Schlichter Falter mit genialer Strategie
Region, 11.08.2022
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11.08.2022 05:05
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Region. Mit der Krefelder Studie aus dem Jahre 2017 wurde er einer breiten Masse bekannt: der Rückgang unserer Insekten. Mittlerweile gibt es zahlreiche Studien und Erhebungen aus dem In- und Ausland, die diesen erschreckend um sich greifenden Rückzug weltweit bestätigen. Dabei war dieser Rückgang bereits seit über 40 Jahren spürbar. Besonders manche Schmetterlingsarten reagieren als sogenannte Bioindikatoren besonders sensibel auf Veränderungen, weiß der ehemalige Birkenauer Revierförster Siegfried Winkler, der für die OZ auch ein ungewöhnliches Insekt vorstellt.

Neben den menschengemachten Ursachen spielt dabei auch die Klimaveränderung bei vielen Arten eine Rolle. Die Zusammensetzung der Pflanzen verändert sich dadurch in ihren Lebensräumen. Viele Pflanzenarten werden selten oder verschwinden ganz, mit ihnen auch die Tiere, die auf diese Pflanzen angewiesen sind.

Nur noch wenige Arten

Der geneigte Naturfreund stellt bei Spaziergängen fest, dass es doch eigentlich noch recht viele Schmetterlinge an unseren Wanderwegen, an Waldrändern, im Garten oder auch auf noch artenreichen Wiesen gibt. Bei genauerem Hinsehen ist aber festzustellen, dass es nur wenige Arten sind. Viele Scheckenfalterarten und Bläulinge, die nur Insektenspezialisten kennen, sind bei uns verschwunden. Seit über 40 Jahren stellen Insektenfreunde in der Region durch Tag- und Nachtmonitoring diese Rückgänge fest, unter anderem in Zusammenarbeit mit Arbeitsgruppen beim Senckenbergmuseum. Es gibt Pflanzen, die von der Klimaerwärmung und von der Düngung aus der Luft (etwa Stickstoff aus dem Auto) profitieren. Dazu gehören die Brennnessel und die Brombeere. Diese Pflanzen sind als Kinderstuben für Tagpfauenauge, Kleiner Fuchs, Admiral, Distelfalter und Landkärtchen überall reichlich vertreten und mit ihnen auch die Schmetterlinge.

Viele Arten sind allerdings auf dem Rückzug. Zu den vielfältigen Ursachen gehören die Veränderungen in der Landwirtschaft. Auf einer gedüngten Wiese sind überwiegend Fettgräser vorherrschend, es fehlen Arten wie die Esparsette, Hornklee, Hufeisenklee, Thymian, Oregano und andere Pflanzen, die keine Düngung oder auch mehrmalige Mahd im Jahr vertragen. Auch sogenannte Feuchtwiesen werden weniger oder es ändert sich auf ihnen die Pflanzenzusammensetzung. Es gibt aber auch in unserer Region noch Beispiele, bei denen das Zusammenspiel von Habitat und Biologie eines Insektes funktioniert. Der Große Wiesenknopf (Sanguisorba officinalis) ist eine Pflanze, die auf diesen Feuchtwiesen vorkommt, aber das ist an eine Bedingung geknüpft: Die erste Mahd des Landwirtes muss Ende Mai oder Anfang Juni erfolgen, da die Pflanze erst nach dieser Mahd, quasi in der zweiten Wiesenpflanzengeneration, zu ihrer vollen Entfaltung mit weniger Konkurrenzdruck zur Blüte kommt.

Im Zuge der evolutionären Entwicklung gefolgt ist dieser Pflanze dabei ein Schmetterling, der seine Flugzeit genau auf die Zeit der Blüte des Großen Wiesenknopfes abgestimmt hat. Nämlich jetzt, im Juli und August. Der Wiesenknopfameisenbläuling – es gibt zwei Arten – ist eigentlich ein wenig spektakulärer Falter, aber seine Biologie ist ganz besonders. Der Schmetterling legt nach der Paarung seine Eier in den Blüten der Wiesenknopfpflanze ab. Dort entwickelt sich das Räupchen bis etwa zwei Millimeter Länge. Ab Mitte August lässt sich die winzige Raupe auf den Boden fallen. Dort wird sie von speziellen Ameisenarten (Myrmica-Arten) über Pheromone gefunden und ins Ameisennest getragen. Dort beginnen sie die Ameisenbrut – Larven und Puppen – zu fressen und hinterlassen den Ameisen als Gegenleistung ein zuckerhaltiges Sekret. Sie überwintern also im Ameisenbau, verpuppen sich auch dort und schlüpfen als fertige Schmetterlinge dann im Juli/August des nächsten Jahres.

Bewirtschaftung eingestellt

In unserer Region gibt es noch wenige dieser Vorkommen, unter anderem bei Rimbach, Schlierbach, Krumbach und Mörlenbach. Dort wurden die Pächter bzw. Besitzer der Wiesen auf die Besonderheit durch Insektenfreunde in Zusammenarbeit mit dem Landwirtschaftsamt hingewiesen und die Bewirtschaftung der Wiesen darauf eingestellt. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Folgen der Klimaerwärmung für die Pflanzen auf diesen Feuchtwiesen in den Talauen nicht als tödlich erweisen und die richtige Bewirtschaftung der Wiese (falsche Mähzeiten wirken sich fatal aus) dazu beiträgt, dass auch nachfolgenden Generationen solche selten gewordenen Schmetterlinge erhalten bleiben.

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