Bei Vermisstenfällen soziales Netz für Angehörige wichtig
Im Vermisstenfall Pawlos steht eine neue Lagebewertung der Polizei an. Für die Angehörigen kommt es gerade jetzt auf das soziale Netz an, wissen Notfallhelfer.
Weilburg/Wiesbaden (dpa/lhe) - Bei der Betreuung von Angehörigen vermisster Kinder wie dem sechsjährigen Pawlos setzen Krisenhelfer stark auf die Aktivierung des sozialen Netzes. Es gehe darum, Menschen aus dem persönlichen Umfeld wie Freunde und Bekannte, vielleicht auch die Schule einzubinden, um Betroffene zu unterstützen, sagte Dirk Hewig, Landesfachbeauftragter Psychosoziale Notfallversorgung im Landesverband Hessen des Deutschen Roten Kreuzes.
Pawlos, der laut Polizei eine «autistische Veranlagung» hat, war am 25. März nach dem gemeinsamen Mittagessen aus seiner Förderschule im mittelhessischen Weilburg weggelaufen und gilt seither als vermisst. Am gleichen Tag begann eine Suche nach dem Jungen, an der sich zeitweise hunderte Einsatzkräfte und Helfer beteiligten, ohne entscheidende Hinweise auf ihn zu finden.
Zuletzt war ein Video aufgetaucht, das Pawlos laut Polizei «mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit» zeigt. Darauf sei zu sehen, wie das Kind auf einer stark befahrenen Straße stehe. Ein Verkehrsteilnehmer habe ihn daraufhin von der Fahrbahn begleitet, unmittelbar danach den Polizeinotruf gewählt und seine Beobachtungen geschildert, doch sei der Junge davongelaufen.
Wendepunkte und Ungewissheit belastend für Angehörige
Im Tagesverlauf will die Polizei eine neue Lagebewertung vornehmen. Für die betroffenen Angehörigen seien gerade solche Wendepunkte in einem Vermisstenfall erfahrungsgemäß besonders belastend, sagte Hewig. Sie machten ihnen deutlich, dass die Hoffnung auf einen guten Ausgang der Suche schwinde, und viele Betroffene befürchteten in diesen Situationen zusätzlich, dass Unterstützung von Notfallhelfern wegbreche. Diese hätten einen Blick dafür, wann sie ihre Hilfe beenden und in Netzwerke im Umfeld der Betroffenen überleiten können.
Diese litten in der Regel stark darunter, keine Gewissheit zu haben. Wenn gesicherte Fakten vorlägen, könnten sie das Ereignis hingegen begreifen und sich damit auseinandersetzen. Solange Hoffnung bestehe, klammerten sich viele Angehörige an jeden Strohhalm und orientierten sich daran - das könne auch die Arbeit der Polizei in solchen Fällen besonders herausfordernd machen.
«Ins Handeln kommen»
Generell bestehe die Aufgabe der psychosozialen Akuthilfe vor allem darin, Menschen beim «Aushalten» solcher belastenden Situationen zu unterstützen, sagte Hewig. Dabei könne es helfen, «ins Handeln zu kommen» und schrittweise auch in einen strukturierten Alltag zurückzufinden - auch damit sich nicht alles um die Suchsituation und das Warten drehe.
Hewig kennt Fälle, in denen Betroffene sich nicht mehr trauten, das Haus zu verlassen, weil sie wie gebannt auf neue Informationen zu vermissten Angehörigen warteten - dabei wäre vielleicht gerade das für den Stressabbau wichtig. Um ihnen diesen Druck zu nehmen, könne etwa eine ständige Erreichbarkeit im Umfeld organisiert werden.