Wie viel ist eigentlich genug?
Weinheim, 26.02.2020
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26.02.2020 05:10
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Weinheim. Angeblich ist Fridays for Future ja besonders weiblich. In Weinheim scheint das nicht zuzutreffen – zumindest kündigen sich zum Interview mit der WN-Redaktion drei junge Männer an: Elias Furlan Cano (17), Joel Möller (19) und Stefano Bauer (20) sind bereit, über das Thema Verzicht zu sprechen. Alle drei sind im Orgateam von FFF aktiv, Möller außerdem bei den Jusos und der SPD, Bauer bei den Grünen/Alternative Liste, Furlan Cano im Jugendgemeinderat. Oft genug müssen die Aktivisten sich anhören, sie würden Wasser predigen und Wein trinken. Hand aufs Herz: Worauf verzichten die drei eigentlich, seit sie bei FFF dabei sind?

Von Theresa Horbach

Elias Furlan Cano: Ich habe von einem auf den anderen Tag auf Fleisch verzichtet. Vor den Demonstrationen war das für mich nie eine Alternative.

Joel Möller: Ich habe meinen Fleischkonsum mindestens halbiert. Persönlich verzichte ich auf nichts komplett, weil ich nicht glaube, dass das unbedingt zielführend ist – eher, wenn man rationiert und reduziert.

Stefano Bauer: Ich verzichte auf Flugreisen und fahre im Vergleich zu vor zwei Jahren viel mehr Rad, laufe oder nutze Bahn und Bus. Bei Lebensmitteln verzichte ich fast komplett auf Fleisch und gucke, dass sie möglichst verpackungsfrei und bio sind.

Können diese kleinen Schritte einen gesellschaftlichen Wandel anstoßen?

Möller: Wenn alle auf ein bisschen was verzichten, glaube ich das schon. So kann man bei der Industrie eine geringere Produktion anstoßen. Die Industrie passt sich dem Markt an.

Du hättest da also Vertrauen in die Marktwirtschaft?

Möller: Es ist zumindest das Prinzip, nach dem es funktionieren sollte.

Furlan Cano: Ich finde, es wäre naiv zu denken, wenn jeder Einzelne etwas verändert, ändert sich die ganze Welt. Ich denke, man muss bei den großen Konzernen ansetzen, die immer noch einen draufsetzen – mit langen Lieferwegen, mehr Produktion, einem höheren Profit. Ökologie ist mit dem kapitalistischen System nicht vereinbar. Gleichzeitig wäre es naiv zu denken, dass sich Sachen verändern, ohne selbst etwas zu tun.

Bauer: Es muss langfristig Ziel sein, Ökonomie und Ökologie zu entkoppeln. (Entkopplung beschreibt in diesem Zusammenhang die Idee, dass die Wirtschaft dank neuer Technologien künftig nicht mehr auf mehr Rohstoffe angewiesen sein wird, sondern dass sie wachsen kann, ohne Umweltschäden zu verursachen, Anm. d. Red.) Also Wirtschaftswachstum: Ja, wenn das politisch gewollt ist und gesellschaftlich gebraucht wird – aber nicht auf Kosten der Umwelt.

Ist unendliches Wachstum mit endlichen Ressourcen realistisch?

Bauer: Nein. Man sollte Ökologie und Ökonomie aber so weit entkoppeln wie möglich.

Der Begriff „Verzicht“ ist viel diskutiert. Eignet er sich, um Leute von einer klimaverträglicheren Lebensweise zu überzeugen?

Möller: Verzicht wirkt schon abschreckend. Es klingt nicht gut, wenn man etwas nicht mehr machen soll. Vor allem, wenn die Belohnung dafür in der Zukunft liegt.

Furlan Cano: Das Wort Verzicht wird oft mit Alternativlosigkeit verbunden. Das ist aber nicht der Fall. Wenn ich auf mein Auto verzichte, dann fahre ich mit der Bahn oder mit dem Fahrrad.

Erlebt ihr das Verzichten als etwas Negatives?

Furlan Cano: Für meinen Alltag hat der Verzicht keine negativen Auswirkungen. Ein Nachteil ist vielleicht der Komfort. Es regnet – fahre ich mit dem Auto oder ziehe ich die Regenhose an?

Möller: Verzichten bedeutet keinen Verlust an Lebensqualität – vor allem, wenn man sich überlegt, worüber wir Lebensqualität eigentlich definieren. Über die materiellen Dinge, die wir anhäufen? Ich finde es besser, ein bewusstes Erleben und den Kontakt zu den Menschen um mich herum als Maßstab zu nehmen.

Bauer: Dem kann ich mich anschließen. Ich fühle mich durch meinen Verzicht nicht eingeschränkt.

Kennt ihr den Begriff „Fomo“? Er steht für „Fear of missing out“ – also die Angst, etwas zu verpassen. Habt ihr dieses Gefühl hin und wieder, wenn ihr auf etwas verzichtet?

Furlan Cano: Letzten Sommer bin ich mit meinen Freunden nach Spanien geflogen, weil ich mir gesagt habe: Du verzichtest auf so viel, du kannst jetzt einmal fliegen. Im Nachhinein habe ich mir vorgenommen, dass das das letzte Mal war. Das hatte auf jeden Fall etwas mit der Angst zu tun, etwas zu verpassen.

Seht ihr in eurem Umfeld die Gefahr, dass man sich zu viel verbietet und dann frustriert alle Bemühungen aufgibt, weil Umwelt- und Klimaschutz keinen Spaß mehr machen?

Bauer: Ich glaube nicht, dass unsere Generation sich zu viel verbietet. Es ist eher eine Balance: Hier mache ich etwas, das ich an anderer Stelle kompensiere. Eine harte Linie zu fahren, finde ich falsch.

Bestimmt habt ihr euch schon mit dem Rebound-Effekt beschäftigt. Klassisches Beispiel: Kühlschränke werden energiesparender. Anstatt zu einem geringeren Energieverbrauch führt das aber dazu, dass man sich einen größeren Kühlschrank kauft, der insgesamt mehr Energie verbraucht als der alte. Seht ihr die Gefahr, dass manche denken, weil sie auf Kleinigkeiten verzichten, könnten sie zum Beispiel öfter fliegen?

Möller: Das kann passieren, gerade bei Konsumgütern wie Fleisch. Dass man mehr isst, weil man ja welches mit Tierwohlsiegel kauft.

Was sind die großen Punkte, von denen ihr denkt, dass es wichtig wäre, dass da alle ein bisschen zurückschrauben?

Bauer: Fleischproduktion. Fashion. Ich sehe ganz viele Leute, die Kleidung horten und shoppen gehen, obwohl der Schrank eigentlich voll ist. Lieber Secondhand kaufen. Regionale und saisonale Lebensmittel bevorzugen.

Furlan Cano: Ein paar Sachen könnte man verbieten. Inlandsflüge zum Beispiel – völlig sinnlos. Vor allem in Deutschland, das ist echt nicht so groß. Was für mich wichtig ist, ist das System zu hinterfragen, in dem wir leben. Diese nach Profit ausgerichtete Gesellschaft muss, meiner Meinung nach, Vergangenheit werden. Ich fühle mich nicht gut, darin zu leben, weil ich sehe, wie an verschiedenen Orten vieles kaputt geht. In diesem System werden nicht alle glücklich. Davon profitiert nur ein ganz kleiner Teil.

Bauer: Ich bin ein Freund von positivem Denken und Formulieren. An gewissen Stellen braucht man schon Verbote. Aber prinzipiell sollte man eher Anreize schaffen. Also zum Beispiel pünktliche Züge und niedrigere Preise im ÖPNV, wenn wir eine gelingende Verkehrswende wollen.

Gibt es Sachen, auf die ihr nur schwer verzichten könnt?

Möller: Fleisch. Es schmeckt so lecker.

Bauer: Ich komme gut ohne die Dinge zurecht, auf die ich verzichte. Ich merke, ich brauche sie gar nicht, und fühle mich nicht eingeschränkt.

Furlan Cano: Bei mir ist das ähnlich. Ich habe keinen Verlust an Lebensqualität, weil ich auf manches verzichte. Ich könnte noch auf Milchprodukte verzichten, aber die mag ich viel zu sehr.

Was würdet ihr Leuten raten, denen der Verzicht schwerfällt?

Furlan Cano: Einfach machen. Für eine Woche durchziehen, dann wird es ein Selbstläufer. Beim Fleischverzicht lernt man so zum Beispiel neue Alternativen kennen. Sich nicht auf dem Komfort ausruhen, dass man es nicht schafft.

Bauer: Ich habe am Anfang meinen ökologischen Fußabdruck im Internet berechnen lassen und war überrascht, wo meine große Baustelle ist: im Verkehr. Der Mensch muss wissen, warum er etwas tut. Der Rechner hat mir die nötigen Fakten geliefert.

Möller: Die Diät lebt von „Cheat Days“ (auf Deutsch etwa: Schummeltage, d. Red.) – die helfen auch beim Verzichten. Sich ab und zu etwas gönnen und danach weitermachen – und ich meine nicht den Flug nach Thailand, sondern vielleicht ein Steak, wenn man zwei Wochen kein Fleisch gegessen hat.

Woran erkennen wir, dass wir das richtige Maß erreicht haben?

Bauer: Wenn man nicht mehr darüber nachdenken muss, ob es noch klimafreundlicher ginge.

Würdest du sagen, dass du an dem Punkt bist?

Bauer: Für mich persönlich kann ich das sagen. Auf die Weltbevölkerung gesehen braucht es noch lange.

Furlan Cano: Ich glaube, gesellschaftlich gesehen muss man erst einmal richtig anfangen. Wenn das, was wir gerade sehen, das Maximum ist, was Regierungen zu bieten haben, ist es eindeutig zu wenig. Wirtschaftswachstum muss zweitrangig werden, wir müssen uns jetzt auf die Ökologie konzentrieren. Das Problem ist, dass man damit viel zu lange gewartet hat.

Klima-Tipps: Kleine Schritte für eine große Sache

Jeden Tag machen sich – auch hier in der Region – Menschen auf den Weg, um klimagerechter zu leben. Die Redaktion der Weinheimer Nachrichten und Odenwälder Zeitung will ihre Tipps und Erfahrungen teilen. Zum Auftakt stellen unsere Interviewpartner von Fridays for Future einige Ideen vor.

Den Fußabdruck berechnen:  Um meinen ökologischen Fußabdruck zu erfahren, habe ich den Rechner des Umweltbundesamts unter www.uba.co2-rechner.de benutzt. Er zeigt auf, in welchem Lebensbereich man wie viel CO2 verursacht – und wie man den Ausstoß verringern kann. Der Rechner umfasst die Bereiche: Heizung und Strom, Mobilität, Ernährung, sonstiger Konsum und öffentliche Emissionen, die zum Beispiel durch den Straßenbau entstehen. Stefano Bauer

Fleisch ersetzen oder weglassen: Ich finde Produkte aus Erbsenproteinen sehr empfehlenswert. Generell würde ich sagen, dass man den Fleischkonsum nicht eins zu eins mit Fleischersatzprodukten kompensieren, sondern neue Gerichte ausprobieren sollte, die von Grund aus fleischlos sind. Hier gilt es, den eigenen Horizont zu erweitern. Ich kann den „Beyond Meat Burger“ empfehlen – oder ein Linsencurry. Elias Furlan Cano

T-Shirts selbst nähen: Es gibt viele Händler, die Stoffe von hoher Qualität und aus nachhaltiger Produktion verkaufen, in der Region zum Beispiel „Stoff & Liebe“ und „Stern Depot“. Kostenlose Schnittmuster findet man online unter dem Begriff „Freebooks“. Beim Nähen ist es wichtig, erst ein Projekt zu beenden, bevor man das nächste anfängt – damit es dann auch wirklich fertig wird. Unabgeschlossene Projekte können frustrierend sein. Joel Möller

Sie haben Erfahrung damit, wie sich Ihre persönliche CO2-Bilanz, die Ihrer Firma oder Ihres Vereins verringern lassen? Mailen Sie uns Ihre Tipps und Erfahrungen an: schreib-uns@diesbachmedien.de

Zum Podcast geht es hier: 

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