„Rassismus eliminieren“
Region, 08.07.2020
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08.07.2020 09:33
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Leserbrief
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Region. Ashley Forrson ist eine bekannte YouTuberin und Bloggerin auf der Plattform „Instagram“. Die 30-jährige Aktivistin setzt sich gerade in den Sozialen Netzwerken gegen Rassismus und für entsprechende Aufklärung ein. In ihren Beiträgen weist sie nicht nur auf aktuelle Geschehnisse hin, sondern zeigt auch Wege, wie man sich aktiv für Anti-Rassismus einsetzen kann.

Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt gibt es inzwischen nicht nur in den USA, sondern auch hier in Deutschland. Ist die Situation hier mit der in Amerika zu vergleichen?

Ashley Forrson: Nicht im gleichen Ausmaß, das muss man differenzieren, aber im Grunde genommen, ja. Wir kämpfen alle für das gleiche Recht, welches uns eigentlich allen zustehen sollte. Und zwar das Recht der Gleichbehandlung. Trotzdem gibt es Proteste wie „Black Lives Matter“, eine große Bewegung in der aktuellen Zeit, die dazu geführt haben, dass wir endlich gehört werden. Allerdings ist es auch etwas schade, denn meines Erachtens kommt das Bewusstsein viel zu spät. Wir hatten schon immer Probleme mit Rassismus.

Wie haben Sie die letzten Wochen und Monate mit Hinblick auf die aktuellen Geschehnisse erlebt?

Forrson: Die letzten Wochen und Monate waren sehr turbulent, das trifft es wohl am besten. Sie waren sehr aufwühlend, aber zeitgleich auch befreiend. Denn man wird endlich gehört. Viele Menschen gründen Initiativen oder unterstützen diese. Each One Teach One (EOTO) zum Beispiel, um hier mal nur eine Initiative zu nennen. Starke Influencer und Politiker haben sich zusammengeschlossen, um dem aktuellen Thema Aufmerksamkeit zu schenken. Gefühlt ging alles sehr schnell nach dem tragischen Tod des US-Amerikaners George Floyd, und da muss man auch als Mensch durchaus kurze Pausen machen. Die Thematik und das ständige Damit-Auseinandersetzen raubt einem viel Energie. Es ist ein bisschen wie ein Marathon, irgendwann ist man erschöpft und braucht eine Pause.

Was bedeuten die aktuellen Diskussionen über Rassismus für die Zukunft?

Forrson: Für die Zukunft bedeutet das, dass People of Color (PoC) endlich ihren Platz in der Gesellschaft haben werden und die Hautfarbe keinen Unterschied mehr macht. Ich denke, dass es in der Zukunft einen Wandel der Gleichheit geben wird und wir uns endlich als Einheit verstehen. Auch, wenn der Wandel bisher sehr langsam war, die Menschen werden aufmerksamer und befassen sich mehr mit den Themen. Viele fühlen sich auch nicht mehr angegriffen, da sie mehr Unterstützung und Informationen erhalten. Gerade im privaten Umfeld wird mehr für Bildung und Aufklärung gesorgt, damit wir Rassismus eliminieren.

Stichwort „Whataboutism“: Oft, wenn Betroffene über ihre Rassismuserfahrungen sprechen, erlebt man immer häufiger den Drang der Menschen, Rassismus zu relativieren, getreu dem Motto „Mir ist aber auch schon mal was passiert“. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?

Forrson: Tatsächlich habe ich bereits ähnliche Erfahrungen gemacht und in solchen Situationen muss ich meist schmunzeln. In einem Gespräch schmeißt mein Gegenüber unter dem Deckmantel „wir sind doch alle gleich“, seine eigenen Erfahrungen in den Topf der Konversation und erwartet entsprechende Zustimmung meinerseits. Ich versuche dann, die Person ganz behutsam darauf aufmerksam zu machen, dass es nicht vergleichbar ist. Und da muss man dann auch Begrifflichkeiten wie „white privilege“, „colorism“ und „white saviour“ mit einbringen. Begriffe und Bedeutungen, die vielen Menschen vielleicht noch unbekannt sind, weil sie in ihrer eigenen Blase leben und weil es die Wörter im Deutschen tatsächlich so auch noch nicht wirklich gibt. Ich versuche, die Menschen so aufzuklären, dass ich es ihnen aus meiner Sicht schildere.

Was genau möchten Sie solchen Menschen gerne mit an die Hand geben?

Forrson: Ich bin keiner, der mit dem erhobenen Zeigefinger urteilt. Ich versuche, die Menschen mit in meine Welt zu nehmen und so Verständnis zu erzeugen, sodass er infolgedessen nicht mehr mit hinkenden Vergleichen argumentiert. Deshalb trete ich lieber immer einen Schritt zurück und versuche meinem Gegenüber zu verdeutlichen: „Ich möchte, dass du verstehst, wie es auf meiner Seite ist.“ Meist sind die Menschen dann etwas verständnisvoller.

Wie kann man Ihrer Meinung nach für noch mehr Verständnis in der Bevölkerung sorgen?

Forrson: Am wichtigsten ist es wohl, so früh wie nur möglich anzusetzen. Man sollte bereits bei unseren Kindern starten, denn sie werden nicht als Rassisten geboren, sondern zu solchen gemacht. Aus diesem Grund halte ich es für extrem maßgebend im jungen Alter und in der Schulbildung zu beginnen. Ich finde, die Kolonialgeschichte sollte fester Bestandteil des Unterrichtes sein. Und nicht nur ausschließlich die Geschichte des Nationalsozialismus, was durchaus sehr wichtig ist, aber trotzdem darf man auch andere Kulturen und Geschehnisse nicht vergessen und den Kindern eben das ganze Repertoire anbieten. Ansonsten formt man sie mit einem gewissen Weltbild. Und das führt dazu, überspitzt gesagt, dass wir uns kleine Rassisten heranziehen. Und das sollte keiner wollen.

Schwarze Vierecke und andere solidarische Fotos, die seit Wochen auf den Plattformen verschiedener Social-Media-Kanäle gepostet werden, sind für die einen eine globale anti-rassistische Aktion, für die anderen Heuchelei. Wie stehen Sie dazu?

Forrson: Es gibt mit Sicherheit beide Seiten. Für die einen ist es eine Bewegung, denn „Black Live DOES matter“, und für die anderen ist es ein Geschäftskonzept. Das Letztere ist heuchlerisch und traurig. Wenn ein Unternehmen, weil es cool und trendy sein möchte, ebenfalls ein schwarzes Viereck auf Instagram postet, dann steckt dahinter die falsche Intention. Für mich macht das dann den Anschein, dass die Unternehmen sich solidarisch positionieren wollen. Wenn man sich dann allerdings die Firma mal genauer anschaut, haben sie keine einzige PoC, oder lediglich eine sogenannte „Alibi-Person of Color“ in ihren Reihen. Also eine Person, die nicht aufgrund ihrer Fähigkeiten den Job bekommen hat. Meistens werden sie nur eingestellt, um die Diversität des Unternehmens zu betonen. Im besten Falle stehen die Firmen, die sich divers darstellen, auch hinter den Werbekampagnen und repräsentieren sich als solche.

Was war das bisher wohl prägenste rassistische Erlebnis für Sie?

Forrson: Die für mich prägendsten rassistischen Erlebnisse habe ich in der Grundschule erlebt. Ich war sehr isoliert und wurde oft weggesetzt. Trotz Melden, wurde ich von meiner Lehrerin nicht drangenommen und habe eine schlechte Bewertung erhalten. Es wurden auch ganz spontane Tests nicht gewertet, obwohl, oder vielleicht gerade weil, ich Klassenbeste war. Ich wurde nach der Schule verfolgt, bespuckt, geschlagen. Das waren wohl die einschneidendsten Erlebnisse in der Vergangenheit. Im Vergleich zu heute ist es anders, aber irgendwie auch schlimmer geworden. Denn unterschwelligen Rassismus zu erfahren, ist subtiler, aber zeitgleich auch bitterer. Wenn man zum Beispiel aufgrund des Namens entsprechend die Vermutung hat, ich könne keine Deutsche sein. Auch bei der Wohnungssuche muss ich mich mehr beweisen, indem ich hervorragend vorbereitet bin, alle Unterlagen bereits dabeihabe und mich extra geschwollen artikuliere, um überhaupt eine gleichwertige Chance wie eine hellhäutige Person zu bekommen.

Was kann jeder einzelne gegen Rassismus tun?

Forrson: Jeder kann sich starkmachen. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn man sich als weiße Person gegen Rassismus ausspricht. Jeder kann für mehr Bewusstsein kämpfen, aufklären und die Menschen zum Umdenken bewegen. Aber sich auch im eigenen Umfeld mal umschauen und hinterfragen, umgebe ich mich auch mit PoC, um auch wirklich so divers zu sein, wie man es predigt. Menschen sollten sich außerdem mehr belesen. Oder wenn einem Lesen nicht so liegt, gibt es auch tolle Podcasts zu dem Thema. Es gibt wahnsinnig tolle Filme, die sich mit der Sklaverei beschäftigen oder starke Aktivisten wie Malcolm X und Martin Luther King thematisieren. Durch das Internet hat man heutzutage Zugang zu allem, und das tut niemandem weh.

Von Jessica Ludwig

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