Hilfe und Optionen zum Handeln
Region, 01.07.2020
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01.07.2020 05:00
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Leserbrief
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Region. Rassismus ist vielschichtig. Nicht nur seine Erscheinungsformen sind unterschiedlich, auch die Betroffenen gehen mit ihren diskriminierenden Erfahrungen ganz individuell um. Lara Track vom Antidiskriminierungsbüro Heidelberg und Tina Koch, Antidiskriminierungsbüro Mannheim, beraten Menschen, die Anfeindungen ausgesetzt waren oder sind. Sie helfen den ratsuchenden Personen mit dem Erlebten umzugehen, und zeigen Handlungsoptionen auf. Im Gespräch erklären sie, warum das Zuhören manchmal genügt und dass Vermittlungsgespräche manchmal mehr bewirken können als eine Klage.

Mit welchen Anliegen kommen die Menschen zu Ihnen in die Beratungsstellen?

Lara Track: „Oft berichten die Ratsuchenden von Überschneidungen. Es sind nicht immer ausschließlich Erfahrungen mit Rassismus, sondern weitere Formen der Diskriminierung, die ineinandergreifen. Ein Beispiel ist eine ratsuchende Person, die neben anti-muslimischem Rassismus auch aufgrund einer Behinderung diskriminiert wurde.“

Tina Koch: „Bei uns ist das ganz ähnlich. Mehr als 50 Prozent der Personen, die zu uns kommen, erleben neben Rassismus auch andere Diskriminierungen. Auffällig ist, dass Ratsuchende oft mit einem bestimmten Anliegen zu uns kommen, das an einen Vorfall gekoppelt ist – der dann das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Im Gespräch mit den Betroffenen kommen dann möglicherweise weitere Erlebnisse aus der Vergangenheit zum Vorschein, die von den Menschen bisher vielleicht gar nicht als Diskriminierung wahrgenommen wurden.“

Welche Erlebnisse können das sein?

Track: „Ein wiederkehrendes Erlebnis ist, dass Menschen nicht weißer Hautfarbe im öffentlichen Raum auf Englisch angesprochen und dann gefragt werden, wo sie herkommen. Das kommt in der Beratung immer wieder zur Sprache. Dahinter steckt dieses ,Fremdgemachtwerden’, wenn andere davon ausgehen, dass die Person irgendwie nicht richtig dazugehört.“

Aber diese Dinge werden nicht immer absichtlich gesagt ...

Track: „Diskriminierung liegt in der Art der Wirkung und muss nicht intendiert sein. Die Person, die einen nicht weißen Menschen auf Englisch anspricht, sagt sich vermutlich nicht: ,Ich verhalte mich rassistisch und möchte jemanden verletzen’. Man spricht hier von einer Mikroaggression. Auch wenn sie nicht immer bewusst passiert, kann sie diskriminierend und verletzend sein.“

Welchen Stellenwert nimmt bei Ihrer Arbeit die Aufarbeitung der Erfahrungen von Ratsuchenden ein?

Koch: „Die Aufarbeitung ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Erstberatungsgespräche mit den Ratsuchenden. Das dauert relativ lange und ist nicht innerhalb von zehn Minuten erledigt. Wir wollen einen vertrauensvollen Raum eröffnen, in dem sich die Menschen öffnen können. Für Betroffene ist das ein hochsensibles Thema, das Ganze im Gespräch noch mal zu durchleben ist nicht einfach. Auch die Scham kann ein Faktor sein. Manchen Ratsuchenden reicht es bereits, gehört und ernstgenommen zu werden.“

Welche Möglichkeiten haben Betroffene, etwas gegen ihre Diskriminierung zu unternehmen?

Koch: „Wir zeigen Handlungsoptionen auf. Dann kommt es darauf an, was die Person möchte. Sei es ein Beschwerdebrief oder ein Vermittlungsgespräch, zu dem wir begleiten. Öffentlichkeitsarbeit kann ein weiterer Weg sein, wenn die Betroffenen über ihre Erfahrungen berichten wollen. Eine Klage kommt nicht für jeden infrage. Da müssen wir gemeinsam schauen, was der betroffenen Person zuzumuten ist. Denn sie soll gestärkt aus der Situation hervorgehen.“

Wann hat Diskriminierung rechtliche Konsequenzen?

Track: „Das kommt auf den Bereich an, in dem Diskriminierung erfahren wird. Wir bieten zwar keine Rechtsberatung an, kennen aber das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) und wissen, wie darin Diskriminierung definiert ist. Zunächst prüfen wir, ob eine Ungleichbehandlung vorliegt. Wenn diese nicht durch einen Sachgrund zu erklären ist und die Ungleichbehandlung außerdem an ein spezifisches Merkmal wie zum Beispiel die Ethnizität gebunden ist, könnte das nach dem AGG verfolgt werden. Wichtig ist, dass die Betroffenen innerhalb von zwei Monaten nach einer Diskriminierung ankündigen, sich rechtliche Schritte vorzubehalten.“

Wann würde Sie von rechtlichen Schritten abraten?

Koch: „Wenn zum Beispiel ein Abhängigkeitsverhältnis besteht. Möchte ein Arbeitnehmer seinen Job unbedingt behalten, ist die Situation eine andere, als wenn er sowieso aufhören möchte und mit einer Klage ein Zeichen setzen will. Ist das Ziel der ratsuchenden Person, ins Gespräch zu kommen und eine Verbesserung zu erzielen, könnte eine Eskalation in Form einer Klage möglicherweise hinderlich sein.“

Von P. Pflästerer und T. Horbach

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