Kritischen Inhaltsstoffen auf der Spur
Weinheim, 07.08.2020
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07.08.2020 12:18
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Weinheim. „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ – Geschichten über erfolgreiche Unternehmensgründer in den USA klingen immer irgendwie „easy“. Studenten legen mit ihrer digitalen Geschäftsidee einfach los. Investoren mit Risikokapital stehen förmlich Schlange. Von Bürokratie ist in diesen Geschichten so gut wie nie die Rede. In Deutschland ist das etwas anders. Diese Erfahrung hat jedenfalls die 24-jährige Weinheimerin Victoria Noack gemacht. Die Studentin hat sich davon aber nicht entmutigen lassen und das Unternehmen Declareme gegründet, das seit Mitte Juli mit der App „HealthMe“ auf dem Markt ist.

Idee beim Frühstück entstanden

Die Idee hatte sie vor drei Jahren beim Frühstück mit einer Freundin, die unter zahlreichen Nahrungsmittelunverträglichkeiten leidet. Im Gespräch fiel der Blick auf das Etikett einer Flasche „Stilles Wasser“ mit Fruchtgeschmack. Die Zutatenliste offenbarte nicht nur, dass dieses Wasser kein natürliches Fruchtaroma enthielt, sondern auch mehrere Inhaltsstoffe, die ihre Freundin nicht vertrug. „Für sie ist jeder Einkauf eine Herausforderung“, erzählt Victoria Noack im Gespräch mit unserer Redaktion. Sie fragte sich: Könnte hier eine App Abhilfe schaffen? Damit war die Grundidee für „HealthMe“ geboren.

Victoria fing an zu recherchieren und fand schnell heraus, dass rund 24 Millionen Menschen in Deutschland unter Nahrungsmittelunverträglichkeiten durch Intoleranzen, Allergien und Krankheiten leiden – ein riesiger Markt also. Von einem Ferienjob bei der Modekette H&M wusste Victoria Noack, dass die Barcodes auf dem Preisschild jede Menge Informationen enthalten. Bei Lebensmitteln ist das genauso; es existieren Datenbanken, auf denen sämtliche Inhaltsstoffe abrufbar sind. Damit war klar, was ihre App können muss: „Einfach beim Einkauf den Barcode des jeweiligen Produkts mit dem Handy scannen und die App zeigt, ob der Nutzer das Produkt verträgt – wenn nicht, erhält er einen Alternativvorschlag.“

Damals studierte sie noch an der SRH Hochschule in Heidelberg International Business. Während eines Praktikums beim Gründer-Institut in Heidelberg konnte sie weiter an ihrem Konzept feilen und erhielt wertvolle Anregungen.

Nach dem Bachelor-Abschluss konzentrierte sie erst einmal zu 100 Prozent auf ihr Start-up. Doch die Suche nach Investoren, die das Kapital für die Schnittstellen-Programmierung der App zu den Datenbanken zur Verfügung stellen, blieb erst einmal erfolglos. „Ich saß irgendwie immer zwischen den Stühlen“, erzählt sie: „Investoren aus der Lebensmittelbranche war meine Idee zu technisch. Investoren aus der digitalen Welt war meine Idee zu Lebensmittel-lastig.“

Aufgeben kam trotzdem nicht infrage. So gründete Victoria Noack im Sommer 2019 ihr Unternehmen Declareme. Das war der Beginn des bürokratischen Hürdenlaufs. Das Finanzamt wollte eine Umsatzprognose mit Steuervorauszahlung. Namensrechte, Gewerbeamt und Mitgliedschaft in der IHK kosteten Zeit und Geld. 5000 Euro türmten sich nach wenigen Wochen auf der Ausgabenseite. „Eigentlich war ich pleite, denn meine Einlage für die Firma betrug nur 100 Euro, weil ich es nicht besser wusste“, räumt sie ein und fügt hinzu: „Aber aus Fehlern lernt man ja.“

Programmierung die größte Hürde

Die Finanzierung blieb aber ein Problem. In Deutschland wollten Dienstleister für die Programmierung der Schnittstellen 350 000 Euro haben. Für Victoria Noack völlig undenkbar. Schließlich half Christian Riesenberger, Geschäftsführer der Firma Better Life, die eine der großen Lebensmittel-Datenbanken betreibt. Er stellte für sie den Kontakt zu einer Firma in der Ukraine her. Diese war bereit, die Programmierung für 30 000 Euro zu übernehmen. Immer noch viel Geld, aber das war ein Betrag, den Victoria Noack mit Unterstützung ihrer Eltern zu investieren bereit war.

Seit Mitte Juli ist die App „HealthMe“ nun im App-Store und im Google Play-Store erhältlich und kann den Barcode von mehr als vier Millionen Produkten auslesen, auswerten und den Nutzern Empfehlungen geben. Andere Apps könnten einzelne Funktionen auch, aber nicht das komplette Angebot von HealthMe. Außerdem seien diese werbefinanziert, was die Nutzerfreundlichkeit reduziert und zu einem Glaubwürdigkeitsproblem führen könne, findet die Gründerin. Deshalb ist ihre App – nach einer kostenlosen Testphase – auch kostenpflichtig (3,49 Euro für sechs Monate).

„Natürlich schaue ich im Moment noch jeden Tag nach, wie viele Menschen sich die App heruntergeladen haben“, sagt sie und strahlt dabei: „700 waren es in den ersten zwei Wochen.“ Am meisten freut sie sich über Rückmeldungen von Nutzern, die Vorschläge zur Weiterentwicklung der App machen. Denn daran arbeitet sie praktisch ununterbrochen.

Ende des Jahres will Victoria Noack eine erste Zwischenbilanz ziehen und dann entscheiden, ob und wie es weitergeht. Bis dahin will sie bei der Vermarktung Gas geben: Google-Optimierung der Website, Social-Media-Kanäle, Empfehlungen von Selbsthilfegruppen – die ganze digitale Werbepalette. Bis dahin laufen aber auch monatlich 1000 Euro Kosten für die Nutzung der Datenbanken auf.

Victoria Noack ist vom Erfolg ihrer Geschäftsidee überzeugt. Aber auch ein Scheitern ihres Start-ups würde sie nicht umhauen: „Ich hätte es zumindest probiert. Außerdem habe ich dabei unglaublich viel gelernt.“

Nominiert für Gründerpreis

Aktuell wurde Victoria Noack für den „Digital Female Leader Award“ in der Kategorie „Entrepreneurship“ (Unternehmertum) nominiert. Bei diesem Wettbewerb werden von einer Jury Frauen ausgezeichnet, die mit ihrer Arbeit die Digitalisierung aktiv gestalten und vorantreiben – im Online-Handel, bei der App-Entwicklung oder beim digitalen Netzwerken. Es gibt außerdem einen Publikumspreis; bis zum 10. August kann man noch seine Stimme für die junge Weinheimerin abgeben:

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07.08.2020 12:18
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