„Stell dich doch nicht so an“
Diesen Artikel
19.10.2021 05:10
Drucken Vorlesen Senden
Leserbrief
253

Rimbach. Rassismus ist für viele ein empfindliches Thema. Betroffene Kinder und Jugendliche der Dietrich-Bonhoeffer Schule in Rimbach sehen sich mit Diskriminierung und Beschimpfungen konfrontiert und gründen die Projektgruppe „We have a voice“.

So gern sich mancher einredet, dass alle Menschen gleich sind und die Hautfarbe keinen Unterschied macht: Sie tut es. Rassistische Gedanken stecken in den meisten Menschen. Wenngleich auch ohne böse Absicht. Anna Reid ist Lehrerin an der Dietrich-Bonhoeffer-Schule (DBS) in Rimbach und hat gemeinsam mit einer Gruppe von betroffenen Schülern das Projekt gestartet. „Ich möchte, dass andere wissen, was Schwarze jeden Tag erleben und womit sie zu kämpfen haben“, erklärt Reid. Was anfänglich im kleinen Kreis mit Gesprächen untereinander begann, mündete in einer Plakatausstellung in den Räumen der DBS in Rimbach.

Schule gegen Rassismus

Es sei ein heikles Thema, ein „heißes Eisen“ der Gesellschaft. Als Lehrkraft sollte man genau hinschauen und durchaus reflektieren, so Reid. „Es kommt leider immer wieder vor, dass Schüler mit solchen Situationen konfrontiert sind, und es war mir wichtig, ihnen eine Stimme zu geben“, erklärt die Mörlenbacherin. Es brauche ein Bewusstsein, was eigentlich rassistisch ist, das Projekt solle dabei unterstützen.

Die Schüler und ihre Lehrerin haben sich außerhalb des Unterrichts getroffen, sich über ihre Erfahrungen ausgetauscht und die Hobbyfotografin Candy Rahmanoglu aus Mörlenbach hat die Momente mit ihrer Fotokamera festgehalten. Daraus entstand das Fotoprojekt „We have a voice“, das mittlerweile auf den Fluren in der Schule ausgestellt wurde. Auf den Bildern sind die Kinder und Jugendlichen beim Basketballspielen zu sehen, sitzend auf Tischtennisplatten, an der Schulwand lehnend.

Anschließend wurden Sprechblasen hinzugefügt, in denen rassistische Aussagen wie „Hat dich schon mal jemand gefragt, wo du genau herkommst, obwohl du in Deutschland geboren und aufgewachsen bist?“ oder „Hat dir schon mal jemand aufgrund deiner Hautfarbe gesagt, dass du dreckig aussiehst?“, zu lesen sind. Alles sind persönliche Erfahrungen der Schüler. Die Kinder und Jugendlichen sind im Alter von neun bis 17 Jahren und gehen in unterschiedliche Klassen. Eine kürzlich erschienene Studie untermalt die Ereignisse und Emotionen der Schüler aus Rimbach. Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI) befragte 1461 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 19 Jahren zu ihren Erfahrungen mit Alltagsrassismus. Hinzu kamen 22 Fallstudien, die einen tieferen Blick in die Situation der Betroffenen und das Erleben von Alltagsrassismus in Deutschland gewähren.

Insgesamt haben sieben von zehn Kindern und Jugendlichen mit Zuwanderungsgeschichte Alltagsrassismus erfahren. Eine weitere Tendenz ließ sich in der Studie klar herausarbeiten: Je dunkler die Hautfarbe, desto höher die Wahrscheinlichkeit, von Alltagsrassismus betroffen zu sein.

„Wo kommst du wirklich her?“ Es ist eine scheinbar ganz harmlose Frage, die oftmals aus Neugier oder beim Smalltalk gestellt wird. Auch wenn hinter der Frage keine böse Absicht steckt, beinhaltet sie unterschwellig doch: „Du bist anders“ und „Du kannst nicht von hier kommen“. Die Forschung bezeichnet dies als „Mikroaggressionen“. Die Kinder und Erwachsenen werden immer wieder – oft unbewusst – ausgegrenzt. Mehr als sieben von zehn Heranwachsenden mit dunkler Hautfarbe bekommen diese Frage wiederkehrend gestellt.

Das eigene Umfeld

71 Prozent aller Beschimpfungen kommen laut der IZI-Studie von Mitschülern beziehungsweise anderen Jugendlichen. Auch das bestätigen drei Schüler der Projektgruppe während der Aufzeichnung des WN/OZ Podcasts „Nah dran“.

Hanad Musse Hersi (17 Jahre alt), Ronja Röder (15 Jahre alt) und Helen Meconen (16 Jahre alt) erzählen übereinstimmend, dass viele rücksichtslose Kommentare oftmals von den eigenen Freunden und Bekannten kommen.

Selten bis gar nicht trauen sie sich darauf zu reagieren. Die Angst, Freunde zu verlieren, überwiege. „Falls ich mal den Mut habe, etwas zu sagen, bekomme ich oft die Antwort, ich soll mich nicht so anstellen“, schildert Helen. „Eine Gruppe von Mädchen hat mich mal mit dem N-Wort beschimpft. Als ich darauf antwortete, wurde ich verprügelt und mir wurde mein Handy geklaut. Daher ist es vielleicht manchmal besser, nichts zu sagen“, schlussfolgert Helen betrübt.

Hanad erklärt: „Wir sind es gewohnt, haben es gelernt damit umgehen zu müssen. Ich lache oftmals als Reaktion, damit ich dem anderen nicht das Gefühl gebe, er hat sein Ziel, mich zu verletzen, erreicht.“ Der 17-Jährige spricht von dem sogenannten „coping mechanism“, welches im Wesentlichen ein Schutzfaktor ist, bei dem eine Person darauf abzielt, eine belastende Situation zu bewältigen. Aber auch fremde Menschen beleidigen die Schüler. Auf offener Straße, ohne jeglichen Beweggrund sind sie bereits des Öfteren angefeindet worden. „Ich war mit meinen Freundinnen unterwegs und plötzlich hielt ein Auto neben uns. Ein Mann machte die Schreibe runter und fing sofort an, mich zu beleidigen. Er warf mir als Schwarze vor, dass wir alle nicht arbeiten gehen würden. Weiße Menschen müssten dafür sorgen, dass wir zu Essen bekommen“, erzählt Ronja eine ihrer traumatischen Erlebnisse. Darauf geantwortet habe sie nicht. Sie sei einfach unfassbar geschockt gewesen.

Nachholbedarf bei Lehrkräften

„Weil ich nicht wollte, dass ein Junge meine Haare anfasst, hat er mir einfach in die Haare gespuckt“, beschreibt Helen einen weiteren Vorfall. Subtilere Formen von Alltagsrassismus kommen laut der IZI-Studie unter anderem von Lehrkräften, was von den Betroffenen als verletzende Abwertung empfunden wird. Auch das können die drei Schüler aus Erfahrung bestätigen. In den Fallstudien der IZI wird deutlich, wo dringender Nachholbedarf bei Lehrkräften besteht und mehr Wissen und Sensibilität im Sinne antirassistischer Pädagogik und Pädagogik der Vielfalt benötigt wird.

Reid erklärt, dass sie es immer wieder erlebe, wie unbewusst Gegebenheiten und Begrifflichkeiten aus der Vergangenheit weitergetragen werden. „Nehmen wir mal das Beispiel mit der Buntstiftfarbe „Hautfarbe“.

Das ist bislang ein feststehender Begriff, der noch immer von Kindern und auch Lehrern im Unterricht verwendet wird. Wenn jemand nach der Hautfarbe fragt, bekommt er wie selbstverständlich ein helles Rosa gereicht“, erläutert die 38-Jährige. Es gäbe nicht die eine Hautfarbe, sondern viele verschiedene. Da sei der Fakt zu unterscheiden durchaus angebracht. Mittlerweile gäbe es entsprechende Buntstifte mit verschiedenen Hautfarbtönen zu kaufen. jlu

Den Podcast gibt es auf allen Streamingportalen und hier zum Anhören:

Zum Artikel gibt es außerdem ein Video:

SOCIAL BOOKMARKS
19.10.2021 05:10
Drucken Vorlesen Senden
Ihre Meinung interessiert uns

Durchsuchen Sie unser Archiv!

 

 

 

Meistgelesen