Zwei Vorfälle, kein einziger Notruf
Weinheim, 20.07.2022
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20.07.2022 16:43
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Weinheim. Gewalt unter Jugendlichen auf offener Straße – dieses Thema ist seit Dienstag in Weinheim Stadtgespräch. Auslöser ist – wie berichtet – ein schockierendes Video, das in den Sozialen Medien kursiert. Es zeigt, wie zwei Jugendliche am Samstag, 9. Juli, gegen 18 Uhr in der Weinheimer Fußgängerzone zwei andere Jugendliche mit einem Klappmesser und einem Stilett bedrohen, Kopfstöße andeuten, nach ihren Opfern treten, sie auf übelste Art und Weise beschimpfen und sie schließlich niederknien lassen – als Zeichen der „Unterwerfung“, während Passanten an der Gruppe vorbeilaufen oder die Szene filmen. 

Wie Tobias Hoffert von der Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit des Polizeipräsidiums Mannheim am Mittwoch auf Nachfrage unserer Redaktion erklärte, seien den Ermittlern alle Tatverdächtigen dieses Vorfalls bekannt. Das gelte auch für die Beteiligten eines handgreiflichen Streits, der tags zuvor in der Grundelbachstraße ausgetragen wurde und nach den bisherigen Ermittlungen der Polizei mit dem Vorfall in der Fußgängerzone im direkten Zusammenhang steht. Nichts deute derzeit darauf hin, dass die Handyvideos, die von beiden Vorfällen existieren, „gestellt“ oder „gespielt“ sein könnten, so der Polizeisprecher weiter. 

Sozialamt wird eingeschaltet 

Gegen die Tatverdächtigen wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet – unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung, Beleidigung und Bedrohung. Allerdings seien die Beteiligten bis auf eine Ausnahme unter 14 Jahre alt und damit strafunmündig. In solchen Fällen werde aber grundsätzlich das Jugendamt eingeschaltet, um gegebenenfalls weitere Schritte einzuleiten. Eine Kontaktaufnahme der Polizei mit den Schulen, welche die Tatverdächtigen besuchen, sei nur üblich, wenn die Taten im direkten Zusammenhang mit den Bildungseinrichtungen stehen. Im vorliegenden Fall seien aber zusätzlich die Streetworker des Stadtjugendrings Weinheim informiert worden. 

Doch nicht nur die Aggressivität, mit der die Jugendlichen in dem Video in der Fußgängerzone zu Werke gehen, sorgte bei vielen Menschen für Entsetzen. Auch die Tatsache, dass etliche Erwachsene zu sehen sind, die an der Gruppe vorbeigehen, ohne irgendetwas zu unternehmen, um den beiden bedrohten Jugendlichen (12 und 13 Jahre jung) zu helfen, macht fassungslos. 

„Wenn Stichwaffen im Spiel sind, sollte man nicht selbst einschreiten, sondern am besten sofort den Notruf 110 wählen“, lautet Hofferts Rat – „am besten mit etwas Abstand zum Tatgeschehen“. Von den Beamten am Telefon erhalte man Hinweise, wie man sich weiter verhalten soll. 

Doch auch für die Notruf-Option hat sich in den beiden Weinheimer Fällen offenbar keiner der Passanten entschieden. Sowohl beim Vorfall in der Fußgängerzone als auch beim Vorfall in der Grundelbachstraße sei kein einziger Notruf bei der Polizei eingegangen, teilte Hoffert auf Nachfrage mit. Die Straftaten seien erst später von den Eltern eines betroffenen Jungen auf dem Polizeirevier Weinheim zur Anzeige gebracht worden.

CDU fordert „mehr Sicherheit im öffentlichen Raum“

Eine erste Reaktion aus der Kommunalpolitik kam am Mittwoch von der Weinheimer CDU. Man verurteile die Gewalt „aufs Schärfste“, heißt es in einer Pressemitteilung. Darin wird Stadtverbandsvorsitzender Christian Lehmann mit den Worten zitiert: „Insbesondere hat uns erschüttert, dass von den vorbeilaufenden Erwachsenen keiner angehalten und die Gruppe getrennt oder zumindest die Polizei gerufen hat. Wir bitten die Stadtgesellschaft, noch wachsamer zu agieren, wenn sich Jugendliche in aller Öffentlichkeit streiten.“ Der Fraktionsvorsitzende Heiko Fändrich ergänzte: „Wir werden uns gemeinsam als CDU Weinheim weiter für mehr Sicherheit im öffentlichen Raum einsetzen.“ Man werde sich in den kommenden Monaten intensiv mit dem Thema auseinandersetzen und sich bei Bedarf für weitere Stellen beim Gemeindevollzugsdienst einsetzen. 

Reaktion von Oberbürgermeister Manuel Just

Oberbürgermeister Manuel Just zeigte sich in einer ersten Stellungnahme „erschüttert über das Verhalten der Jugendlichen, aber auch über die Begleiterscheinungen, wie die Tatsache, dass sich die Aufnahme mittlerweile auf unzähligen Handys befindet. Vor allem das teilnahmslose Verhalten der Passanten stimmt mich traurig. Selbst wenn die Passanten gegebenenfalls selbst Angst gehabt haben, hätte ich mir gewünscht, dass sie sich Mitstreiter suchen, um den Opfern zur Seite zu stehen.“ Er sei sich sicher, so der OB weiter, dass die Weinheimer Akteure der Jugendarbeit – vor allem der Stadtjugendring und die Schulen – viel Präventionsarbeit leisten, damit sich solche Vorfälle möglichst nicht wiederholen. Aber schon durch die beängstigende Zunahme virtueller und digitaler Möglichkeiten würden die Aufgaben größer. Umso wichtiger sei es in dieser Zeit, dass die Ressourcen bei präventiver Jugendarbeit auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht in Frage gestellt werden. 

„Umgang mit Gewaltszenen zwischen Jugendlichen fast schon Tagesgeschäft“

Martin Wetzel, Geschäftsführer des Stadtjugendrings und selbst Sozialpädagoge, erklärte: „Wir wollen nichts beschönigen, dieser Fall ist erschreckend, vor allem wegen der viralen Verbreitung – aber der Umgang mit Gewaltszenen zwischen Jugendlichen gehört fast schon zum Tagesgeschäft unserer Streetworker. Wo wir sie wahrnehmen, sprechen wir die Konflikte an und schreiten ein. Gewalt- und Konfliktbearbeitung ist daher ein Schwerpunkt des Streetworkings und eine Daueraufgabe.“ Das Team sei gerade wieder durch einen neuen Kollegen verstärkt worden. 

Die Szenen im Video zeigen nach Wetzels Ansicht klare Verhaltensmuster aus Videospielen und Actionfilmen: „Wir arbeiten permanent an diesem Themen und den gewaltbereiten Jugendlichen.“ Nach Bekanntwerden der Videos sei es durch die Streetworker in jugendlichen Kreisen besprochen worden. Es sei jetzt aber auch wichtig, „dass wir uns nun als Gesellschaft mit den Opfern identifizieren“. Er kündigte an, dass die Streetworker versuchen werden, mit den betroffenen Jugendlichen in Verbindung zu treten, um Unterstützung anzubieten. Wetzel betonte aber auch: „Wer sich jetzt über das Verhalten der Jugendlichen aufregt, sollte sich genau anschauen, wie verantwortungslos und ignorant die Passanten die Vorgänge verfolgen.“ Das sei für ihn genauso erschreckend wie die Gewaltszenen selbst.

Sechs Regeln für Zivilcourage

Was kann man tun, wenn man Zeuge einer Auseinandersetzung, von Belästigung oder eines Diebstahls wird? Die Polizei hat dazu sechs einfache Tipps. 

1. Hilf, aber bring dich nicht in Gefahr. Manchmal reicht es schon, wenn du laut sprichst oder dich bewegst, um einen Täter einzuschüchtern oder von der Tat abzuhalten. Mach klar, dass Gewalt keine Privatangelegenheit ist.

2. Ruf die Polizei unter 110! Je schneller die Polizei informiert wird, desto besser können die Täter ermittelt werden. Hast du gerade kein Handy parat, bitte einfach einen Passanten, die 110 zu wählen. 

3. Bitte andere um Mithilfe. Warte nicht darauf, dass irgendjemand irgendetwas unternehmen wird, sondern ergreife Initiative und zeige Zivilcourage – und mache andere gezielt auf die Situation aufmerksam. Einer direkten Ansprache kann sich niemand entziehen, zum Beispiel: „Sie, der Herr mit der blauen Jacke, helfen Sie mir bitte.“ 

4. Präge dir Tätermerkmale ein. Wie groß ist der Täter? Welche Haarfarbe hat er? Wie war er bekleidet? Gibt es Besonderheiten? Jedes Detail kann wichtig sein. 

5. Kümmere dich um Opfer. Kümmere dich unverzüglich um verletzte Personen und alarmiere den Rettungsdienst. Helfen kann jeder – auch wenn du dir das im ersten Moment nicht zutraust. Hole dir Unterstützung von den Umstehenden, indem du sie aktiv und direkt zur Mithilfe aufforderst. 

6. Sage als Zeuge aus. Die Polizei ist auf deine Hilfe angewiesen. Die genaue Beschreibung des Geschehens und des Täters kann ausschlaggebend für die Überführung der Schuldigen sein. Auch du könntest einmal in eine Situation kommen, in der du froh bist, die Unterstützung von Zeugen und Helfern zu haben (Quelle: www.aktion-tu-was.de). 

Hinweis: Der aktuelle Bericht wurde um 16.30 Uhr noch einmal um die Stellungnahmen von Oberbürgermeister Manuel Just und von Martin Wetzel, Geschäftsführer des Stadtjugendrings, ergänzt. 

Unser Bericht vom 19. Juli 2022: 

Bedroht, genötigt und verprügelt

Weinheim. Die Polizei sucht Zeugen für zwei Vorfälle in der Innenstadt, die sich bereits Anfang Juli ereignet haben. Videos der Tat in der Weinheimer Fußgängerzone kursieren in den Sozialen Medien. 

Weinheim. Ein verstörendes Video macht derzeit in den Sozialen Medien die Runde. Darauf ist zu erkennen, dass zwei Jugendliche am helllichten Tag in der Weinheimer Fußgängerzone zwei andere Jugendliche mit messerähnlichen Gegenständen bedrohen, Kopfstöße andeuten, nach ihren Opfern treten und sie schließlich niederknien lassen – anscheinend als Zeichen der „Unterwerfung“, während Passanten an der Gruppe vorbeilaufen oder die Szene filmen.

Doch das Video erzählt nicht die ganze Geschichte. Wie die Polizei in einer Pressemitteilung am Dienstag schreibt, ermittelt sie aktuell zu zwei miteinander in Verbindung stehenden Vorfällen, die sich bereits Anfang Juli ereignet haben.

Am Freitag, 8. Juli, gegen 13 Uhr sei es im Bereich der Grundelbachstraße zunächst zu einem verbalen Streit zwischen zwei Jugendlichen gekommen, so die Polizei. Dabei habe ein 15-jähriger Tatverdächtiger, den die Polizei schon ermitteln konnte, einem 12-Jährigen eine Ohrfeige gegeben. Daraufhin rang der 12-Jährige den Älteren zu Boden und prügelte mehrmals mit der Faust auf dessen Rücken ein. „Die Tat wurde durch Zeugen beobachtet und gefilmt“, schreibt die Polizei. Während bereits mehrere Personen auf dem Video inzwischen identifiziert wurden, sind insbesondere noch Zeuginnen unbekannt, die bei der Auseinandersetzung vor Ort waren.

Einen Tag später, am Samstag, 9. Juli, kam es in der Fußgängerzone – vor der Weinheim Galerie – zu dem eingangs geschilderten Vorfall. Dabei habe der oben genannte 12-Jährige gemeinsam mit einem 13-jährigen Tatverdächtigen Drohungen gegen einen anderen 12-Jährigen und einen 13-Jährigen ausgesprochen. Im weiteren Verlauf schlugen die Tatverdächtigen mehrfach auf die beiden Jugendlichen ein und beleidigten diese. Gegen die Tatverdächtigen wurden Ermittlungsverfahren eingeleitet, so die Polizei – unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung, Beleidigung und Bedrohung. Auch hier seien im Video weibliche Personen zu erkennen, welche als wichtige Zeuginnen infrage kommen, aber bisher nicht identifiziert werden konnten. pro/–

Info: Die bisher unbekannten Personen sowie weitere Zeugen sowie auch die filmenden Personen in beiden Fällen, werden gebeten, sich mit der Polizei in Weinheim unter Telefon 06201/10030 in Verbindung zu setzen.

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