REACH-Verordnung: „Manche Tattoo-Studios müssen schließen“
Affolterbach, 21.01.2023
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21.01.2023 05:05
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Affolterbach. Etwa zwölf Prozent der Menschen in Europa sind tätowiert – schwarz, weiß oder auch bunt. Bei bunten Tattoos gibt es nun, allen voran für die Tätowierer, einiges zu beachten. Bereits letztes Jahr machte ein großes Raunen innerhalb der Tattoo-Branche die Runde: Fast alle Farben wurden verboten. 

REACH-Verordnung: Was bedeutet sie? 

Am 4. Januar 2022 traten Änderungen in der sogenannten REACH-Verordnung der EU in Kraft. REACH steht für Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals (Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe). Mit diesen will die Europäische Chemikalienagentur (Echa) Tätowierungen sicherer machen. Daher wurden Grenzwerte einzelner Inhaltsstoffe festgelegt. Dies hatte zur Folge, dass fast alle bisher erhältlichen Tattoo-Farben verboten wurden. Der Grund: Die enthaltenen Konservierungs- und Bindemittel stehen im Verdacht, krebserregend oder anderweitig gesundheitsschädlich zu sein. Auch im Tattoo-Studio „Electric07-Tattoo“ in Affolterbach haben diese Einschränkungen Auswirkungen. „Mehrere hundert Farb-Flaschen mussten von uns entsorgt und ersetzt werden. Das war und bleibt ärgerlich und natürlich auch finanziell ein Verlust für uns“, erklären Inhaber Sissy Ink und Pascal Brandt. Sissy tätowiert bereits seit acht Jahren und stehe auch den neuen Beschränkungen kritisch gegenüber. 

Erweiterung der REACH-Verordnung: 

Seit Anfang Januar 2023 müssen sich Tattoo-Fans und -Studios erneut einer neuen Regelung beugen. Denn nun sind laut REACH-Verordnung zwei weitere Pigmente verboten: "Pigment Blue 15:3" und "Pigment Green 7" - und ausgerechnet die sind in vielen anderen Tattoo-Farben enthalten. Zu den betroffenen Farben gehören nicht nur diverse Grün- und Blautöne, sondern auch Mischfarben - z.B. Violett, Braun, Türkis oder Pink. Damit sind zahlreiche Tattoo-Farben verboten, die noch im Januar 2022 als REACH-konform eingestuft waren. „Zum Glück gibt es längst Alternativen und es ist auch aktuell kein Problem bei uns ein farbliches Tattoo gestochen zu bekommen“, gibt Brandt Entwarnung. Einige Produzenten von Tattoo-Farben haben bereits im vergangenen Jahr neue Farbtöne auf den Markt gebracht, die andere Pigmente beinhalten. Diese dürfen REACH zufolge weiterhin genutzt werden. 

„Aber es gibt natürlich viele kleinere Studios die es durchaus härter trifft als uns, teilweise müssen Studios schließen. Natürlich schreckt das Ganze auch den ein oder anderen ab, sich aktuell ein Tattoo stechen zu lassen“, erklären die beiden. Das wohl ärgerlichste für sie: „Es gibt keine Beweislage. Beide Pigmenten "Blue 15:3" und "Green 7" sind bei der Verwendung für Tätowierungen bislang nicht negativ aufgefallen. Es sind reine Vermutungen, wie auch bei anderen Farben“, sagt die 32-Jährige fast schon empört. „Bei Zigaretten oder auch Alkohol gibt es eindeutige Studien und Belege dafür, dass sie gesundheitsschädlich sind und sogar zum Tod führen können. Beides ist nicht verboten und darf weiterhin konsumiert werden. Das wird dem Verbraucher überlassen. Da fehlt mir jedes Verständnis“, sagt Sissy Ink im WN/OZ-Podcast Interview. 

Podcast jetzt anhören:

Der Bundesverband Tattoo versucht mit der Kampagne „Tattoo2030“ aufzuklären. Zudem fordert der Verband, das Aussetzen des Verbots beziehungsweise eine längere Übergangsfrist. „Ich finde man müsste das Verbot komplett streichen. Bei uns unterschreibt jeder eine entsprechende Einwilligungserklärung, wird aufgeklärt und muss ohnehin volljährig sein. Man sollte sich lieber mal auf den Fakt konzentrieren, dass in Deutschland im Grunde jeder ein Tattoo-Studio eröffnen kann. Dazu braucht es lediglich einen Gewerbeschein. Ohne Hygieneverordnung. Das halte ich für viel sinnvoller und wichtiger“, mahnt die gebürtige Weinheimer. Brandt fügt hinzu: „Es gibt sogar Tätowierer, die ihren Kunden mit einem frisch gestochenen Tattoo das Go geben ins Meer oder die Sonne zu gehen. Das ist gesundheitlich gesehen viel gefährlicher im Vergleich.“ 

Dennoch können sie sich mit ihrer Auftragslage nicht beschweren. Bis zu einem halben Jahr könne es dauern, einen freien Termin bei Ihnen im Studio zu ergattern. Nachdem sie Ende letztes Jahres bei einer Convention in Las Vegas nicht nur dabei waren, sondern auch mit dreifacher Preisauszeichnung zurückkam, hat sich der Bekanntheitsgrad sicher weiter ausgebaut. Mit fast 50.000 Follower auf ihrem Instagram-Kanal bietet Sissy Ink nicht nur den bereits überzeugten Fans, sondern auch Tattoo-Interessenten einen Einblick in ihre Arbeit. 

Jessica Ludwig

Tätowiererin Sissy Ink bei der Arbeit:

Expertentipps, das richtige Tattoo-Motiv und den richtigen Tätowierer zu finden: 

Welche Tipps könnt ihr bei der Suche bzw. Findung der Motivwahl geben? 

Bei der Motivwahl ist ganz wichtig auf sich selbst zu hören. Schaue auf Social Media die Profile der Künstler an, welche für dich in Frage kommen. Erstelle Screenshots von den Arbeiten, die dir besonders gut gefallen. Meist lässt sich daraus schon ein Muster erkennen. Hast du zum Beispiel ausschließlich Tier-Portraits erstellt, geht es wahrscheinlich in erster Linie nur noch darum, dass für dich passende Tier zu finden. Hast du vier Blumen und ein Mandala ausgesucht, ist es mit dem passenden Künstler auch möglich Kombinationen aus beidem zu finden. Sissy Ink zum Beispiel hat sich auf Realistic Portraits spezialisiert. Solltest du dir zum Beispiel ein Portrait von einem Schauspieler, einem Musiker oder einem Familienmitglied stechen lassen wollen, findet man auf ihrem Instagram Profil sissy_ink viele verschiedene Möglichkeiten das umzusetzen. Hol dir Inspiration und überlege dir dein Wunschmotiv genau. Ein professionelles Tattoo-Studio sollte natürlich auch in der Lage sein, mit dir zusammen eine Motividee zu finden. Da der ausführende Künstler meistens am Tätowieren ist, werden Motivideen oftmals gemeinsam mit dem Shop Manager gefunden. Der sollte natürlich Erfahrungen mit Tätowierungen haben. Im „Electric07 Tattoo“ in Affolterbach macht das Pascal (Shop Manager) gemeinsam mit den Kunden. Pascal verfügt über 10 Jahre Tattoo-Erfahrung und kennt für jeden Stil den passenden Künstler. 

Hilfestellung für Eltern: wie kann ich mein Kind bei der Suche nach dem richtigen Tätowierer unterstützen? Worauf müssen wir achten? 

In erster Linie, sind wir der Meinung, dass Eltern eines Minderjährigen in keinem Studio irgendwelche Einverständniserklärungen unterschreiben sollten. Im „Electric07 Tattoo“ werden auch mit Einverständnis der Eltern minderjährige Jugendliche nicht tätowiert. Aufgrund von Geldmangel entscheiden sich Minderjährige oder frische 18-Jährige oft für kleine Trend-Tattoos, welche oftmals unbedacht sind. Eltern sollten jedoch nicht mit extremer Abneigung auf den Tattoo Wunsch reagieren. Redet mit euren Kindern über eure Bedenken. Der richtige Tätowierer ist oftmals nicht in derselben Stadt, ähnlich wie bei der Motivfindung empfehlen wir bei der Künstlerfindung ebenfalls Instagram. Einen Blick auf Google-Bewertungen kann auch nicht schaden.

Woran erkenne ich einen guten Tätowierer bzw. Tattoo-Studio? 

Ein gutes Studio erkennt man an guten Tattoos. Das klingt super einfach und so einfach ist es in der Regel auch. Ist das Motiv schon gefunden aber noch nicht der richtige Künstler, kann Pinterest hilfreich sein. Möchtest du zum Beispiel ein Portrait-Tattoo von deinem Hund haben, dann öffne die Pinterest-App und gebe in die Suche „Hund Portrait Tattoo“ oder „dog portrait tattoo“ ein. Dort erhältst du einen guten Eindruck, was möglich ist und kannst es mit dem Tätowierer in deinem Ort oder deiner Stadt vergleichen. Tätowierer, welche herausragende Arbeit leisten, sind in der Regel auch in Sachen Hygiene und Professionalität sehr gut.

Weitere Informationen gibt es auf ihrer Homepage und den Instagramkanälen: Instagramkanal Sissy, Instagramkanal Tattoo-Studio.

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