Nicht träumen, machen
Weinheim, 09.04.2020
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09.04.2020 06:00
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Leserbrief
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Weinheim. Sie nennen sich „Allmendix“ – in Anlehnung an die streitbaren Gallier Asterix und Obelix. Doch statt gegen
expansionswütige Römer, kämpft die Gruppe für ihren Traum vom alternativen Wohnen auf den Allmendäckern in Weinheim. Wohnraum als Luxusgut und Spekulationsobjekt. Mieten, die einen großen Teil des Gehalts auffressen. Abgrenzung zum Nachbarn. Geht das nicht anders? Immer mehr Menschen träumen von Alternativen zu bisherigen Wohnformen. Von einem Miteinander im Viertel, davon, sich gemeinsam mit anderen einen Garten oder einen Gemeinschaftsraum zu teilen und dabei doch in der eigenen Wohnung genügend Privatsphäre zu haben. Und sie wünschen sich dafür moderate, bezahlbare Preise.

Zum Beispiel die Gruppe „Allmendix“. Im April 2019 haben sich zehn Männer und Frauen aus der Region zusammengefunden, um alternatives Wohnen im Weinheimer Neubaugebiet „Allmendäcker“ zu realisieren. Eine junge Familie ist beispielsweise dabei, eine Lehrerin, ein Chemiker, eine Yoga-Lehrerin, eine Erzieherin und eine Sozialarbeiterin.

Die Stadt begrüßt solche Initiativen – immerhin ist ein Baufeld ausdrücklich für gemeinschaftliche Wohnprojekte vorgesehen. Die Verhandlungen mit dem Rathaus seien „konstruktiv und offen“, wie Brigitte Iffland, ein Mitglied der Allmendix-Gruppe berichtet. „Die Verwaltung hat uns signalisiert, dass sie auf jeden Fall Interesse haben, dass aber im Vorfeld noch einige Dinge zu klären sind wie die Höhe des Erbpachtzinses und einige bauliche Besonderheiten“, sagt Gaby Ehrenfried. Auch sie gehört zu „Allmendix“. 18 bis 20 Wohnungen wollen sie zusammen bauen. „Unsere Idee ist, dass wir generationenübergreifend sind“, sagt Ehrenfried. Vor der Coronakrise hat sich die Gruppe regelmäßig in Mannheim getroffen, hat konstruktiv und konzentriert an ihrem Wunschmodell für gemeinschaftliches Wohnen gefeilt. „Es geht um unsere Vision, um das, was wir wollen. Möglich wären zum Beispiel Einzelwohnungen, die durch gemeinsame Räume verbunden sind“, sagt Ehrenfried. Die Gemeinschaftsräume könnten dann auch von anderen Gruppen im Viertel genutzt werden, so will „Allmendix“ auch etwas für die Gemeinschaft tun. Ökologische Aspekte sind ebenso wichtig wie soziale. „Ich koche gerne und es wäre schön, wenn ich das nicht nur für mich allein, sondern ein-, zweimal pro Woche für eine größere Gruppe tun könnte“, sagt Iffland.

Zwar gibt es – zum Beispiel für das Sanierungsgebiet „Westlich Hauptbahnhof“ – Investoren und Wohnungsunternehmen, die Mehrgenerationenwohnen realisieren. Doch „Allmendix“ will mehr. Sie wollen unabhängig und selbstverwaltet sein.

Vereinsgründung beschlossen

Im nächsten Schritt soll deshalb ein Verein gegründet werden und man will sich für ein Modell entscheiden. Denn es gibt verschiedene Möglichkeiten und Konzepte, die versuchen, dem Kapitalmarkt das kostbare Gut „Wohnraum“ durch solidarisches Wirtschaften zu entziehen. Das Mietshäuser Syndikat beispielsweise hat bundesweit schon 154 Hausprojekte ins Leben gerufen. „Das ist unser Haus – bezahlbar und unverkäuflich – unabhängig und sozial“ heißt es auf dem Titelblatt einer Broschüre. Gelebt wird das Syndikats-Modell zum Beispiel inmitten der Weinheimer Altstadt im ehemaligen Templerhaus. Den Sinn und Zweck des Syndikatsmodells beschreiben die Templerhaus-Bewohner in ihrem Blog so: „Das Haus gehört immer denen, die es bewohnen.“ Auch den Mitgliedern von „Allmendix“ ist das Syndikatsmodell „sehr sympathisch“, sagt Ehrenfried. Alternativ möglich wäre auch das Genossenschaftsmodell.

Während alternative Wohn- und Hausprojekte in Weinheim also noch weitgehendes Neuland sind, ist man in Mannheim schon deutlich weiter. Ein wenig Stolz schwingt in der Stimme von Arnold Jung, dem Abteilungsleiter für Stadtplanung bei der Stadtverwaltung Mannheim, mit, als er mit der Redaktion bereits im vergangenen Jahr über „Alternative Wohnformen“ spricht. Denn die Quadratestadt hat dieses Thema schon seit mehr als zehn Jahren auf der Agenda. „Wir fördern gemeinschaftliche Wohnprojekte. Denn Menschen, die sich dafür interessieren und sich beteiligen, wirken auch positiv auf ein Quartier ein. Sie bringen sich ein und helfen so mit, dass die Stimmung in einem Viertel nicht kippt“, sagt Arnold, das beuge sozialen Spannungen vor.

Zurück in Weinheim: Hier gibt es keine zentrale Stelle, die sich speziell um Projekte wie „Allmendix“ kümmert und diese unterstützt. Immerhin haben aber einige Stadtratsfraktionen ein offenes Ohr für neue Wohnformen. Die GAL (Grüne/Alternative Liste) beispielsweise will das Thema weiter vorantreiben, sagt GAL-Stadtrat Dr. Andreas Marg. Er ist unter anderem mit der Initiative „WohnBus“ in Kontakt, die Beratungen und Busexkursionen zu innovativen Wohnprojekten anbietet. „Es wäre sinnvoll, wenn wir einen der Experten für einen Vortrag für Verwaltung und Gemeinderat gewinnen könnten. Ich verspreche mir davon angesichts unserer noch geringen Erfahrung bei solchen Themen eine größere Entscheidungssicherheit für uns Stadträte“, sagt er.

Überzeugungsarbeit auf diesem Gebiet ist wichtig, denn das letzte Wort, ob eine Bauherrengemeinschaft zum Zuge kommt, hat der Gemeinderat bei der Grundstücksvergabe. Unterstützung erhoffen sich die Wohnpioniere auch von Oberbürgermeister Manuel Just. „Das Thema passt doch perfekt in die Zukunftswerkstatt“, sagt Ehrenfried. „Allmendix“ jedenfalls will nicht locker lassen. In vier bis fünf Jahren soll ihr Traum Wirklichkeit werden.

Wie es anderswo geht

Die Schnittmenge aus den positiven Erfahrungen der Großstadt Mannheim und dem, was in Weinheim noch weitgehend am Anfang steht, findet sich in der oberbayerischen Provinz. In Altötting, einem katholischen Wallfahrtsort mit rund 13 000 Einwohnern. Schon 2007 gründet sich dort der Verein Altöttinger Mieter Konvent (AMK) mit dem Ziel, ein gemeinschaftlich verwaltetes Hausprojekt zu starten. 2009 kauft die Gruppe einem örtlichen Industrieunternehmen ehemalige Werkswohnungen ab. „Das stieß damals auf Ablehnung – sowohl bei der Stadtverwaltung als auch bei einem Altmieter“, sagt Marcel Seehuber, einer der Initiatoren des Projektes. Neben der Überzeugungsarbeit, die am Ende erfolgreich ist, muss auch die Finanzierung gestemmt werden.

Wie beim Modell des Mietshäuser Syndikats üblich, kommt das Eigenkapital, das Menschen, die Projekte realisieren wollen, in der Regel selbst nicht haben, von Direktkreditgebern, also Privatpersonen, der Rest von einer Bank. „Der Vorteil ist, dass die Eigentümer beziehungsweise Investoren Gewinne machen müssen, deshalb sind die Mieten teuer; die eigene Hausgemeinschaft muss lediglich kostendeckend arbeiten“, sagt Seehuber. So ist gesichert, dass die Mieten erschwinglich bleiben. Denn genau das ist das Ziel der vielen Initiativen: Wohnraum für alle und das zu einem Preis, den sich auch möglichst jeder leisten kann.

17 Wohnungen sind so entstanden, die von Menschen unterschiedlichen Alters bewohnt werden, von Familien, Senioren, Singles – Altmietern und Neuen. Dass eine bunte Mischung manchmal nicht ganz einfach ist, müsse man sich bei einem Projekt wie diesem schon bewusst machen, sagt Seehuber: „Es hat natürlich etwas von einer Utopie.“ Das Ziel, auf das sie hinarbeiten, ist eine ideale Mischung aus gemeinschaftlicher Solidarität und persönlicher Freiheit. Und ein gewisses Maß an Disziplin braucht es auch. Die Projekte des Mietshäuser Syndikats sind ein Konstrukt aus Verein und GmbH. Die Buchhaltung muss neben anderen verwaltungstechnischen Aufgaben natürlich sauber gemacht werden. Und was ist mit dem Engagement fürs Quartier, für die ganze Stadtgemeinschaft?

Die AMK-Gruppe setzt sich für den Lärmschutz, für Tempo 30 im Viertel, für Carsharing-Angebote. Bei der Kommunalwahl in Bayern Mitte März sind einige aus der Gruppe als „Die Liste“ erfolgreich angetreten – und drei von ihnen auch im politischen Gremium der Stadt angekommen. Der Tatendrang ist ungebremst. Im Sommer 2018 haben Mitglieder des AMK das „Sauriassl Syndikat“ gegründet, ein Netzwerk für solidarische, ökologische und gemeinschaftliche Wohnprojekte in der Region. Vor „Allmendix“ liegt derweil noch ein gutes Stück Weg, bis der Traum vom gemeinschaftlichen Wohnen auf den Allmendäckern Wirklichkeit wird.

„Allmendix“ freut sich noch über Mitstreiter, vor allem über junge Familien. Melden kann man sich unter info@allmendix.de
Auf dem Baufeld 6 im Neubaugebiet „Allmendäcker“ sind noch Bauplätze für weitere Baugemeinschaften frei. Infos bei bauplaetze@weinheim.de – als Betreff „Baufeld 6“ angeben.

Info:

Gemeinschaftliches Wohnen ist nicht unbedingt mit einer Studenten-WG gleichzusetzen, in der sich mehrere Personen Bad und Küche teilen und ansonsten jeder sein eigenes, privates Zimmer hat.

Beim Gemeinschaftlichen Wohnen geht es um Haus- und Siedlungsgemeinschaften. Alle Bewohner, egal ob Single oder Familie, bewohnen ihre eigene Wohnung mit Küche und Bad. Angegliedert sind Gemeinschaftsbereiche wie Hobbyräume, eine große Wohnküche, Terrasse oder Garten.

Entwickelt werden solche Projekte häufig von Wohnungsunternehmen, so auch in Weinheim im Gebiet „Westlich Hauptbahnhof“.

Es gibt aber auch Projekte wie das Mietshäuser Syndikat, die noch einen Schritt weiter gehen. Sie wollen ihre Häuser in Selbstorganisation übernehmen. Die Hausbesitz GmbH besteht aus zwei Gesellschaftern. Zum einen dem Hausverein (Selbstverwaltung, Geschäftsführung, Vetorecht bei Hausverkauf, Satzungsänderungen und Ergebnisverwendung) und der Mietshäuser Syndikat GmbH (Vetorecht bei Hausverkauf, Satzungsänderungen und Ergebnisverwendung). Die solidarische Idee: Altprojekte stellen ihre Überschüsse neuen Projekten zur Verfügung. Quellen: www.syndikat.org/Ministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie, Frauen und Senioren Baden-Württemberg

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