Central sagt Metal-Band-Auftritt nach Protesten ab
Weinheim, 02.09.2016
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02.09.2016 08:00
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Weinheim. Der Name Týr steht für den Gott des Kampfes und Sieges. Laut Wikipedia zumindest „in den altisländischen Schriften der Edda“. Für die Färöer Metal-Band „Týr“stehen die Zeichen aktuell aber nicht auf Sieg, im Gegenteil. Der Kopf und Sänger der Band Heri Joensen muss zurzeit nicht nicht nur einen gewaltigen „Shitstorm“ abwettern, sondern steht derart unter Beschuss, dass die Band zahlreiche Auftritte im Rahmen ihrer Europatour abgesagt hat.

Einer dieser Auftritte sollte im November in Weinheim im Café Central stattfinden. Das Central hat allerdings nicht gewartet, bis die Band selber Abstand von ihrem Gig nimmt, die Verantwortlichen haben „Týr“ direkt wieder ausgeladen. 

Auf der Facebookseite des Café Central ist am 19. August zu lesen: „Vor kurzem erst wurden wir darüber informiert, dass der Kopf der Band ein aktiver Teil der Grindelwaljagd auf den Färöer Inseln ist. Das hat mit unserem Selbstverständnis nichts zu tun und kann auch nicht mit „Tradition“ begründet werden. Wir leben im Jahr 2016 und Traditionen sind ja bekanntlich dazu da, auch mal gebrochen zu werden. Think about it! Unsere Bühne steht für diese Menschen jedenfalls nicht zur Verfügung.“
Die Resonanz auf diese Ansage war gewaltig. Über 700 Mal klicken Menschen auf „gefällt mir“, zig Mal wird der Post geteilt, in zahlreichen Kommentaren zollen den Organisatoren Respekt für diese Entscheidung. 

Was steckt dahinter?

Das Hagener Wal- und Delfinschutz-Forum (WDSF) hatte nach Bekanntgabe der Europatour der  Färöer-Metal-Band auf seiner Facebook-Seite aufgerufen, die entsprechenden Musikclubs zu bitten, den Auftritt der Band abzusagen, weil Frontmann  Joensen, aktiv an den  Tötungen von Grindwalen teilnehmen und „die Abschlachtungen in den Songs der Band verherrlichen würde“.  Die Organisatoren im Café Central haben so auch prompt über Kommentare auf ihrer eigenen Facebookseite von der zweifelhaften Leidenschaft der Band erfahren. 

In der Stellungsnahme des Café Central heißt es weiter: „Leider wurden wir nicht durch direkte Nachrichten an uns, sondern durch Posts auf der Seite, oder Bewertungen des CC über die Aktivitäten der Band „informiert“. Wir würden uns wünschen, wenn wir in Zukunft bei ähnlichen Umständen erst einmal direkt gefragt würden, was Sache ist. So haben wir auch die Möglichkeit, Sachverhalte zu klären und adäquat zu reagieren.“

Walfang ist auf den Färöern Inseln tief in der Kultur verwurzelt. Internationale Tierschützer kritisieren diese Jagd als „grausam und unnötig“. Die Bilder, die im Internet kursieren sind in der Tat selbst für hartgesottene Menschen schwer erträglich. Blutrot färbt sich das Wasser der Bucht. Dutzende Wale liegen halb geköpft am Ufer. Innereien quellen heraus. Auf der Internetseite Sea Shepherd finden sich zahlreiche dieser Bilder. Sea Shepherd, gegründet 1977, ist eine internationale, gemeinnützige Organisation zum Schutz der marinen Tierwelt und seit Jahren bemüht, das Walschlachten auf den Inseln zu verhindern. 

Für die Bewohner der Färöer-Inseln gehört der Grindwalfang aber zu ihrer Geschichte. Der Fang unterliegt strengen Regeln und Traditionen, letztere gehen zurück bis in die Wikingerzeit. Das karge, felsige Land bietet kaum Möglichkeiten zur landwirtschaftlichen Nutzung. „Während der Wintermonate ernährten sich die Einwohner der Färöer-Inseln vorwiegend von eingesalzenen oder getrockneten Nahrungsmitteln, wie Fleisch, Grindwalfleisch, Seevögel und Fisch“, schreibt Wikipedia. 

Umweltschützer lassen dieses Argument nicht gelten. Sie sagen, dass die Menschen auf den Färöer Inseln längst nicht mehr auf dieses Fleisch angewiesen sind, sondern ihre Nahrung problemlos im Supermarkt kaufen können. Wie immer, wenn es um Essen und Überzeugung geht, ist die Debatte vor allem eins: Hoch emotional. Aber in dieser Sache ist sich die Mehrheit der Netzgemeinde in den Sozialen Medien im Tenor einig: Walfang geht gar nicht, boykottiert Týr. 

Also fast einig. Ein paar wenige Stimmen gegen den Boykott gibt es doch. Volker E. schreibt beispielsweise auf Facebook: „David Bowie wäre kein schlechterer Musiker gewesen, wenn er Wale gejagt hätte. PUR macht keine bessere Musik, wenn sie sich für Flüchtlinge engagieren. Blöde Verquickung.“ 

Die Band „Týr“ muss sich übrigens nicht zum ersten Mal der Kritik stellen. Bereits 2014 löste ein Post des Sängers Heri Joensen auf seiner privaten Facebookseite großen Protest aus. Wie aus einer Veröffentlichung der Webseite www.metal-hammer.de hervorgeht, hatte Joensen ein Foto von seinem Essen gepostet: Walfleisch. 


Letztendlich hat das der Band damals aber alles nicht geschadet. Sie hat auf Facebook über 250 000 Fans. Vielleicht ist der Name „Týr“ doch Programm. Wer die Verlierer sind, steht jedenfalls fest. Es sind die Tiere. Wie so oft.   shy

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