Fenster runter, Stäbchen rein
Schwetzingen, 19.03.2020
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19.03.2020 05:00
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Schwetzingen. Weißer Overall, blaue Einweghandschuhe, Atemschutzmaske und Schutzbrille. „Jetzt den Mund auf. Es kann sein, dass Sie einen Würgereflex verspüren“, sagt die medizinische Fachkraft, bevor sie dem jungen Mann im Auto durch das offene Fenster ein Stäbchen in den Rachen schiebt. 

Von Julian Eistetter

Tupfer wieder raus, behutsam im dafür vorgesehenen Röhrchen verstaut – und schon kann der Proband seine Fahrt fortsetzen.

Das Gesundheitsamt des Rhein-Neckar-Kreises hat am Mittwoch in Schwetzingen ein mobiles Corona-Abstrichzentrum in Betrieb genommen. Auf dem Gelände des SV 98 Schwetzingen werden Menschen, die nach Abklärung mit der Behörde als begründete Verdachtsfälle gelten, auf das grassierende Virus getestet. Das Prinzip funktioniert fast wie bei einem Drive-in eines Schnellrestaurants, wie Katharina Elbs, Leiterin der GRN-Klinik Schwetzingen, bei einem Pressetermin erklärt.

„Die Betroffenen fahren mit ihrem Auto zunächst an einen ersten Container, wo die Aufnahme erfolgt. Dort wird die Gesundheitskarte eingelesen“, sagt sie. „Anschließend fahren sie vor an den zweiten Container, wo der Abstrich genommen wird.“ Lediglich fünf Minuten soll das Prozedere pro Auto dauern.

Einen Abstrich machen lassen kann indes nicht jeder, der will. „Potenziell Infizierte melden sich zunächst über die Hotline 06221/5221881 beim Gesundheitsamt. Gibt es einen begründeten Verdacht, erhalten sie ein Zeitfenster und einen Code“, berichtet Elbs. Dieser Code werde vor Befahren des Drive-in von einem Sicherheitsdienst per Scanner geprüft.

Weitere Teststationen geplant

Das Angebot gilt indes nur für Menschen, die im Rhein-Neckar-Kreis oder im Stadtgebiet Heidelberg – also dem Zuständigkeitsbereich des Gesundheitsamts – leben, wie Landratsamtssprecherin Silke Hartmann betont. „Das Gelände hier ist perfekt, weil wir verlässliches Internet, eine gute Anfahrtsmöglichkeit und wenige Anwohner haben“, sagt sie. Daneben gebe es mit der GRN-Klinik einen Krankenhausstandort in unmittelbarer Nähe.

Auch das Personal für das mobile Abstrichzentrum stellt die GRN-Klinik. „Das sind jeweils drei Mitarbeiter pro Container sowie ein Arzt und ein Desinfektor“, sagt Elbs. Daneben stehe jederzeit ein Krankenwagen für Notfälle bereit. Die Verantwortlichen rechnen damit, an der Station in Schwetzingen täglich bis zu 100 Verdachtsfälle testen zu können, so Hartmann. Geöffnet ist immer von 9 bis 16 Uhr, je nach Bedarf werde das angepasst.

Das Drive-in-Angebot sei das erste im Kreis und ganz Nordbaden, vergleichbare Zentren im Umkreis sollen folgen. „Wann und wo kann ich aber noch nicht sagen“, erklärt die Sprecherin. Für Daniel Rost, Chefarzt der Inneren Medizin II der GRN-Klinik, stellt das Testzentrum eine wichtige Entlastung für die stationären Einrichtungen dar.

„Wir müssen uns vor Augen führen, dass nur rund fünf Prozent der Menschen, die hier vorstellig werden, auch einen positiven Befund bekommen“, sagt er. „Das bedeutet, 95 von 100 Verdachtsfällen bestätigen sich nicht. Diese würden unter Umständen Wartezimmer in Praxen oder Notaufnahmen blockieren“, sagt er. „Deshalb ist es wichtig, die Bereiche zu trennen.“

Ergebnis in 24 bis 48 Stunden

Gleichzeitig bittet der Mediziner um Verständnis, dass für die Möglichkeit eines Abstrichs strenge Kriterien angewendet werden. So werde nur getestet, wer in einem Risikogebiet war, direkten Kontakt zu einem Infizierten hatte und auch Symptome wie Husten, Kopfweh, Halsweh oder Durchfall habe.

„Die Kapazitäten sind begrenzt und das hier ist kein Selbstbedienungsladen. Deshalb wird das von Ärzten reglementiert“, sagt Rost. Ist der Abstrich gemacht, geht die Probe ins Labor am Heidelberger Uniklinikum. Der potenziell Infizierte erhält im Drive-in einen Link, über den er binnen 24 bis 48 Stunden sein Ergebnis abrufen kann. Auch telefonisch sei dies möglich. „Bis dahin erhält jeder die Anweisung, zuhause zu bleiben“, sagt Rost.

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19.03.2020 05:00
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