Unbequem
Weinheim, 04.07.2020
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04.07.2020 08:53
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Leserbrief
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Weinheim. Grimmig schauen sie in die Ferne. Sie haben keinerlei menschliche Züge, ihre Blicke sind starr. Drei Soldaten, jeder für sich 3,15 Meter groß, zwei mit geschulterten Gewehren, einer schlägt den Takt auf seiner Trommel.

Der Weinheimer Oberbürgermeister Josef Huegel sagt bei der Einweihung 1936 vor rund 2000 Uniformierten von SS, SA, Hitler-Jugend und anderen NS-Organisationen: „Der Soldatentod ist nicht mehr Opfer, er ist Erfüllung.“ Es ist der blanke Zynismus angesichts der Millionen von Toten, die in dem von Hitler-Deutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg ihr Leben verlieren werden; auch abseits der Schlachtfelder.

Wie von den Nazis erschaffen, steht das Kriegerdenkmal heute noch und polarisiert weiterhin. Es gehört in eine Reihe kritischer Denkmäler, die wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Dazu gehören Bismarck-Denkmäler wegen der Rolle des ersten deutschen Reichskanzlers während der Zeit der Kolonialisierung und der damit verbundenen Unterdrückung und Verfolgung von Menschen. Es geht aber auch um andere Denkmäler wegen ihrer heroisierenden Merkmale, dazu gehört beispielsweise ein Teil derer, die anlässlich des Deutsch-Französischen Kriegs 1870/71 entstanden sind. In Weinheim und den Ortsteilen finden sich einige Beispiele dafür. Über ihnen allen thront das Kriegerdenkmal, das bis heute noch Rechtsextreme für ihre Zwecke benutzen. Um zu verstehen, warum dieses Denkmal so umstritten ist, lohnt sich ein Blick auf die von Rassismus geprägte Geschichte des Denkmals.

Seinen Ursprung hat das Kriegerdenkmal an der Bahnhofstraße als Erinnerungsstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, auch wenn es eher einem Einschwören auf einen bevorstehenden Krieg gleicht. Diese These wird unterstützt von einer Einschätzung des Landesamts für Denkmalpflege in Karlsruhe, dort spricht man von einem „von der Nazi-Ideologie infiltrierten und damit eigentlich diskreditierenden Denkmal.“ Denn mit ihm sollte nicht nur der Gefallenen des Ersten Weltkriegs gedacht werden, sie sollten gleichzeitig zu heldenhaften Vorbildern stilisiert werden. Auch das Martialische, Entschlossene sei ganz bewusst zur vorausgreifenden Propaganda für den Zweiten Weltkrieg genutzt worden. Die Machart spricht dabei eine deutliche Sprache: Die als Halbkreis errichtete Porphyrmauer samt Feuerschalen, die drei Soldaten auf einem altarähnlichen Podest – der pseudoreligiöse Kult der Nazis ist deutlich zu erkennen. Ebenso die Ideologie der Nationalsozialisten: Jegliches Menschliche ist bei den drei steinernen Figuren ausgelöscht.

Die Entstehung

Eigentlich benötigt Weinheim zu diesem Zeitpunkt gar kein Denkmal für die Gefallenen im Ersten Weltkrieg. Auf dem Hauptfriedhof gibt es bereits seit 1924 ein Gräberfeld, das an die toten Soldaten erinnert. Aus nationalsozialistischer Sicht aber ist es zu abgelegen, es muss etwas Größeres geschaffen werden, der Blick richtet sich dabei nicht zurück, sondern nach vorne. Auf das, was kommen wird und bereits in Planung ist. Es ist wenige Monate nach der Machtergreifung 1933, als die Initiative ergriffen wird, der passende Ort ist schnell gefunden. Im Stadtkern, an einer Hauptverkehrsader, mit ausreichend Platz für Aufmärsche. Und, sicherlich nicht zufällig, in unmittelbarer Nachbarschaft zu der damals noch existierenden Weinheimer Synagoge in der Ehretstraße, die am frühen Morgen des 10. November 1938 im Zuge der Reichspogromnacht zerstört wird.

1934 wird schließlich ein Gestaltungswettbewerb ausgeschrieben, teilnehmen darf nur, wer Mitglied der nationalsozialistischen Reichskammer für Bildende Künste ist. „Volks- und bodenverbunden“ soll es sein, der Entwurf des Bildhauers Wilhelm Kollmar überzeugt schließlich; er gilt als entschiedener Gegner der Moderne. Der Bau wird seinerzeit finanziert durch Spenden von Firmen, Vereinen und Bürgern, darunter auch der jüdische Lederfabrikant Sigmund Hirsch. Sein für die Zeit zunächst nur schwer zu vermittelndes Engagement hat einen Grund: Es sollen auch die Namen von fünf Weinheimer Soldaten jüdischen Glaubens verewigt werden, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Auch hier zeigt der Rassismus sein hässliches Gesicht: NSDAP-Gauleiter Robert Wagner verhindert das Vorhaben, Hirsch bekommt seine Spende von 1197 Reichsmark zurückgezahlt. In der Denkmalskommission sitzt auch Walter Freudenberg, er ist der Einzige, der dagegen protestiert.

Im Oktober 1936 wird das Denkmal schließlich eingeweiht, die „Weiherede“ hält der nationalsozialistische Ministerpräsident von Baden, Walter Köhler. Er ist Weinheimer, vier Jahre später spielt er eine zentrale Rolle bei der Deportation der badischen und pfälzischen Juden in das südfranzösische Lager Gurs. In Weinheim bedeutet dies das Ende der jüdischen Gemeinde.

Es folgt der Zweite Weltkrieg, in der Karwoche 1945 marschieren schließlich amerikanische Truppen in der Stadt ein, wenige Wochen vor der deutschen Kapitulation als Ausdruck der Niederlage. Der Krieg in Europa ist aus, Nazi-Deutschland besiegt. Doch der 8. Mai 1945 bedeutet nicht das Ende für das Denkmal. Obwohl die US-Militärregierung anordnet, alle nationalsozialistischen und militaristischen Denkmäler zu schleifen, greift mit Blick auf das Kriegerdenkmal Paragraf 5 des Dekrets: Mahnmale für „Angehörige militärischer Verbände, die auf dem Schlachtfeld geblieben sind“, dürfen stehen bleiben. Kurz darauf werden – auf erneute Initiative von Walter Freudenberg – die Namen der fünf jüdischen Soldaten nachträglich eingefügt. Hier wird der rote Faden wieder aufgenommen; die Namen werden an die zuvor alphabetisch angeordneten einfach angehängt – sie reihen sich nicht ein, noch immer dürfen sie nicht dazugehören.

Jahre später rückt das Denkmal erneut in den Fokus der Öffentlichkeit. 1959 soll es um die Namen der gefallenen Soldaten des Zweiten Weltkriegs erweitert werden. Den Auftrag für die entsprechende Gestaltung erhält ein Professor Linde, er sitzt bereits 1934 in der Denkmalskommission. Der Geist ist noch wach, denn auf den erweiterten Tafeln finden sich nicht nur Namen von Soldaten der Wehrmacht, sondern auch die von 29 SS-Männern, die kurzerhand einfache Wehrmachtsdienstgrade verpasst bekommen; aus dem SS-Hauptsturmführer wird so beispielsweise der Hauptmann. Sie werden posthum reingewaschen.

Eskalation im Jahr 1994

Dies ist öffentlich bekannt, geändert wird jedoch nichts. Das Landesdenkmalamt hat dafür eine ganz eigene Interpretation: Nachträgliche Veränderungen würden eine wohlgemeinte, letztendlich aber fehlgeleitete Geschichtsfälschung darstellen. Die mögliche Korrektur einer Fälschung wird so selbst zu einer Fälschung erhoben. Die Folge: Menschen jüdischen Glaubens sind auf Namenstafeln vereint mit Schergen, die aufgrund ihrer SS-Zugehörigkeit sicher an der Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürger beteiligt waren – ein bis heute häufig angeführtes Argument.

Dies geschieht in Diskussionen, die seit 1959 immer wieder aufkommen, meist geht es um eine Umgestaltung oder den Abriss des Denkmals, es geht auch um die Rolle der Wehrmacht im Dritten Reich. Das Ganze eskaliert 1994, als eine „Aktionsgruppe Clara Wichmann“, benannt nach einer deutschen Juristin, Publizistin und erklärten Pazifistin, das Denkmal zerstört. Einem der drei Soldaten wird der Kopf abgeschlagen, in einem Bekennerschreiben erklärt die Gruppe: „Wir verstehen unsere Aktion als offensiven Gegenentwurf zu den uns bekannten vorangegangenen Versuchen, die offiziellen Stellen um eine Umgestaltung des Denkmals zu bitten.“ Die öffentlichen Reaktionen spalten die Gesellschaft: Die einen sehen die Schändung einer Stätte des Gedenkens für gefallene Soldaten der beiden Weltkriege. Die anderen billigen die Aktion zwar nicht, zumindest öffentlich, lenken aber den Blick auf ein aus einer rassistischen Ideologie heraus entstandenes Relikt der Nazi-Zeit, das fast 50 Jahre nach Kriegsende im öffentlichen Raum nichts mehr zu suchen habe. Der Kopf wird schließlich nachgebildet, Spenden, überwiegend aus der bürgerlichen Mitte, machen es möglich.

Trotzdem kehrt keine Ruhe ein, kurz darauf setzt eine Diskussion ein, die den Blick weitet und am Ende den Opfern von Verfolgung, Krieg und Gewalt ein Denkmal setzt. 1999 wird das Mahnmal im Stadtgarten als Kontrapunkt zu dem Kriegerdenkmal errichtet, die unbeirrt voranschreitenden drei Soldaten stehen seitdem einer entwurzelten, der NS-Herrschaft willkürlich ausgelieferten Menschengruppe gegenüber. Dinah Wijsenbeck beschreibt es in ihrem Buch „Denkmal und Gegendenkmal: Über den kritischen Umgang mit der Vergangenheit auf dem Gebiet der bildenden Kunst“ so: Dadurch, dass das Mahnmal mit dem Kriegerdenkmal eine Achse bilde, entstehe ein Dialog. „Dem nationalsozialistischen Aufruf zum Heldentum steht nun ein ‘Nie Wieder’ gegenüber“.

Die Stadt Weinheim bezeichnet das Mahnmal im Stadtgarten als „unmissverständliche Antwort auf das Kriegerdenkmal“, zu lesen auf einer erklärenden Schautafel, die vor knapp drei Jahren am Rande der Anlage an der Bahnhofstraße installiert wurde. Demnach diene das Kriegerdenkmal nicht der Kriegsverherrlichung, sondern solle zu einem bewussten und sensiblen Umgang mit der Geschichte auffordern. Das Landesdenkmalamt selbst ordnet das Kriegerdenkmal zwar in der Kategorie der „unbequemen Denkmale“ ein, plädiert aber auch für den Erhalt als Teil der Weinheimer Erinnerungskultur.

Unabhängig von allen Interpretationen steht allerdings eines fest: Der Entstehung des Kriegerdenkmals liegt eine rassistische Weltsicht zugrunde.

Serie „RassistIch?“

Die Serie „RassistIch?“ beleuchtet das Thema „Rassismus“ aus verschiedenen Perspektiven. Am vergangenen Mittwoch erschien ein Beitrag über die Arbeit von Antidiskriminierungsbüros, die Menschen unterstützen, die von Rassismus betroffen sind. Der nächste Beitrag befasst sich mit Kommunen und ihrem Umgang mit dem Thema Rassismus. Zu lesen sind alle bisher erschienenen Beiträge in einem Dossier unter:

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