Es sind Menschen
Region, 13.04.2019
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13.04.2019 05:05
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Leserbrief
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Region. 1500 Geflüchtete starben 2018 offiziell vor der libyschen Küste. Allein 700 davon im Juni, dem ersten Monat, in dem zivile Rettungsschiffe nicht mehr rausfahren durften. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher. Libyen ist heute zur tödlichen Sackgasse geworden, durch die aktuellen Kämpfe ist die Lage für viele Schutzsuchende noch dramatischer geworden. Jutta Nagel hat vieles davon selbst erlebt; sie war im Mai 2018 auf der Sea Watch 3 – kurz bevor Europa zur Festung wurde.

Sie war im Mai 2018 auf der Sea Watch 3, um ihrem Bedürfnis zu tatsächlichem Engagement zu folgen, um Menschen zu retten. Die 25-jährige Studentin engagiert sich seitdem in der Seebrücke-Bewegung in Heidelberg, bei der sich – wie bei dem Pendant in Mannheim – auch Menschen aus der Region engagieren. In Kürze ist sie bei einer weiteren Mission mit dabei. Der Journalist Daniel Kubirsky traf sie und sprach mit ihr über Flucht, echte Not und das Leben auf einem verhältnismäßig kleinen Schiff.

Wie kommt man vom Studentenleben auf das Mittelmeer?

Jutta Nagel: Bevor ich studierte, habe ich im Freiwilligendienst in Tunesien beim Deutschen Akademischen Austauschdienst einen Bürojob gemacht. Es war irgendwann absurd, die Zeit mit Themen wie „Privilegien“ und seit 2015 auch dem Thema Flucht am Schreibtisch zu verbringen. Ich wollte irgendwann nicht mehr darüber reden oder schreiben. Zu Sea-Watch zu gehen war da das Konkreteste, was man machen kann, um Menschen zu helfen. Ich spreche Französisch und Arabisch, da bot es sich an, Übersetzungen zu machen. Auch im Nachgang ist die Wirkung eine andere; wenn ich Leuten davon erzähle, weil ich das, worüber geredet wird, mit eigenen Augen gesehen habe.

Wie reagierte Dein Umfeld, als es hieß, Du fährst einen Monat lang auf das Meer, um zu helfen?

Nagel: Das Thema „Sea-Watch“ kam ja von meiner Mutter. Dabei dachte sie eher an ein Praktikum im Büro, als es dann aber hieß „ich fahre aufs Meer“, war sie schon etwas schockiert. Ich bekam die Zusage etwas knapp, drei Wochen vor Start der Mission, das war schon unerwartet. Und ein mulmiges Gefühl hatte ich auch erst mal, weil wir die Berichte über die Situation dort kannten. Doch es war klar, dass es notwendig ist, dass Leute das machen.

Wie haben es Deine Freunde und Bekannten aufgenommen?

Nagel: Ich war überrascht, wie wenig sie über das Thema wussten. Ich glaube, vielen ist nicht klar, was in Libyen passiert. Sie wissen, dass die Menschen durch Afrika, die Wüste und das Meer nach Europa flüchten, aber sie wissen nicht, wie es in libyschen Lagern aussieht. Dass dort Folter an der Tagesordnung ist. Auch von der libyschen Küstenwache war wenig bekannt, daher war es erst mal eine Aufklärungsarbeit darüber, was ich da eigentlich mache. Die Leute, die wussten, was es bedeutet, fanden es zwar spannend und unterstützten das, aber machten sich gleichzeitig auch Sorgen um mich. Wie stecke ich das psychisch weg? Und auch wegen weiteren Gefahren, die das birgt.

Wir sprechen über das Mittelmeer nahe der libyschen Küste, also keine Gegend, wo man eine Notlage erleben mag.

Nagel: Ich hab vor der Mission nicht wirklich realisiert, was das Mittelmeer eigentlich ist. Klar, man weiß, dass es groß ist, das war auf der Sea Watch auch noch OK. Aber als wir erstmals zu einer Rettung rausgefahren sind, waren wir ja nur auf den Beibooten. Als ich dann um mich herum blickte, sah ich nur Wasser und nicht mehr das Schiff. Man hat keinen Orientierungspunkt, vielleicht die Sonne, aber ansonsten siehst du nur Wasser. Mir, mit Funkverbindung und als ausgebildete Rettungsschwimmerin, hat das bereits Angst gemacht. Wenn du dir vorstellst, du treibst dort einfach nur auf dem Wasser – es ist unheimlich. Das ist wie schwerelos und verloren, das Gefühl fand ich richtig gruselig.

Wie muss man sich eine solche Überfahrt vorstellen?

Nagel: Die Boote, mit denen die Menschen die Überfahrt wagen, legen meistens nachts ab; die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, ist dann einfach geringer. Viele der Menschen kommen aus Sub-Sahara-Afrika und haben ein so großes Gewässer noch nie gesehen, sie können weder schwimmen und wissen nicht, was das für sie bedeutet. Die Schlepper, denen sie viel Geld bezahlen, sagen ihnen „ihr seid 10 bis 13 Stunden unterwegs, die Lichter, die man im Norden sieht, das ist schon Italien“. Was sie nicht wissen, ist, dass die Lichter von Bohrinseln stammen, die nicht mal besonders weit weg sind.

Sie wissen also nicht, auf was sie sich einlassen?

Nagel: Nein. Und die Schlepper halten sie ahnungslos. Eins der Boote, mit denen sie flüchteten, hab ich aus der Nähe gesehen. Das waren Bodenplatten, die wackelig zusammengeschraubt wurden, teils ragten die Schrauben heraus. Oft stehen die Menschen darin, um Platz zu finden, und in den undichten Booten vermischt sich Salzwasser mit Benzin. Viele verletzen und verätzen sich. Ich glaube, man kann das kaum nachvollziehen, wie das ist, wenn man unter diesen Umständen nicht einmal weiß, ob man Hilfe bekommt.

Inzwischen weiß man relativ viel über die Zustände in den libyschen Lagern, unmittelbar Betroffene haben Dir selbst davon erzählt.

Nagel: Ja. Ich war ja als Übersetzerin auf dem Schiff und habe viel für die Journalisten oder für die Krankenstation an Bord übersetzt. Ich habe keine einzige Person erlebt, die mir nicht von Vergewaltigungen, von Folter, Gewalt und Sklaverei berichtet hat. Es ist heftig, wenn dir ein 17-Jähriger erzählt, dass er als Sklave für Polizisten arbeiten musste. Es ist kaum vorstellbar, dass man in dem Alter schon so viel Leid gesehen und erlitten hat. Das Auswärtige Amt hat das mal als „KZ-ähnliche Zustände“ beschrieben. Wenn das nicht ein Begriff ist, der Gänsehaut verursacht, dann weiß ich es auch nicht. Das kommt hier gar nicht richtig an. Aber wenn man sich damit auseinandersetzt, ist das nicht mehr zu ignorieren.

Die Not wird hier oft nicht so wahrgenommen, wie sie ist, gesprochen wird darüber selten im Detail. Die Seebrücke benennt die Notlagen klar und deutlich, auch um Empathie zu wecken. Abschreckung, Aufklärung oder beides? Wie erreicht man die Menschen für das Thema ?

Nagel: Ich glaube, ein Problem bei dem Thema ist, dass wenn man sich sehr damit beschäftigt, man auch wahrhaben muss, was die Ursachen für diese Probleme sind. Und die liegen oft in Europa. Die EU ist mitverantwortlich, durch ihre Handelspolitik, Waffenexporte, die restriktive Migrationspolitik und die Zusammenarbeit mit der libyschen Küstenwache. Es ist zynisch, jedes Jahr einen Mauerfall zu feiern, aber gleichzeitig eine Mauer um Europa aufzubauen, während wir anderen diese Freiheit nicht erlauben. Das Einzige, warum wir in dieser Position sind, ist das Glück, hier geboren zu sein. Das ist ein angeborenes Privileg.

Vielen reicht das offensichtlich.

Nagel: Wir haben die Möglichkeiten, zu helfen und die Probleme zu lösen, und darum ist das, was gerade passiert, so absurd. Für mich ist die Konsequenz, dass man sich überlegen muss, wie strukturieren wir unseren Alltag um, damit wir erstens nicht an den Fluchtursachen mitschuldig sind und gleichzeitig Druck auf die Politik ausüben können. Ich glaube, dass die Menschen auf verschiedene Weise ansprechbar sind.

Was genau ist daran so schwer?

Nagel: Zum einen ist es das Problem, dass es auf den ersten Blick schwierig erscheint, am Thema etwas zu verändern. Das Mittelmeer scheint weit weg und darum ist es vielleicht nicht so motivierend, daran zu arbeiten. Aber man kann auch hier was tun, aktiv sein. Das macht die Seebrücke, du kannst vor Ort, hier, aktiv werden und versuchen, Einfluss zu nehmen. Sea-Watch zum Beispiel: Das haben Leute in Brandenburg gegründet, die nichts mit Seefahrt zu tun hatten. Das ist ein großes Beispiel, dass man sehr wohl was tun kann. Dass das unbequem ist, damit wollen sich viele vielleicht nicht gern auseinandersetzen. Es ist ein großes Signal für die zivile Seenotrettung.

Wenn man Diskussionen im Internet verfolgt, finden die Leute ja von „Helden“ bis „Schlepper“ alle möglichen Bezeichnungen für das, was die Crews der Schiffe tun. Was ist Deine Bezeichnung dafür?

Nagel: Menschen. Es geht um Solidarität, anderen zu helfen, selbst wenn wir sie nicht persönlich kennen. Es geht um Menschlichkeit. Die kann man niemandem absprechen, nur weil er aus einem anderen Land kommt.

Was hat sich seit Deinem Einsatz auf der Sea-Watch 3 verändert?

Nagel: Ich hab European Studies studiert, ich merke mittlerweile sehr, wie naiv manche Vorstellungen doch waren. Mittlerweile sehe ich die EU nur als friedensstiftend innerhalb der EU, außerhalb macht sie das nicht. Gleichzeitig glaube ich an das Potenzial, dass wir das ändern können. Da müssen nur genügend Menschen dahinter stehen und genau das fordern.

Was hat sich persönlich für Dich verändert?

Nagel: Die Thematik ist eine Herzensangelegenheit geworden. Es ist was anderes, wenn man Gesichter und Namen mit diesen Geschichten verbinden kann. Dass da Personen, Menschen im Vordergrund stehen. Ich sehe meine Aufgabe auch darin, davon zu erzählen. Wer diese persönliche Erfahrung nicht machen kann, soll auf jeden Fall wie ich nicht sagen können, es ist mir egal oder damit habe ich nichts zu tun. Ich glaube, dass die, die gegen Seenotrettung sind, nicht grundsätzlich unmenschlich sind. Sie sind aber sicher nicht informiert genug, um die Zusammenhänge zu verstehen. Wir bekämpfen ein Symptom und die Lösung ist, Fluchtursachen zu bekämpfen und legale Fluchtwege zu schaffen.

Die Sea-Watch 3 ist 50 Meter lang, das klingt nach wenig Platz allein schon für die Besatzung von 20 Personen. Wie viel Raum hat man da?

Nagel: Man muss sich von der Idee verabschieden, dass man da viel Zeit und Raum für sich hat. Das kann man auch mal einfordern, aber grundsätzlich ist man da immer mit wem von der Crew zusammen. Man teilt sich zu zweit etwa sechs Quadratmeter in der Kajüte, überall ist immer wer anzutreffen, allein ist man eigentlich nie. Das muss man mögen. Die ruhigsten Momente sind, wenn man in der Acht-Stunden-Schicht, mindestens vier davon bei Tageslicht, mit dem Fernglas spottet, also das Meer beobachtet. Immer von Menschen umgeben zu sein ist aber auch positiv. Es gibt Tage, da passiert auch einfach nichts Spannendes, da sind es wertvolle Erfahrungen, mit anderen Crewmitgliedern zu sprechen.

Als Gemeinschaft schafft man viel. Ist es kein Problem, wenn ein bunt zusammengewürfelter Haufen Menschen auf einmal gemeinsam klarkommen muss?

Nagel: Überraschenderweise nicht. Wir hatten das Glück, dass keine Konflikte an Bord entstanden sind, aber ich kann mir vorstellen, dass es passieren kann. Was das aber verhindert, ist das Wissen, dass jeder für die gleiche Sache und das gleiche Ziel da ist: Menschen zu retten. Das steht über allem und schafft ganz viel Kompromissbereitschaft. Alle akzeptieren die klaren Hierarchien an Bord, die Aufgaben sind klar verteilt.

Noch mehr Platz muss geteilt werden, sobald Gerettete aufgenommen werden. Wie sieht es dann auf dem Schiff aus?

Nagel: Das Schiff hat nicht genug Platz, um alle im Inneren des Schiffs unter zu bringen. Wir haben aber die Möglichkeit, in einem Raum unter Deck etwa 20 Menschen unterzubringen. Also Kinder, Frauen oder Verletzte und Kranke. Bei einer Rettung von 95 Menschen, die ich erlebte, mussten die anderen dann im Freien auf Deck bleiben. Wir haben Wärmestrahler, Decken und Planen, mit denen wir das so angenehm wie möglich zu gestalten versuchen. Aber das ist auf jeden Fall anstrengend. Daher ist es wichtig, dass immer einer von uns bei ihnen ist. Die Menschen, die kommen, sind traumatisiert, haben Verletzungen, Folterspuren und sind geschwächt, da muss immer jemand ansprechbar sein. Und es ist wichtig, dass man beruhigen kann, wenn Unruhe oder Panik ausbrechen sollte. Während meiner Mission war das aber kein Thema, und ich hatte auch Zeit und Gelegenheit, die Menschen kennen zu lernen. Die haben ja eine Geschichte, einen Beruf, Familien, Hoffnungen.

Rechnen die Geretteten denn mit so einem persönlichen Interesse?

Nagel: Das haben die meisten über die Monate bis Jahre in Libyen nicht erlebt, das ist harter Überlebenskampf. Ich fürchte, man glaubt irgendwann nicht mehr an Menschlichkeit. Die Gäste nehmen das aber sehr dankbar auf, dass wir versuchen, ihnen so viel Zeit zu widmen. Viele tauen auf und dann sieht man, dass die Menschen trotz allem viel Freude in sich tragen. Sie genießen die Möglichkeit, gehört zu werden und ihre Geschichte zu erzählen, weil sie das eben ganz lange nicht erfahren haben.

Heidelberg als „sicherer Hafen“, auch Mannheim soll bald dazu gehören. Nur ein Symbol oder ein wegweisendes Signal?

Nagel: Das ist abhängig davon, was die Politik daraus macht. Es ist auf jeden Fall ein wichtiges Signal, weil die Menschen hier sich klar dazu bekennen, dass wir bereit sind und solidarisch mit denen, die fliehen müssen. Auf der anderen Seite sehe ich die Verantwortung der Politik, das umzusetzen und nicht nur schöne Worte bis zu den nächsten Wahlen zu tragen. Es ist schön, dass sich Teile der Bevölkerung auf die Seite der Menschlichkeit und des Nicht-Wegsehens stellen.

Deine zweite Mission, dieses Mal auf der „Alan Kurdi“, steht bevor. Welche Hoffnungen nimmst Du mit?

Nagel: Hoffentlich keine Toten. Das wäre das Schlimmste, was passieren könnte. Ich hoffe, dass wir nicht behindert werden, wenn es zu Einsätzen kommt, egal auf welchem Weg. Mich schockieren die Bilder von Rettungsschiffen, die ohne rechtliche Grundlage festgesetzt wurden. Das finde ich unfassbar und ich hoffe einfach, dass wir in die Situation nicht kommen werden. Dass das nicht passiert, liegt an Europa.

Stichwort: Sea Watch 3
Als ehemaliger Offshoreversorger ist die 50 Meter lange „Sea Watch 3“ seit 2017 im Besitz von Sea-Watch, zuvor diente sie als „Dignity I“ dem spanischen Ableger der Nichtregierungsorganisation (NRO) „Ärzte ohne Grenzen“ der Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer. Die Sea Watch 3 fährt unter niederländischer Flagge und befindet sich derzeit zur Wartung in Marseille, wo sie für kommende Einsätze vorbereitet wird.
i: www.sea-watch.org

Stichwort: „Alan Kurdi“‘
Die ehemalige „Professor Albrecht Penck“, 1951 als Forschungsschiff in der ehemaligen DDR gebaut, trägt seit dem 10. Februar den Namen des 2015 am Strand von Bodrum angespülten Leichnams des dreijährigen Alan Kurdi. „Sea-Eye“ kaufte das 38 Meter lange Schiff im Herbst 2018. Als einziges Schiff einer Nichtregierungsorganisation fährt es seitdem unter deutscher Flagge.


Die Seebrücke Heidelberg veranstaltet am Samstag, 13. April, eine Demonstration unter dem Motto „Sichere Häfen. Sichere Fluchtwege.“ Beginn ist um 14.30 Uhr an der Stadtbücherei Heidelberg, die Route verläuft über die Hauptstraße zum Uniplatz.

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