„Du siehst aus wie ein Affe“
Weinheim, 25.07.2020
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25.07.2020 08:50
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Leserbrief
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Weinheim. Welche Folgen hat es für von Rassismus betroffene Kinder,
wenn alle, die einen Vorfall mitbekommen, wegsehen – oder sagen, „stell dich doch nicht so an“?

Kinderworte können wehtun. Ganz wichtig ist deswegen für Sven Sasse-Rösch, den Leiter des evangelischen Kindergartens am Markusturm in Weinheim: Einschreiten statt wegsehen. Auch wenn es für Erwachsene noch so banal klingt, rassistische Äußerungen bleiben in den Köpfen der betroffenen Kinder tief verankert.

Kinder kommen ohne Vorurteile auf die Welt

Es ist heiß an diesem Nachmittag in der Weinheimer Weststadt. Irgendwo spielt jemand Akkordeon und begleitet so unwissentlich unser Gespräch mit Sven Sasse-Rösch. Im Kindergarten ist es still, die Schützlinge sind bereits zu Hause. Bunt wiegen gebastelte Bienen und Schmetterlinge im Durchzug des geöffneten Fensters. Rassismus im Kindergarten, das ist ein sensibles Thema. Unmittelbar stellt sich die Frage, ob Kinder überhaupt Rassisten sein können. Sasse-Rösch verneint. Das wundervolle an Kindern sei, dass sie ohne Vorurteile auf diese Welt kämen. Den Kindern, die diese Bemerkungen treffen, ist in jungen Jahren noch nicht bewusst, was sie da sagen, was Rassismus überhaupt ist. „Umso mehr ist es unsere Aufgabe, schon früh zu vermitteln, dass Ausgrenzung und Beleidigung aufgrund äußerer Merkmale nicht okay ist. Die Grundsteine für rassistisches Denken werden im Kindesalter gelegt.“

Kinder orientieren sich an ihrem Gegenüber, den älteren Geschwistern, Freunden oder den Eltern und übernehmen deren Handlungsmuster als ihre eigenen, sagt er. Diese Orientierung, das Einordnen von Handlungen und das ständige Vergleichen mit Anderen ist zentral, wenn es darum geht, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. „Mit unserem Verhalten prägen wir die Kleinen maßgeblich.“

Das tägliche Umfeld vermittelt dem Kind in seinem Entwicklungsprozess, was „normal“ ist und wie man sich in bestimmten Situationen zu verhalten hat. Dazu gehören nicht nur „Danke“ und „Bitte“ sagen. Auch, teils unbewusst, rassistische Denkmuster können die Kleinen übernehmen.

Sasse-Rösch, der seit September 2018 den Kindergarten in Weinheim leitet, führt einige Beispiele an. „Wenn in der Bahn eine Schwarze Person aufgrund ihres Aussehens beleidigt wird und die Bezugsperson und alle anderen nichts dagegen tun, denkt das Kind, das wird schon okay sein.“ Gleiches gilt für das grundlose Wechseln der Straßenseite oder das Anstarren Schwarzer Mitmenschen. Die Kinder wissen es nicht besser.

Im Gegenzug fühlen sich die Betroffenen mit ihrer Wut, Verzweiflung und ihrem Ärger alleine gelassen. Es kann passieren, dass die Opfer sich durch fehlenden Beistand – jemanden, der sagt, dass es eben nicht okay ist – minderwertig oder zweitklassig fühlen. „Das Nichtreagieren des Umfeldes kann dazu führen, dass sich die Selbstwahrnehmung betroffener Kinder ins Negative verändert“, sagt Sasse-Rösch.

Der Doll-Test

Wie sich rassistische Denkmuster und Strukturen bereits auf Kleinkinder, egal ob Schwarz oder weiß, auswirken, zeigt ein psychologisches Experiment: der Doll-Test. Konzipiert wurde er bereits in der 1940er Jahren von den afroamerikanischen Psychologen Kenneth und Mamie Clark. Auf einem Tisch liegen zwei Puppen, eine weiß, eine Schwarz. Im Versuch bekamen Kinder Worte wie „lieb, freundlich, süß“, aber auch „böse, hässlich, gefährlich“ gesagt und wurden gebeten, diese Eigenschaften den Puppen zuzuschreiben. Selbst die Schwarzen Kinder verknüpften die „schlechten Wörter“ eher mit der Schwarzen Puppe.

Gerade Kindern falle es schwer, zu artikulieren, was sie an einer Handlung oder einer Aussage verletzt, erklärt Sasse-Rösch. Ein kleines Kind kann selten klar sagen: das war rassistisch. Vielmehr entstehe das ungute Gefühl, etwas könne mit ihm nicht stimmen. „Es ist wichtig, dass wir schnell einschreiten, wenn wir rassistische Übergriffe beobachten. Das schlimmste, was man tun kann ist, den Vorfall zu ignorieren oder einem Kind zu sagen ‘Stell dich doch nicht so an‘.“ Auch, wenn Kinder nur das Verhalten ihres Umfeldes kopieren und selbst somit noch nicht bewusst rassistisch denken, ist es wichtig, von Beginn an klarzustellen, dass Beleidigungen, die auf das Äußere eines Menschen und damit verbundene Stereotypen zielen, nicht in Ordnung sind.

Im Weinheimer Kindergarten sei es bisher nicht zu rassistischen Vorfällen gekommen, sagt Sasse-Rösch. In seiner langjährigen Arbeit in unterschiedlichen Einrichtungen kann er jedoch in diesem Zusammenhang einige Geschichten erzählen. „Du siehst aus wie ein Affe“ – das sei der Grund gewesen, warum ein weißes Kindergartenkind nicht mit einem Schwarzen spielen wollte. Ein anderes Mal habe ein Kind die hellen Handflächen eines Schwarzen Jungen mit einem Filzstift dunkel anmalen wollen.

Egal, ob eine rassistische Handlung absichtlich oder versehentlich passiert, das Resultat ist das gleiche. Die Autorin Tupoka Ogette zieht in ihrem Buch „Exit Racism“ den Vergleich zu einem Autounfall: Ob jemand absichtlich einer Person über den Fuß fährt oder aus Versehen spielt für den Betroffenen keine Rolle. Der Schmerz ist da. Nicht jede Beleidigung gegenüber Schwarzen Kindern ist automatisch rassistisch. Wenn ein Kind nicht mit einem anderen spielen möchte, weil es geschubst wurde, dann ist es etwas anderes, als wenn ein Ausschluss nur aufgrund der Hautfarbe erfolgt.

Kindergarten hat ein klares Konzept

Für die Aufarbeitung rassistischer Vorfälle haben Sasse-Rösch und seine Kollegen ein klares Konzept: „Wir möchten offen mit dem Thema umgehen, alle Beteiligten ins Boot holen und auch den Kindern die Problematik verständlich machen.“ Jemanden an den Pranger zu stellen führe zu nichts.

Mindestens genauso wichtig wie die Aufarbeitung ist die Präventionsarbeit. Je früher die Kinder sensibilisiert werden, desto leichter fällt es ihnen auch im späteren Leben, weniger Vorurteile zu haben. Zahlreiche Bücher im Kindergarten am Markusturm erzählen Geschichten vom Anderssein und der Erkenntnis, dass jeder wie er ist gut ist. Aus einem Korb voller Spielsachen lugt der Kopf einer Schwarzen Stoffpuppe hervor – sie lächelt freundlich, genauso wie ihr weißer Zwilling.

Von Anna Meister

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25.07.2020 08:50
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