Hochkarätiges zum Abschied
Weinheim, 16.09.2020
Diesen Artikel
16.09.2020 05:00
Drucken Vorlesen Senden
Leserbrief
91

Weinheim. Der Weinheimer Kultursommer geht an diesem Wochenende endgültig zu Ende. Nach ein paar „Verlängerungen“ setzt die Beyond Blue Connection gleich zwei Schlusspunkte. Am Freitag, 18. September, 20 Uhr kommt es zu einer Welturaufführung im Kleinen Schlosshof. Die internationalen Musik-Virtuosen Claus Boesser-Ferrari (Gitarre) und der Kanadier François Houle (Klarinette) improvisieren zu dem Stummfilm „Golem – wie er in die Welt kam“ aus dem Jahr 1920. Der expressionistische Film des Regisseurs Paul Wegener, der selbst den Golem spielt, war zu seiner Zeit ein großer Erfolg – auch international.

Er spielt im Prag des 16. Jahrhunderts. Rabbi Löw meint eine große Gefahr für das jüdische Ghetto zu erkennen. Deshalb erweckt er einen künstlichen Menschen aus Lehm, den Golem, zum Leben. Kurze Zeit später erhält der Rabbi ein Dekret des Kaisers, dass Juden die Stadt zu verlassen haben. In einer Audienz beim Kaiser, zu der Löw den Golem mitnimmt, gelingt es ihm, den Herrscher umzustimmen. Doch dann wird Golem selbst zur Gefahr.

Film in der Diskussion

Vor fast 100 Jahren, am 29. Oktober, feierte der Film im Ufa-Palast am Zoo Premiere und wurde von der Kritik gefeiert. In neuerer Zeit wurde er allerdings auch immer wieder kontrovers diskutiert. Omer Bartov, Professor für europäische Geschichte und deutsche Studien an der Brown University in den USA beispielsweise schreibt in seinem Buch „The ,Jew‘ In Cinema: From ,The Golem‘ To ,Don’t Touch My Holocaust‘“, Wegeners Film habe drei grundlegende Motive eingeführt, die später das Bild der Juden in Filmen beeinflussten – so ist es auch auf dem Blog des Journalisten Tomasz Gralla (Tomalla Watches Films) zu lesen. Allem voran: der Jude als Außenseiter.

Die britische Literaturwissenschaftlerin Cathy S. Gelbin wiederum schreibt in einem Beitrag zur Ausstellung „Golem“ im jüdischen Museum Berlin: „Wegeners Golem selbst verkörpert das (ebenfalls) um die Jahrhundertwende entstandene Konzept des ,Muskeljuden‘. Dieser neue jüdische Kämpfertypus, den der Frühzionismus als Gegenbild zum antisemitischen Klischee des feminisierten ,Ghettojuden‘ imaginierte, sollte sein Volk verteidigen können und gleichzeitig das Land urbar machen.“

Über eine Schlüsselszene im Film, als der Golem Mirjam, die Tochter von Rabbi Löw wegträgt, schreibt Gelbin: „Wegeners Bild vom Monster, das die Frau trägt, wird in den rassistisch getönten Hollywooddramen der 1930er-Jahre immer wieder aufgegriffen – von Tod Brownings Dracula (1931) bis hin zu Merian C. Coopers und Ernest B. Schoedsacks King Kong (1933). Dieser nachhaltige Einfluss entstand nicht zufällig, denn Wegener machte den Golem und seinen jüdischen Schöpfer zum Sinnbild für die Schöpfungskraft des Mediums Kino, das deutschsprachige Juden stark mit prägten. Wegener, der auch den Golem spielte, war zwar selbst kein Jude, jedoch standen ihm einige jüdische Darsteller zur Seite, etwa Albert Steinrück als Rabbi Löw und Ernst Deutsch als sein Gehilfe.“

Etwas leichtere Kost gibt es am Samstag, 19. September, um 20 Uhr. Dann stellt die Weinheimer Kulturinitiative den Singer-Songwriter Jono McCleery aus London vor. Der Sänger und Gitarrist wird unter Fachleuten als der „neue Ed Sheeran“ gehandelt. Wie dieser überzeuge der Musiker von der Insel durch nachdenkliche Songs und gefühlvollen Gesang, heißt es in einer Pressemitteilung der Beyond Blue Connection. vmr

Tickets für beide Veranstaltungen gibt es im Kartenshop der DiesbachMedien, Friedrichstraße 24, Weinheim, Telefon 06201/81 345 oder in der Geschäftsstelle der OZ in Fürth, Erbacher Straße 4, Telefon 06253/4363, per E-Mail unter
kartenshop@diesbachmedien.de und unter wnoz.reservix.de

SOCIAL BOOKMARKS
16.09.2020 05:00
Drucken Vorlesen Senden
Ihre Meinung interessiert uns