Zum Traum-Abitur mit einer besonderen Note
Kreis Bergstraße, 04.08.2022
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04.08.2022 05:10
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Leserbrief
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Kreis Bergstraße. Wenn Patricia Seitz ihr Zeugnis der Abendschule Heppenheim liest, kann sie es selbst kaum glauben: Abitur. Durchschnittsnote 1,0. Dabei hatte es lange Zeit ganz anders ausgesehen: Sie galt als schwierig, verhaltensauffällig – trotz ihrer offensichtlichen Begabung. „Meine erste Grundschullehrerin war ganz fasziniert, weil ich so angepasst und diszipliniert war. Heute weiß ich warum – und warum ich plötzlich ganz andere Probleme bekam“, so die Abiturientin. Patricia Seitz hat eine spezielle Form von Autismus, das Asperger-Syndrom, das vor allem zu Problemen mit sozialen Kontakten führt. Und davon gibt es in der Schule mehr als genug. Sie kam auf das Gymnasium, aber die Probleme nahmen zu. Sie wechselte auf die Gesamtschule und schloss die Mittlere Reife ab.

„Damals hat sich niemand wirklich für das Warum interessiert. Die Schulpsychologen sahen nur das Problem mit meinen Eltern, die sich kurz vor meiner Einschulung getrennt hatten. Aber das ging an der wahren Ursache vorbei“, blickt Patricia Seitz zurück. Was danach kam, beschreibt sie heute mit einem Augenzwinkern: „Es war eine wilde Zeit!“ In Wirklichkeit war es eine tiefe, zehnjährige Lebenskrise. Die junge Frau begann eine Ausbildung zur Industriekauffrau, die sie abbrach. Zwei Jahre war sie, wie sie sagt, „total kaputt“: Panikattacken, Schlaflosigkeit, Depression. Patricia Seitz stand kurz vor der Berufsunfähigkeit.

Schlagartige Erkenntnis

Eine Kur und anschließend zwei Monate in einer Tagesklinik brachten die Wende. Sie beschloss, das Abitur nachzuholen. Aber was noch wichtiger war: Im Internet sah sie 2020 eine Dokumentation über das Asperger-Syndrom und erkannte schlagartig sich selbst – und die Ursache für ihre früheren Probleme. „Ich habe bis heute keine offizielle Diagnose. Aber nach allem, was ich gelernt habe, bin ich ganz sicher.“

Der Erfolg gibt ihr Recht: Sie lernte, mit ihren sozialen Ängsten und Stressfaktoren umzugehen – und wurde eine Musterschülerin. Fehlte nur noch die richtige Schule. Die fand sie durch eine Berufsberatung: „Wenn die Abendschule Heppenheim nicht gewesen wäre, ich weiß nicht, wo ich heute stehen würde. Es war das erste Mal, dass alles reibungslos funktioniert hat.“

Nicht nur sie selbst, sondern auch ihr Umfeld konnten jetzt besser mit ihrer speziellen Dynamik umgehen. „Ich habe mich pudelwohl gefühlt. Ich habe gemerkt, dass viele meiner Klassenkameraden auch ein Päckchen zu tragen haben, dass ich damit nicht allein bin. Alle waren aufgeschlossener und reifer, als ich es früher erlebt hatte.“

Eine zweite Chance

Das gilt, so sagt Patricia Seitz, besonders für die Lehrer. Die Abendschule Heppenheim hat lange Erfahrung darin, auch Erwachsenen mit schwieriger Biografie eine zweite Chance zu bieten. Und jetzt – in einem sicheren und vertrauensvollen Umfeld – konnte sie endlich ihre Stärken ausspielen. „Manche Menschen mit Asperger-Syndrom sind, wie andere Autisten, kognitiv hoch begabt. Ich konnte mir Dinge immer sehr schnell und leicht merken.“

Das Ergebnis spricht für sich: Patricia Seitz hat 888 von 900 möglichen Punkten im Abitur erreicht – bundesweit ein Spitzenergebnis und mit Sicherheit das höchste, das an der Abendschule Heppenheim je erreicht wurde.

Patricia Seitz lacht: „Zum Schluss noch einmal eine positive Schulerfahrung!“ Und das nach wirklich schweren Zeiten. „Jahrelang habe ich mich gefragt: Was stimmt denn nicht mit mir? Keiner konnte mir helfen.“ Heute ist sie Spitzenschülerin, hat zum Beispiel den Karl von Frisch-Preis für besondere Leistungen im Biologie-Unterricht gewonnen. „Dabei war Biologie das Fach, das mich von allen am wenigsten interessiert hat.“

Wieder lacht Patricia Seitz, die außerdem von der Schule als Kandidatin für die Studienstiftung des Deutschen Volkes vorgeschlagen wurde. Was sie studieren will, wird sie oft gefragt. Medizin? Psychologie? Wäre alles kein Problem. Aber sie will Politik und Wirtschaft studieren. Ihr Ziel ist es, Journalistin zu werden. „Das ist meine Leidenschaft.“

Eine Zukunftsperspektive hilft

Ihr ist bewusst, dass ein Studium auch Herausforderungen an ihre sozialen Ängste stellen kann. Aber so weit ist sie schon: Sie kennt ihre Belastungsgrenze, sie weiß, wie sie sich helfen lassen kann. Und sie möchte etwas zurückgeben von dem, was ihr geschenkt wurde: eine Zukunftsperspektive. Wie das geht? „Auch aus einer ganz tiefen Krise, wenn man ganz unten ist, kann man sich wieder hocharbeiten“, sagt Patricia Seitz „Kein Antidepressivum wirkt so stark wie eine Zukunftsperspektive, in die man seine Energie stecken kann.“ Sie plädiert für ein Schulfach „psychische Gesundheit“, damit das Asperger-Syndrom und andere Einschränkungen besser verstanden und aufgefangen werden. Und sie wünscht sich, dass das Angebot der Abendschule Heppenheim bekannter wird.

Zehn Jahre sind seit ihrem Realschulabschluss vergangen. Wer Patricia Seitz heute trifft, kann sich kaum vorstellen, dass die freundliche und lebendige junge Frau einmal Probleme mit ihrem sozialen Umfeld hatte. Zwar sagt sie, dass sie auf alles alleine kommen musste – das Abitur, ihr Berufsziel, ihre Eigendiagnose. Aber wenn sie nach der Lehre aus ihrer schwierigen Biografie gefragt wird, zitiert sie ihr großes Vorbild – ihre Mutter: „Es ist nichts so schlimm, dass es nicht für irgendetwas anderes gut ist.“

Anmeldungen zum nächsten Semester sind bis zum 30. August möglich. Weitere Infos unter:

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