Solidarität auf dem Teller
Weinheim, 24.03.2020
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24.03.2020 05:00
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Weinheim. Es ist der klassische Fall einer „Win-win-Situation“, also einer Lage, von der alle Beteiligten profitieren: Seit gestern liefert das Weinheimer „Esszimmer“ kostenlos Essen an Menschen, die sich wegen der Corona-Krise nicht oder unzureichend selbst versorgen können. Einerseits kommen Personen aus der Risikogruppe so unkompliziert zu einer warmen Mahlzeit. Andererseits kann Küchenchef Philipp Weigold so die Vorräte aus seinem Lager verkochen, die sonst verkommen würden. Denn wie alle Restaurants musste auch das „Esszimmer“ vorübergehend schließen.

„Wir wollten einfach etwas Gutes tun“, versichert Weigold im Gespräch mit den Weinheimer Nachrichten und fügt hinzu: „Kochen hilft auch gegen Langeweile.“ Am Freitag hatten er und seine Frau Renate auf der Facebook-Seite über ihren Plan informiert. Für die erste Lieferung am Montag gingen direkt elf Bestellungen ein; für Dienstag hätten sich zwölf Personen gemeldet, sagt Weigold.

Idee kommt von einem Stammgast

Angeregt hatte das Angebot ein Stammgast des Restaurants in der Alten Post. „Er ist alleine und hat gefragt, ob wir ihn während der Schließung mitverköstigen können, wenn wir privat kochen“, erzählt der Küchenchef. So entstand die Idee, einen Lieferdienst für Personen auf die Beine zu stellen, die das Haus nicht verlassen sollen oder die in Supermärkten, Krankenhäusern oder anderen wichtigen Branchen eingespannt sind und deshalb keine Zeit finden, für die Familie zu kochen. Eine Speisekarte, aus der man wählen kann, gibt es allerdings nicht. Auch auf Allergien könne man keine Rücksicht nehmen, räumt Weigold ein. Das Angebot funktioniere nach dem Motto: „Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.“

Am Montag war das Saftgulasch von Rind und Kalb mit Kräuterreis. Philipp und Renate Weigold bereiten die Speisen zu und stellen sie gut verpackt vor dem Restaurant ab. Die Lieferung übernehmen Bekannte des Paares. Schwerpunkt des Angebots soll Weinheim sein. Wenn es sich machen lasse, bringe man die Mahlzeiten aber auch in die nähere Umgebung, versichert Weigold. Die freiwilligen Lieferanten stellen das Essen vor der Haustür ab. Im Gegensatz zum Abholen am Restaurant sei so eine „kontaktlose Lieferung“ möglich, betont Weigold – für ihn ein großer Vorteil zum Außer-Haus-Verkauf vor Ort: „Für uns war von vorneherein klar, dass wir so etwas nicht anbieten würden. Beim Abholen ist es einfach schwer, Distanz zu wahren.“

Keine Konkurrenz zur Tafel

Wie lange Weigold das Angebot aufrechterhalten kann, hängt nicht zuletzt davon ab, ob andere Firmen oder Lebensmittelhändler ihm Lebensmittel spenden: „Für die erste Woche steht alles, aber für nächste Woche brauchen wir wieder Fleisch und Gemüse.“ Weigold ist jedoch wichtig, dass sein Projekt keine Konkurrenz zur Tafel sein soll – und überdies keine Werbung für das „Esszimmer“. „Wir geben im Grunde nur weiter, was wir sparen“, meint er. Weil die Stadtwerke die Abschlagszahlungen für das „Esszimmer“ reduziert hätten und er eine Pacht aussetzen könne, gehe er kein besonderes finanzielles Risiko ein.

Dass viele der Personen, die seinen Lieferdienst in Anspruch nehmen, dem Restaurant etwas spenden wollen, freut Küchenchef Weigold trotzdem. Gerade ist er dabei, ein Spendenkonto einzurichten. Wenn alles überstanden ist, will er die Summe an einen wohltätigen Zweck weitergeben. tho


So funktioniert es

Wer eine Mahlzeit bekommen möchte, meldet sich am Vortag bis 14 Uhr unter 06201/8776787 oder per E-Mail an willkommen@esszimmer-weinheim.de

Die Lieferung erfolgt zwischen 11 und 13 Uhr.

Das Angebot ist kostenfrei.

Es richtet sich an alle, die aktuell wegen der Corona-Krise nicht aus dem Haus gehen dürfen oder sollen, oder die niemanden haben, der für sie kocht oder Essen bringen kann.

Auch Firmen, die Lebensmittel spenden wollen, können sich melden.



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24.03.2020 05:00
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