Heiße Köpfe um warmes Turnerbad-Wasser
Weinheim, 29.05.2020
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29.05.2020 05:15
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Leserbrief

Weinheim. Vor 40 Jahren schaffte es das kleine Weinheim in die Kommentarspalte der großen FAZ. Unter dem Titel „Das beheizte Freibad“ kommentierte ein Weinheimer Kommunalpolitiker in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kritisch „ein wirtschaftspolitisches Lehrstück“ und meinte damit den Meinungsstreit in Weinheim über die Fortsetzung der 1970 vom Gemeinderat beschlossenen Beheizung des Turnerbad-Wassers.

Die ungünstige Badesaison 1968, in der alle Freibäder witterungsbedingt einen erheblichen Rückgang der Besucherzahlen hinnehmen mussten, hatte am Jahresende 1968 eine breite Diskussion in Städten und Gemeinden mit nicht beheizbaren Freibädern ausgelöst. Allerorten wurde geprüft, wie preisgünstig angebotenes leichtes Heizöl, Gas oder Nachtstrom zum Anheizen des Wassers in den Schwimmbecken eingesetzt werden könnten. Das Stuttgarter Wirtschaftsministerium beantwortete eine Landtagsanfrage mit detaillierten Hinweisen zur jeweiligen Preissituation. Der Technische Ausschuss des Weinheimer Gemeinderats nahm die Hinweise auf, als er im Vorfeld der Badesaison 1970 (wieder einmal) über die Zukunft des Turnerbades diskutierte. Am Ende empfahl er dem Gemeinderat, auf bauliche Veränderungen innerhalb des Bades zu verzichten und dem Einbau einer Heizungsanlage für beide Becken auf Stadtkosten zuzustimmen. Der Gemeinderat folgte der Empfehlung mit großer Mehrheit und beauftragte die Stadtwerke mit der Installation in einem Kostenumfang von 60 000 Mark.

Verlängerte Badesaison

Ein Jahr später, zu Beginn der Badesaison 1971, hatte auch Weinheim ein beheizbares Freibad, wie zuvor schon die Nachbarn Viernheim und Ladenburg. Ohne wesentliche bauliche Veränderungen war nun eine Freiluft-Badesaison möglich, die früher beginnen und später enden und allzeit 24 Grad warmes Wasser anbieten konnte. Dafür war im Filter- und Maschinengebäude auf der Ostseite des Wettkampfbeckens eine Heizanlage installiert worden, die nach dem Prinzip eines Durchlauferhitzers arbeitete: am Tiefpunkt des Schwimmbeckens wurde das Wasser abgesaugt, an der Erdgasflamme vorbeigeschickt und an der flachen Stelle des Beckens wieder zugegeben.

Während dem Gemeinderat 1970 das „Ja“ bei guter Finanzlage noch leichtgefallen war, musste die Entscheidung über die Fortsetzung der Beheizung des Turnerbad-Wassers 1981 im Rahmen der schwierigsten Haushaltsberatungen der letzten Jahrzehnte getroffen werden. Wieder beschäftigten das Thema und seine kontroverse Bewertung über den Bürgersaal hinaus die Stammtische und die Leserbriefspalten der Weinheimer Nachrichten. Auch diesmal argumentierten die Befürworter der Anheizung des Bassinwassers mit gesundheitlichen Vorteilen für Menschen aller Altersklassen und mit der Anerkennung der Arbeit der TSG-Schwimmabteilung in der Schwimmausbildung von Kindern und der Förderung von Talenten – Uta Schütz wurde in diesem Jahr Jugend-Vizeweltmeisterin –, während die Kritiker noch stärker als 1970 auf die Sparzwänge im städtischen Haushalt verwiesen und auf das vorhandene Angebot von inzwischen drei Schwimmhallen (Hallenbad Weinheim, zweite Schwimmhalle, Hallenbad Hohensachsen). Selbst der Kaufpreis des neuen Dienstwagens für den Oberbürgermeister musste in der emotionalen Debatte für die Warnung vor Ausgaben herhalten, die nur über Kreditaufnahmen mit zweistelligen Zinslasten zu finanzieren seien.

Das Ergebnis der Turnerbad-Diskussion 1981: mit knapper Mehrheit sprach sich der Gemeinderat für die Fortsetzung der Anheizung des Turnerbad-Wassers aus und bestätigte damit seinen Beheizungsbeschluss von 1970.

Die Beheizung des Turnerbads und der Bau einer zweiten Schwimmhalle beim Hallenbad als schulische Unterrichts- und schwimmsportliche Trainingsstätte eröffneten vor 50 Jahren dem Schwimmen und den Schwimmern neue Möglichkeiten und schlugen zugleich ein weiteres Kapitel in der langen Weinheimer Freibadgeschichte auf. Sie ist eng verbunden mit Eigeninitiativen des Bender’schen Instituts und der TSG 1862 Weinheim, aber auch mit bislang wenig bekannten Reaktionen der Stadtverwaltung auf die in den 1920er-Jahren immer lauter werdende Bürgerforderung nach sommerlichen Bademöglichkeiten.

In der über 100-jährigen Geschichte des Turnerbads war die Entscheidung für die Beheizung nur ein Kapitel im jahrzehntelangen bürgerschaftlichen Engagement der TSG 1862 Weinheim. 1914 erhielt der damalige Turnverein 1862 von der Stadt und dem Grafen von Berckheim als Geländebesitzer die Erlaubnis, den Grundelbach auf dem neuen Waldspielplatz im Gorxheimer Tal zu stauen. Dadurch sollte ein Flussbad entstehen und von einem Umkleidegebäude mit Gerätehalle ergänzt werden. Noch im selben Jahr wurde hier gebadet, doch das aufgestaute Bachwasser war nur Vereinsmitgliedern zugänglich, und zwar streng getrennt nach Geschlechtern. Das erste Familienbad, das Frauen und Männern gleichzeitig das Schwimmen erlaubte, war schon die zweite Badeanstalt im Gorxheimer Tal. Im Februar 1923 hatte ein Hochwasser des Grundelbachs das erste Turnerbad zerstört, der sofortige Neubau, nun mit einem betonierten Becken, kostete 85 Millionen Papiermark – es herrschte Inflation.

Der kalte Winter 1929/30 hinterließ erhebliche Frostschäden am „Inflationsbecken“ und warf erneut die Frage nach einem Neubau auf. 1939 entstand die erste wettkampfgerechte Schwimm- und Sprunganlage (Kosten 125 000 Reichsmark), 1963 folgte auf dem inzwischen kanalisierten Grundelbach ein Nichtschwimmerbecken und 1975, nach täglichem Wasserverlust von 110 cbm, ein neues Schwimmbecken mit acht Bahnen, aber ohne Sprungturm. Nach weiteren Umbauten, Anbauten und Sanierungen entstand 2004 die heutige Anlage. Seither heißt das Turnerbad TSG-Waldschwimmbad. Es ist im Besitz der Stadt und wird vom Verein betrieben. -ell

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