Tagespflege ein Herzenswunsch
Weinheim, 13.02.2020
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13.02.2020 05:00
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Weinheim. „Was hier gerade passiert“, befand Prof. Dr. Andreas Kruse, „das ist tiefe praktizierte Demokratie“. Der bundesweit renommierte Alternsforscher, Leiter des Instituts für Gerontologie an der Uni Heidelberg, war sichtlich beeindruckt vom „Rathausgespräch“ in Weinheim, bei dem sich am Dienstag betroffene Angehörige von Demenzkranken und die kommunalen Akteure für Betreuung und Pflege demenzkranker Menschen drei Stunden lang austauschen konnten.

Die Rathausgespräche sind ein wissenschaftliches Format, das die Universität nutzt, um daraus Erkenntnisse zu gewinnen, die wiederum der Politik als Entscheidungsgrundlage dienen. Prof. Dr. Kruse ist verantwortlich für den Alternsbericht an die Bundesregierung. Weinheim ist einer von 30 Standorten bundesweit, an denen ein solches Rathausgespräch stattfindet. „Weinheim war gesetzt“, verkündete Kruse zu Beginn des Treffens Oberbürgermeister Manuel Just. Schließlich sei die Stadt in der Region dafür bekannt, „dass man hier das Thema Demenz schon weit in die Bürgerschaft hineingetragen hat“. Immer wieder war auch vom kürzlich verstorbenen Dieter Gerstner die Rede, der zu Lebzeiten viele Akteure rund um diese Krankheit zusammenbrachte, unter anderem den Weinheimer Demenztag ins Leben rief.

Drei Gesprächsrunden

1,7 Millionen Menschen seien, so Kruse, von Demenz betroffen. Auf Weinheim heruntergerechnet sind es in der Stadt zwischen 800 und 900. Nach der Begrüßung durch Oberbürgermeister Manuel Just moderierten Kruses Mitarbeiterinnen Dr. Stefanie Wiloth und Dr. Birgit Kramer im Alten Rathaus drei Gesprächsrunden. Zunächst war das Wort bei den pflegenden Angehörigen, die ihre Sorgen und Wünsche schilderten – die Akteure aus Kommunen, Organisationen und Einrichtungen hörten zu. Konkret wurde beispielsweise eine Tagespflegeeinrichtung für Demenzkranke, eine Halbtagespflege oder eine Ausnahme-Parkgenehmigung für Pflegedienste gefordert. Es war auch Raum für persönliche Gefühle: Eine Frau sprach über die Probleme, die eine Wesensveränderung ihres Mannes im Krankheitsverlauf mit sich bringt. In diesem Zusammenhang wurde von allen Beteiligten eine Teilnahme an der Demenzpatenschulung empfohlen, die vom Förderverein Alzheimer auch nach Dieter Gerstners Tod weiter angeboten wird.

Mangel an Fachärzten

In einer anderen Gesprächsrunde wurden Ärzte, Pflegeexperten, Behördenvertreter und eine Vertreterin der Alwine-Stiftung gegen Altersarmut befragt. „Unseren Patienten fehlt es auch finanziell an allen Ecken und Enden“, beklagte die Mitarbeiterin einer Pflegeeinrichtung. Außerdem sei Mangel an Fachärzten und an speziell für Demenz geschulten Hausärzten. Es wurden neue Wohnformen angeregt.

Ute Schleh, die im Amt für Soziales, Jugend, Familien und Senioren das Thema Altern betreut, berichtete, wie sich das Fachamt zum Beispiel im Projekt „Quartier 2020“ um Nachbarschaftsmodelle kümmert. Eine zentrale Internet-Plattform, die auch zum Austausch zwischen Betroffenen und Akteuren eingesetzt werden kann, wurde besprochen. Eine als Angehörige teilnehmende Kommunikationsdesignerin bot sogar spontan ihre Hilfe an. Der Austausch war rege und nach Ansicht der Teilnehmer zielführend. Die Angehörigen werden noch weitere wissenschaftliche Befragungen durch das Institut mitgestalten. „Eine unglaublich interessante Veranstaltung“, sagte Prof. Dr. Andreas Kruse zum Schluss. Schon jetzt – in einer frühen Phase der Rathausgespräche – beschrieb er als Ziel, „die Kommunen als Netzwerker vor Ort zu stärken“. Damit könne man gegenüber der Bundesregierung erklären, dass vor Ort auch kommunale Mittel bereitstehen müssten, um Probleme an der Wurzel zu packen.

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