Plötzlich war alles auf den Kopf gestellt
Mörlenbach, 15.09.2020
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15.09.2020 05:00
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Leserbrief
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Mörlenbach. Christine Bauer hat schon viel erlebt. Die 57-Jährige ist seit 40 Jahren in der Pflege tätig. Seit 23 Jahren leitet sie die Caritas-Sozialstation Mörlenbach-Weschnitztal. Nach einem halben Jahr „Pflege in Zeiten von Corona“ hält die gelernte Krankenschwester einen Rückblick auf die turbulenten Monate. So intensiv habe sie sich in all ihren Berufsjahren noch nie mit dem Thema Mund-Nasen-Schutz beschäftigt, resümiert Christine Bauer laut einer Pressemitteilung des Caritasverbands Darmstadt die vergangenen Monate.

„Schutzausrüstung war bei uns schon immer ein Thema, wegen der Versorgung von Klientinnen und Klienten mit multiresistenten Erregern. Dementsprechend gab es bei uns einen kleinen Vorrat, der über all die Jahre hinweg immer ausreichend war.“ Corona habe dies dann völlig auf den Kopf gestellt. Es gab anfangs nicht genügend Schutzausrüstung und das habe die Caritas von Anfang an ganz offen und ehrlich mit den Klienten und Angehörigen besprochen.

Auf Gewohntes verzichten

Die erforderlichen Hygienemaßnahmen wurden immer eingehalten, doch ein prophylaktischer dreilagiger Mundschutz konnte aufgrund der bundesweiten Lieferengpässe nicht gewährleistet werden. Aufklärung sei daher die Devise der Caritas gewesen. Die Telefone seien anfangs heiß gelaufen, da habe es viele Ängste, Sorgen und Fragen gegeben. Doch man habe alles miteinander besprechen können.

In den Haushalten haben die Pflegekräfte zuerst den Waschplatz aufgesucht, bevor mit der Pflege begonnen wurde. Auch auf lieb gewordene Gewohnheiten musste verzichtet werden. Das sonst übliche Gespräch beim Waschen oder bei der Versorgung von Wunden wurde auf das Nötigste reduziert. „Am Anfang der Krise haben 13 Klienten die Versorgung erst einmal ausgesetzt. Doch mittlerweile sind zwölf wieder zurück und Neuaufnahmen gibt es auch.“

Auch wenn durch Corona das Leben draußen vor der Tür plötzlich stillstand, so waren jedoch hinter den Türen die Probleme enorm. „Corona verhindert nämlich keine Krankheitssymptome bei Demenz oder sonstige gesundheitlichen Probleme, die das Leben von Familien plötzlich komplett auf den Kopf stellen und Hilfe dringend erforderlich ist. Da braucht es ein starkes Team, das bereit ist, seiner Pflicht nachzukommen und für die Menschen da zu sein.“

Offene Kommunikation ist nötig

1997 übernahm Christine Bauer die Leitung des Pflegedienstes. Sie ist ihrem Team denkbar für die Solidarität und das Dasein für Menschen in Not, auch in persönlich schweren Zeiten. Natürlich habe es auch im Team untereinander Verunsicherungen gegeben. Gespräche und Schulungen hätten aber bewirkt, dass die Mitarbeiter gestärkt in die Haushalte gegangen sind und sich und ihr Gegenüber gut geschützt hätten. Jede Krise habe auch ihr Gutes. So seien das Team und die Klienten noch enger zusammengewachsen.

Eine offene Kommunikation brauche es auch vonseiten der Klienten. „Wir brauchen unbedingt im Vorfeld die Information, wenn eine Person zum Beispiel Fieber hat. Dann muss sich unser Personal durch die FFP-2-Maske noch stärker schützen. Wir müssen alle gut gegenseitig auf uns Acht geben.“

Alltagstaugliches Konzept

„Wir sind sehr froh, dass nach den Versorgungsproblemen mit Hygieneartikeln diese wichtigen Utensilien nun ausreichend zur Verfügung stehen. Unser standardisiertes Corona-Hygienekonzept kann somit jeden Tag in der Praxis umgesetzt werden. Der Pflegedienst ist nun viel besser vorbereitet als im März, als die Pandemie die ganze Welt unvorbereitet getroffen hat“, so Christine Bauer. Dankbar sei sie heute noch allen Firmen und Privatpersonen, die mit Spenden zum Überbrücken der schweren Anfangszeit geholfen haben. Viel Zuspruch und Anerkennung haben die Pflegekräfte bei ihren Besuchen über all die Monate bekommen.

„Wir versuchen alle gemeinsam, gut durch diese Krise zu kommen. Da braucht es neben guter Kommunikation und Achtsamkeit aber auch noch eine Portion Glück.“ 85 Klienten werden versorgt, manche mehrmals täglich. Um die Pflegequalität zu gewährleisten, braucht es genügend Personal.

„Wir könnten noch mehr Anfragen erfüllen, wenn wir mehr Personal hätten. Wer diesen wichtigen Job gerne bei der Caritas ausüben möchte, ist bei uns herzlich willkommen.“

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15.09.2020 05:00
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