Vielfalt ist Reichtum
Abtsteinach, 29.07.2020
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29.07.2020 09:05
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Abtsteinach. Man muss vorbeugend tätig sein – nicht erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist“, sagt Frank Wetzel. Der Gemeindevertretervorsitzende von Abtsteinach war es, der sich dafür ausgesprochen und eingesetzt hat, das „Hessische Plädoyer für ein solidarisches Zusammenleben“ in der Hardberg-Gemeinde zu thematisieren und öffentlichkeitswirksam zu unterschreiben.

Dass in Abtsteinach ein Mitbürger aufgrund seines Aussehens rassistisch beschimpft wurde, ist ihm nicht bekannt. „Vielleicht liegt es am dörflichen Charakter. Das alleine kann es aber nicht sein. Dennoch bin ich froh, dass wir in Abtsteinach mit diesem Thema noch keine negativen Erfahrungen gesammelt haben. Das heißt aber nicht, dass es Rassismus bei uns nicht gab oder gibt“, ist ihm bewusst.

Wieso hat die Gemeinde Abtsteinach dann überhaupt das Plädoyer unterschrieben?

Frank Wetzel: Wir wollen dem Konflikt nicht aus dem Weg gehen und uns klar positionieren. Rassismus darf bei uns kein Thema sein. Gerade deswegen ist es wichtig, mit der Unterschrift – auch kommunenübergreifend – ein Zeichen zu setzen. Bedauerlicherweise hat sich in der jüngsten Vergangenheit gezeigt, wie wichtig ein öffentliches Bekenntnis gegen Rassismus ist. Man denke an den Anschlag von Hanau, bei dem zehn Menschen ermordet wurden.

Wie kann garantiert werden, dass das nicht im Überwald passiert?

Wetzel: Möglichkeiten sind: vorbeugend tätig sein, Vorurteilen keinen Nährboden geben, Minderheiten nicht diskriminieren, sondern ins Ortsgeschehen einbinden.

Wenn es schon so schwierig ist, die Bürger aus Ober- und Unter-Abtsteinach an einen Tisch zu setzen, wie will die Gemeinde überhaupt geschlossen gegen Rassismus vorgehen?

Wetzel: Tatsächlich gab es in der Vergangenheit immer mal wieder Reibereien zwischen beiden Ortsteilen und teilweise auch Probleme. Aber das ist eine ganz andere Ebene. In aller Regel arbeiten wir konstruktiv zusammen und sind mit gutem Beispiel vorangegangen – gerade bei der Flüchtlingswelle. Wir haben Migranten gut integriert, sie nehmen am öffentlichen Leben teil, sind teilweise aktive Mitglieder der Vereine. Ortsteilübergreifend haben sich Ehrenamtliche gefunden, die beispielsweise Deutschkurse gegeben oder bei Amtsgängen geholfen haben. Die Bürger engagieren sich. Ein spezielles Programm gegen Rassismus gibt es aber nicht und ist bisher nicht vorgesehen.

An wen können sich die Bürger wenden, wenn sie rassistisch angegangen werden?

Wetzel: Im Rathaus haben wir dafür keine Sonderstelle geschaffen, bei uns existiert auch keine Ausländerbehörde, da von 2500 Bürgern nur 245 Ausländer sind. Die Einrichtung einer neuen Stelle haben wir in der Gemeindevertretung zwar schon einmal angesprochen, aber wieder verworfen, da kein Bedarf gesehen wurde. Für Fragen und Anregungen stehen unsere Bürgermeisterin Angelika Beckenbach und die Mitarbeiter des Rathauses aber immer zur Verfügung.

Chancengleichheit bei Beruf und Bildung spielen dabei eine große Rolle. Wie ist es darum in Abtsteinach bestellt?

Wetzel: In Abtsteinach haben wir einen Kindergarten und eine Grundschule, die haben es sich zur Aufgabe gemacht, Schüler aus anderen Kulturen in das Leben vor Ort zu integrieren – auch wenn die sprachlichen Voraussetzungen erst einmal nicht gegeben sind. Ein grundsätzliches Thema sehe ich, wenn Migranten in ihrer Heimat einen gewissen Bildungsabschluss oder Berufserfahrung haben und diese in Deutschland nicht angemessen anerkannt werden. In Abtsteinach haben wir aber Firmen, die auch Flüchtlingen eine Chance geben. Etwa Jöst abrasives, die einen Mann aus Somalia eingestellt haben.

Von Nadine Kunzig

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