisregen rund ums Cockpit zischt. Aber es gibt auch viele Stellen, die in ihrer Detailschilderung eher den Luftfahrt-Fan ansprechen.

Die Zuverlässigkeit und Abgeklärtheit, mit der Dalichow seinen Beruf ausübte, wird über die gesamte Buchstrecke deutlich spürbar. Dass er auch heimatverbunden ist, demonstrierte er bei zwei Rundflügen mit dem „Jumbo“ über Weinheim und die Bergstraße, die er für Weinheimer anbot. Hans-Georg Weber vom Verkehrsverein Weinheim hatte sie am 7. Oktober 1989 und am 28. August 1993 organisiert.

Die Bilanz des Lufthansa-Kapitäns, der im September 2005 zu seiner letzten Landung ansetzte und in Ruhestand ging, ist beachtlich. Eberhard Dalichow hat 744-mal den Nordatlantik, 42-mal den Südatlantik, 47-mal den Nordpazifik überquert und 49 Polflüge absolviert. In 21 058 Flugstunden hat er zusammengenommen 17 480 500 Flugkilometer zurückgelegt und damit umgerechnet 436-mal die Erde umrundet.

Auf dem Boden geblieben

Trotzdem ist er auf dem Boden geblieben und war zwischen Interkontinentalflügen ganz Familienvater. Seine Passagiere konnten sich auf den Kapitän aus Weinheim verlassen. Unter ihnen war zweimal auch der Dalai Lama.

Beim ersten Mal flog er Seine Heiligkeit von Frankfurt in die USA, beim zweiten Zusammentreffen begrüßte Dalichow das Oberhaupt der Tibeter in Chicago persönlich, ehe er das Flugzeug bestieg. San Francisco, Sydney, Rio de Janeiro oder Buenos Aires, aber auch Kapstadt, Hongkong oder New York: Eberhard Dalichow hat viele Städte gesehen, die er zu den schönsten in der Welt zählt. „Als ich mit der Ausbildung begann, war die Lufthansa nach ihrer Neugründung 1955 gerade mal 15 Jahre alt“, schreibt der Autor im Schlussteil seines Buches.

Luftfahrt im Wandel

Er habe die Lufthansa noch in einer schönen Zeit erlebt. Mit der Deregulierung begann 1978 ein neues Zeitalter im Flugverkehr mit Kostendruck und Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen samt Personaleinsparungen und mit der Entstehung von Billigfluganbietern. Im Cockpit haben Flight Management Computer und Autopilot den Zweck, den Flug wirtschaftlich zu optimieren. Manuelle Eingriffe sind nur noch in Einzelfällen erwünscht, schreibt Eberhard Dalichow. Die Zeit von seiner harten Ausbildung zum Verkehrsflugzeugführer bis zum papierlosen Cockpit ist rückblickend doch wie im Flug vergangen.

Das Buch „34 Jahre im Cockpit“ von Eberhard Dalichow kann man unter https://www.buecher.de/ oder https://www.epubli.de/ online bestellen. ISBN: 978-3-8442-3211-0.

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