Basis ist vom Zwist unbeeindruckt
Kreis Bergstraße, 22.05.2015
Diesen Artikel
22.05.2015 01:25
Drucken Vorlesen Senden
Leserbrief
26

Kreis Bergstraße. Schwere Flügelkämpfe an der Spitze der „Alternative für Deutschland“ - doch der Kreisverband Bergstraße will trotz der Unruhe an der Parteiführung auf Kurs bleiben. „Wir werden uns nicht in eine rechte Ecke drücken lassen.“ So kommentierte Kreissprecher Rolf Kahnt (Bild) die Absicht vom wirtschaftsliberalen AfD-Gründer Bernd Lucke, das konservative Lager der Partei zu isolieren.

Dessen jüngster Vorstoß ist die Ankündigung einer Abspaltung für den Fall, dass sich herausstellen sollte, dass der rechtsnationale Flügel bereits die Oberhand gewonnen hat. Der 2013 gegründete Kreisverband will von diesem „Weckruf“ von oben nichts wissen. Kahnt, der mit 22 von 23 Stimmen (96 Prozent) in sein Amt wiedergewählt wurde, bezeichnete die AfD als „notwendiger denn je“. Eine runderneuerte „FDP 2.0“ sei indes völlig überflüssig.

Bei der Kreishauptversammlung in Bensheim herrschte so etwas wie eine „Jetzt erst recht“-Stimmung. Während sich die Partei öffentlich selbst demontiert und in Berlin schon an medialen Nachrufen getextet wird, demonstrieren die Bergsträßer engen Zusammenhalt. Man will sich jetzt ganz auf die Kommunalwahlen 2016 konzentrieren. Knapp 200 Unterstützerunterschriften müssen dafür her.

Der Spitzenkandidat ist indes längst klar: Rolf Kahnt. In den vergangenen zwei Jahren habe sich der Kreisverband gut entwickelt, seine Arbeit auf regionaler Ebene sieht der 70-Jährige aber noch nicht beendet: „Ich will weiter machen.“ Die AfD will an der Bergstraße eine politische Größe werden. Erst vor kurzem wurde der Bensheimer in Gießen auf Platz eins der hessischen Delegierten für den AfD-Bundesparteitag am 13. Juni in Kassel gewählt.

Bei der vierten Mitgliederversammlung in der noch jungen Biografie des Kreisverbands hatte Kahnt keine Konkurrenz zu fürchten. Als satzungsfester Versammlungsleiter führte er durch die noch immer recht holprig durchgeführten Regularien des Kreisverbands, der in seiner bunten Mischung einigermaßen das Profil der Bundespartei spiegelt. Der Bensheimer war als Direktkandidat für den Hessischen Landtag im Wahlkreis 55 ziemlich wesentlich daran beteiligt, dass die AfD auf Kreis- wie auch auf Landes- und Bundesebene beachtenswerte Wahlergebnisse ernten konnte. Bei den Europawahlen gaben immerhin 8,8 Prozent der Bergsträßer Wähler der „Alternative“ ihre Stimme.

An seiner Seite im Kreisverband sitzt jetzt allerdings ein neuer Stellvertreter. Mit 17 Stimmen verdrängte Michael Obermair aus Heppenheim den bisherigen Vize Reinhard Krause aus Zwingenberg aus seinem Amt. Krause holte 15 Stimmen, Tobias Fischer aus Bensheim hatte zwölf Unterstützer hinter sich. An der Zusammensetzung des Vorstands hat sich nichts verändert. Die bisherige Beisitzerin Gisela Rothenbucher wurde einstimmig zur Schatzmeisterin gewählt. Beisitzer sind Tobias Fischer (Bensheim), Helmut Amrhein (Viernheim) und Gerhard Jorga (Grasellenbach). Vom Gründungsvorstand sind nur noch Kahnt und Margareta Horle dabei. Aktuell zählt die Kreispartei nach 17 Austritten und 29 Neuzugängen 81 Mitglieder. Die personelle Dynamik ist beachtlich. Vor allem der Bremer Parteitag mit Luckes Alleinsieg habe die inneren Gräben vertieft und auch bei vielen Anhängern an der Basis für Unmut gesorgt, so Kahnt. Man könne mit den Abgängen leben, wolle sich aber keine weiteren leisten. Bis zum Frühjahr 2016 will der Kreisverband die 100-Mitglieder-Marke knacken. Man plant weitere Ortsverbände in Heppenheim-Lorsch und Lampertheim-Viernheim.

Kahnt, Mitglied der Bundesprogrammkommission, ging noch einmal auf die angespannte Situation in der Bundespartei ein. „Von einer Führungskraft erwarte ich eine integrative Stärke und keine Spaltung der eigenen Reihen“, kommentierte er Luckes Kampfansage an den rechten Rand. Die AfD sieht er dennoch nicht in ihren Grundfesten gefährdet. „In jeder Familie gibt es Krach.“ Die „Alternative für Deutschland“ bezeichnete Kahnt als Haus, in dem verschiedene Menschen gemeinsam leben könnten. Allerdings sieht es derzeit eher danach aus, dass der Haussegen der AfD schief hängt und nicht mehr gerade zu rücken ist.

Kahnt hofft dennoch, dass Lucke der Partei erhalten bleibt. Im innerparteilichen Streit müssten alle aufeinander zugehen - eines „Weckrufes 2015“, unterstrich Kahnt, bedürfe es nicht. „Wir sind bereits wach, sogar hellwach.“ Am 13. Juni ist Bundesparteitag in Kassel. Dann wird ein neuer Vorstand gewählt. An der Bergstraße baut man derzeit am Fahrplan für die Kommunalwahlen 2016. Wohin die Reise der AfD gehen wird, wird sich wohl in den nächsten Tagen und Wochen entscheiden. tr

SOCIAL BOOKMARKS
22.05.2015 01:25
Drucken Vorlesen Senden
Ihre Meinung interessiert uns