Urlaub in der Krise ist möglich
Weinheim, 03.08.2020
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03.08.2020 05:10
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Weinheim. Auch in Baden-Württemberg haben die Sommerferien begonnen. Viele Familien verzichten in diesem Jahr wegen der Corona-Krise auf Flugreisen. Andere wollen trotzdem Sonne, Strand und Meer erleben. Wie fühlt sich „Urlaub in der Krise“ an? Unsere Redaktion hat sich mit einer Weinheimerin unterhalten, die Mitte Juli Urlaub auf Fuerteventura gemacht hat.

Bevor Katja Schellenberg auf die Insel flog, war ihre Stimmung „bis zum Anschlag coronagenervt“, erzählt sie. Drei Reisen hatte ihr das Virus in diesem Jahr bereits ruiniert: Mitte März wollte sie eine Freundin in Köln besuchen, im Juni gemeinsam mit ihrer Mutter auf die indonesische Insel Java fliegen. Und Ende Juli wäre sie eigentlich als ehrenamtliche Helferin auf dem Campus Galli gewesen, einer Baustelle in Meßkirch, auf der mit mittelalterlichen Methoden ein Kloster gebaut wird. „Dass diese Reise ausgefallen ist, darüber habe ich mich am meisten geärgert“, sagt die 49-jährige Weinheimerin.

Ende Juni war das Fass für Schellenberg daher voll. Sie wollte Sonne, Strand und Urlaubsgefühl und buchte daher einen Kluburlaub auf Fuerteventura. Als ihre 75-jährige Mutter Heidi von den Plänen der Tochter erfuhr, wollte sie prompt mit. Obwohl ihre Mutter rüstig sei, gehöre sie natürlich schon alleine aufgrund des Alters zur Risikogruppe, räumt Schellenberg ein. Dennoch: Sie würde ihre Mutter nie bevormunden, sagt die Tochter, die Verständnis für den Wunsch ihrer Mutter hat. Am 13. Juli machten die beiden sich also auf den Weg nach Fuerteventura. Das Flugzeug hob in Stuttgart ab. Bereits zwei Tage zuvor füllten sie online das Einreiseformular aus. Darin mussten sie versichern, dass sie keinen Kontakt zu erkrankten Personen hatten und selbst keine Krankheitsanzeichen zeigen. Entgegen Schellenbergs Erwartungen klappte das Ausfüllen ohne Probleme: Das Formular sei auf Deutsch verfasst gewesen und man werde gut durch die einzelnen Punkte geführt, berichtet sie. Beim Online-Check-in habe sie dann noch einmal eine Gesundheitserklärung abgeben müssen – dieses Mal für die Fluggesellschaft.

Die üblichen Hygienemaßnahmen

Am Flughafen selbst erwarteten die beiden Frauen die üblichen Hygienemaßnahmen: Abstandsmarkierungen auf dem Boden, Händedesinfektion und Maskenpflicht im Gebäude – „der Maskenmarathon begann“, beschreibt Schellenberg ihren Eindruck. Außerdem waren im Wartebereich manche Sitze gesperrt, sodass nur jeder zweite Platz besetzt werden kann. Immer wieder sei durchgesagt worden, dass die Menschen Abstandsregeln und Maskenpflicht beachten sollen, erzählt Schellenberg. Nach ihrem Eindruck befolgten das die meisten. Der Sicherheitscheck lief so ab wie sonst auch. Während des Flugs galt ebenfalls Maskenpflicht, nur zum Essen und Trinken durften die Gäste die Masken abnehmen.

Als das Flugzeug gelandet war, wurde Schellenberg das Gedränge zum ersten Mal zu dicht: Reihenweise durften die Urlauber das Flugzeug verlassen, erst die Reihen 1 bis 5 und 28 bis 33. Schellenberg findet, es wäre sinnvoller gewesen, zum Beispiel die Reihen 1, 4 und 7 aussteigen zu lassen, denn so standen die Menschen im Flugzeug plötzlich doch sehr dicht beisammen. Auch am Einreiseschalter hätten die Leute „fröhlich gedrängelt“, berichtet sie – und das Personal habe nicht eingegriffen. Die Regelung am Gepäckband fand Schellenberg dagegen wieder sinnvoll: „Mit Fußspuren ist auf dem Boden gekennzeichnet, wo man sich hinstellen kann, damit der nötige Abstand eingehalten wird.“ Anders als in Stuttgart seien im Flughafen auf Fuerteventura fast alle Geschäfte geschlossen gewesen. Das Hygienekonzept in ihrem Hotel erlebten die beiden Frauen als vernünftig: Keine Selbstbedienung, stattdessen bediente das Personal die Gäste am Buffet und befüllte die Teller nach Wunsch. Auf dem Boden waren Laufrichtungen vorgegeben. Zum Sport und anderen Aktivitäten musste man sich über eine App anmelden. Lediglich abends fand Schellenberg es manchmal zu voll: Am Pool wurde dann Musik gespielt, zwar durften die Menschen nicht tanzen, doch sie standen eng zusammen. Außerhalb der Hotelanlage sei der Lockdown noch deutlich zu spüren gewesen: Mutter und Tochter fanden nur mit Mühe einen kleinen Supermarkt, die meisten Geschäfte hatten zu – was auch daran liegen mag, dass sich die Zahl der Urlauber auf der Insel bislang in Grenzen hält.

Wieder zurück in Deutschland ging es beiden Frauen zunächst gut. Einige Tage nach der Landung bekam Heidi Schellenberg dann einen leichten Schnupfen und hatte Schluckbeschwerden. Sie ließ sich auf das Coronavirus testen und erhielt Entwarnung: Es war wohl nur eine leichte Sommererkältung. Auch die Tochter war erleichtert.

Das Fazit der Weinheimerin: „Man kann auch jetzt einen schönen Urlaub machen.“ Allerdings sei man ohne Smartphone oft aufgeschmissen. Wichtig sei zudem, dass die Hotels vernünftige Konzepte hätten – und natürlich, dass man sich selbst an die Regeln hält. tho

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