Ich bin MENSCH!
Region, 01.08.2020
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01.08.2020 05:10
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Leserbrief
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Region. Jeder Mensch ist anders, ein Individuum mitten in unserer Gesellschaft. Und so hat auch jeder seine eigene Geschichte zu erzählen und über Erlebnisse und Erfahrungen zu berichten.

Zum Start der Rassist-Ich-Serie startete die Redaktion auf den sozialen Netzwerken eine Umfrage und bat die User ihre Erfahrungen mit dem Thema Rassismus zu schildern. Erlebnisse, die sich auf den täglichen Umgang miteinander beziehen und Alltagsrassismus, den sie am eigenen Leib erfahren mussten. Viele Zuschriften gingen innerhalb einer Woche im Postfach der Redaktion ein. Auch über eine 24-Stunden-Umfrage, über die Story-Funktion auf Facebook und Instagram erreichte eine Vielzahl von Nachrichten die WN/OZ-Redaktion. Leider sind hier die technischen Möglichkeiten für eine ausführliche Antwort begrenzt und so entstanden ganze Gespräche und Interviewsituationen per Mail, Messenger und dem Nachrichtendienst auf Instagram. Die Geschichten waren emotional und bewegend, da sie das Erlebte schilderten und einen Blick hinter die Fassade und auf tiefe Emotionen erlaubten. Die User berichteten aus ihrem privaten Leben, von verletzenden Worten und Situationen, die sie in Angst versetzten und kränkten. Egal wie unterschiedlich die einzelnen Erfahrungen waren, alle hatten eines gemeinsam: In sämtlichen Berichten ging es um Menschen, die durch ihr unüberlegtes und rücksichtsloses Handeln, seelische Verletzungen bei ihrem Gegenüber hinterließen.

Dabei geht es nicht um Diskriminierung, um Mobbing oder einen blöden Witz, wie einige User in den sozialen Medien unter die redaktionellen Inhalte arglos kommentierten. Sobald Äußerungen gegen die Herkunft, die Nationalität oder die Hautfarbe einer Person gerichtet sind, ist es rassistisch. Das ist Fakt.

Für das Ende der Rassist-Ich-Serie erhielt die Redaktion von vier Usern die Einwilligung ihr Erlebtes veröffentlichen zu dürfen. Alle kommen aus dem lokalen Verbreitungsgebiet der WN/OZ.

Drei der Absender baten um Anonymität und erhielten von der Redaktion Pseudonyme, da ihnen das Erlebte unangenehm und peinlich sei und sie von anderen Lesern nicht darauf angesprochen werden möchten.

Die realen Namen liegen der Redaktion vor.

„Sie sprechen aber gut Deutsch“

Von Biggi I.

„Ich kann von so einigen Erlebnissen berichten: Ich wollte mal meine Uhr reklamieren, woraufhin die Dame in dem Geschäft mir eine Bedienungsanleitung brachte und mich fragte, ob ich denn deutsch verstehen und lesen könne. Als hätte ich vorher mit ihr chinesisch gesprochen.

Im Gedächtnis ist mir auch ein Immobilienmakler aus Weinheim geblieben, als ich mit meinem Verlobten auf der Suche nach einer Wohnung war. Telefonisch meldete ich mich bei ihm mit meinem türkischen Mädchennamen. Ich sagte ihm, dass wir eine Wohnung suchen und bald heiraten wollen. Seine erste Frage an mich war, wie viele Personen denn einziehen würden? Denn bei uns wären die Familien ja größer. Dann fragte er, ob wir den deutschen Pass hätten. Ich bejahte es. Daraufhin meinte er, warum ich denn keinen deutschen Namen annehmen würde. Er würde das immerhin so machen, wenn er in einem anderen Land leben würde. Ich war ziemlich sauer und meinte zu ihm, dass ich mir die Wohnung erstmal von außen anschauen wolle. So einem Menschen wollte ich mein Geld nicht geben.

Weitere Kommentare musste ich mir bei Bewerbungsgesprächen gefallen lassen. Ich bin Rechtsanwaltsfachangestellte und bekam Sätze wie „Sie sprechen aber gut deutsch“ zu hören.

Als mein jetziger Mann vor einigen Jahren die Fahrschule besuchte, durfte ich ihn einmal begleiten. Der Fahrlehrer damals war sehr nett, als er mich fragte, was ich denn beruflich so mache. Ich antwortete ihm, dass ich in der Ausbildung sei. Daraufhin meinte er: „Ah, als Friseurin!“ Was seiner Meinung nach wohl der einzige Beruf ist, den türkische Mädels ausüben können. Ich antwortete ihm, dass es eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten sei. Daraufhin meinte er: „Ach so, da muss man aber gut deutsch sprechen.“ Ich sagte: „Ja, sollte man!“

Aber das war noch nicht alles. So hatte ich Arbeitskollegen, die mich als Gastarbeiterin betitelten. Oder wenn das Gesprächsthema in der Mittagspause mal wieder ‚die Ausländer‘ waren. Hieß es zur mir ‚Aber du bist ja nicht so.‘ Und irgendwie wurde mir der Eindruck vermittelt, dass viele hier denken, dass sich alle Türken in Deutschland persönlich kennen würden. Zumindest hat man mir das so schon ein paar Mal gesagt. Aber ich weiß damit umzugehen und fühle mich gut. Ich bin hier geboren und aufgewachsen und fühle mich hier auch heimisch.

Allerdings hasse ich die Frage: ‚Was bist du?‘ Ganz einfach, ich bin Mensch. Und deshalb behandle ich auch jeden gleich.“

Rechtfertigung für Herkunft und Sprache

Von Julia C.

„Ich hatte eine Kollegin, die es ab dem ersten Tag auf mich abgesehen hatte und mir gegenüber rassistische Kommentare äußerte. Bereits beim ersten Treffen kam der Satz ‚Wir werden hier ja immer exotischer.‘

Dann fing sie an, mir Haartipps für meine Locken zu geben. Sie war erstaunt, wie gut ich deutsch spreche und wollte wissen, wie lange ich schon in Deutschland lebe. Dass ich hier geboren und aufgewachsen bin, war für sie schwer verständlich. Dann kamen Fragen, wann ich wieder in die Heimat fahre und ob ich auch deutsche Partner haben darf. Sie hat mir auch erzählt, dass sie schon mehrfach Urlaub in ‚meiner Heimat‘ gemacht habe. Aber dort leben wolle sie nicht, denn die Leute seien zu laut und es rieche ständig nach frittiertem Essen. In der Mittagspause sagte sie des Öfteren vor allen anderen Kollegen, dass es nach Knoblauch stinke und dass es nur von Leuten wie mir kommen könne.

Keiner der Kollegen hat darauf reagiert oder etwas zu ihr gesagt. Aber wenn sie den Raum verließ, wurde mir geraten, ihre Aussagen einfach zu ignorieren. Mir wurde bewusst, dass sie wussten, dass das Gesagte nicht richtig war.

Ich habe als Reaktion auf ihre Kommentare immer nur gelacht, weil es schwer ist, solche Menschen eines Besseren zu belehren. Dennoch, innerlich war mir die Situation mit der Kollegin ziemlich unangenehm bis peinlich. Sie gab mir das Gefühl, dass ich mich für meine Existenz, mein Aussehen und meine Sprache irgendwie rechtfertigen muss. Dabei bin ich das Produkt der jüngsten Geschichte, die mit einer kulturellen Vielfalt verknüpft ist und heute zu Deutschland gehört.

Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass die Gesellschaft etwas mehr sensibilisiert wird, besonders was den (Alltags)Rassismus angeht. Vielen ist es nämlich nicht bewusst, dass sie sich rassistisch verhalten und somit anderen Menschen schaden und sie verletzen. Spricht man das Gegenüber darauf an, wiegeln sie das eigene Verhalten ab und begründen es mit ihrem Interesse an der Person. Neugier und Interesse sind gerne willkommen.

Das sind üblicherweise die Grundbausteine, um eine zwischenmenschliche Beziehung aufzubauen und normalerweise hat kaum jemand ein Problem damit über seine Wurzeln zu sprechen. Aber es ist wie bei einem Konzert, der Ton macht die Musik. Und was das betrifft, müssen wir alle noch einiges dazulernen, um Missverständnisse zu verringern und mehr Respekt dem Gegenüber zu vermitteln.

Oftmals steht aber ein beschränktes Schubladendenken dem Ganzen im Weg. Ich bin gebürtige Weinheimerin und liebe die Stadt mit ihrer einzigartigen Vielfalt. ‚Multikulti‘ gehört einfach zu Weinheim, wie ich auch.“

Angespuckt und beleidigt

Von Donny J.

„Aus meiner bisherigen Erfahrung kann ich berichten, dass ich einmal angespuckt wurde. Davor wurde ich ‚nur‘ beleidigt oder angerempelt. Das Anspucken aber war ein absolutes Novum. Tatsächlich kannte ich die Person nicht, zumal man auch sagen muss, dass er zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich betrunken war, was die Sache aber nicht wirklich besser macht.

Nachdem er mich bespuckt hatte, sagte er zu mir Dinge wie ‚Verpiss dich in dein Land zurück‘. Das war übrigens vor etwa sechs Jahren am Hauptbahnhof. Natürlich war ich erst einmal sehr erschrocken und wütend über sein Verhalten. Aber danach war ich mehr enttäuscht, weil die Menschen, die um uns herum standen, kaum oder gar nicht reagiert hatten. Sie schauten einfach zu oder weg, ohne einzuschreiten oder mir zu helfen. Einige haben sogar gelacht, als sie gesehen haben wie sehr mich das ärgert. Generell habe ich das Gefühl, dass Witze und Gewalt gegen (süd)ostasiatische Menschen für viele Nicht-Betroffenen hinnehmbar oder zumindest normal zu sein scheinen. Zumal die Gewalt, die auch Menschen wie mich betrifft, in den Medien kaum thematisiert wird, weil wir laut der gesellschaftlichen Sicht zu den ‚guten Migranten und Migrantinnen beziehungsweise zu den guten Einwanderern und Einwanderinnen‘ zählen.

Kleine Anmerkung: Ich sage bewusst Menschen aus dem südostasiatischen Raum, da Menschen aus Ländern wie Indien, Pakistan, Bangladesch anderen Formen des Rassismus ausgesetzt sind und auch innerhalb Asiens Rassismus erfahren. Außerdem darf man auch nicht vergessen, dass viele Staaten wie etwa Israel oder Afghanistan in Asien liegen und somit die Bezeichnung „asiatische Menschen“, obwohl man nur südostasiatische Menschen meint, eine erheblich verkürzte Bezeichnung darstellt.“

„Die Kleene mit dem Kopfduch“

Von Zarife K.

„Es ist gut zehn Jahre her, dass ich auf der Suche nach einer Stelle als pharmazeutisch-kaufmännisch Angestellte (PKA) in einer Apotheke war. Es war für mich nicht einfach, da ich ein Kopftuch trage. In jedem Telefonat, das ich führte, hieß es zuerst, man wolle von mir zuerst einen Lebenslauf mit Foto. Nachdem ich diesen geschickt hatte, kam meist eine Absage oder ich hörte nichts mehr von der jeweiligen Apotheke.

Auf meine Nachfrage sagte einer der Apotheker zu mir: „Wenn Sie hier Ihr Tuch ablegen, können Sie gleich anfangen.“ Nach so vielen Absagen hatte ich schon die Hoffnung aufgegeben, bis ich einen Anruf erhielt. Einer der Apotheker hatte meine Bewerbung an einen Kollegen weitergegeben. Dieser hatte Interesse und sagte mit einer sehr freundlichen Stimme am Telefon: „Sie können gleich morgen anfangen.“

Da ich aber so viele schlechte Erfahrungen gemacht hatte, war ich skeptisch und sagte ihm, dass ich ein Kopftuch trage, Türkin sei und auch mein Kopftuch nicht ablegen wolle. Ich hatte natürlich Angst die Stelle nicht zu bekommen. Aber das wollte ich geklärt haben. Der Apotheker reagierte total verständnisvoll und sagte zu mir: „Mir ist wichtig, was in ihrem Kopf und nicht was obendrauf ist.“ Diese Antwort beeindruckt mich bis heute und hat mein Leben verändert. Voller Hoffnung bin ich am nächsten Tag in die Apotheke und durfte sofort anfangen. Um den Kundenumgang und natürlich auch die Kunden selbst besser kennenzulernen, stand ich am Anfang mit meinem Chef gemeinsam an der Kasse.

Ich erinnere mich noch, dass die Apotheke mit fünf Kunden gut besucht war. Einer der Kunden kam zu mir an die Kasse. Ich lächelte ihn an, doch er schüttelte abwertend den Kopf. Zeigte dann mit dem Finger auf mich und sagte zu meinem Chef: „Muss das sein?“ Ich fühlte mich erschlagen und wünschte mir, ein Loch würde sich auftun, in das ich mich verkriechen konnte. So etwas war mir zuvor noch nie passiert, zumindest nicht so. Mein Chef reagierte freundlich und griff mir an die Schulter, als er zu dem Kunden sagte: „Das ist unsere neue Kollegin und sie ist genauso, wie sie sein müsste und zu sein hat.“ Ich kämpfte mit meinen Tränen und versuchte gleichzeitig weiter zu lächeln.

Als die nächste Kundin an der Reihe war, grüßte ich sie freundlich und streckte meine Hand nach ihrem Rezept aus. Sie zog es weg und sagte: „Sie doch nicht. Sie putzen doch hier.“ Erneut stand mein Chef an meiner Seite und sagte: „Das ist unsere Kollegin, sie ist unsere PKA und kann viel mehr als putzen.“ Inzwischen bin ich seit zehn Jahren in der Apotheke beschäftigt und viele, die mir am Anfang sehr skeptisch gegenüberstanden und mich mit ihren Worten und ihrem Verhalten verletzt haben, freuen sich jetzt, wenn sie mich an der Kasse sehen. Auch wenn sie mich beim Einkaufen treffen und erkennen, grüßen sie mich und sind sehr freundlich zu mir. Es sind oft Vorurteile und schlechte Erfahrungen, die Menschen zu einem solchen Verhalten bringen und sie dadurch skeptisch anderen gegenüber machen.

Ich bin „Die Kleene mit dem Kopfduch“ von der Zwei-Burgen-Apotheke und ich bin sehr dankbar, dass ich schon so lange in der Apotheke arbeiten darf und auch so viele positive Erfahrungen sammeln konnte. Das habe ich alles meinem damaligen Chef, Herrn Mahlke, zu verdanken. Die Leser aus der Weststadt kennen mich vielleicht und ich möchte mich auf diesem Wege bedanken, dass ich so toll aufgenommen wurde, wenn einige auch etwas mehr Zeit brauchten, um mich zu akzeptieren.“

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01.08.2020 05:10
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