Nach Übernahme: Rund 820 frühere Curevac-Jobs in Gefahr
Biontech hat seinen früheren Impfstoff-Rivalen Curevac erst kürzlich übernommen. Nun müssen die Mainzer sparen. Am früheren Hauptsitz in Tübingen droht der Kahlschlag. Das sorgt für scharfe Kritik.
Mainz/Tübingen (dpa/lsw) - In der Corona-Pandemie lieferten sich Biontech und Curevac ein Rennen um die Entwicklung von Impfstoffen - später übernahmen die Mainzer den viel kleineren Konkurrenten. Nun droht der nächste Einschnitt: Das Management von Biontech will mehrere Standorte schließen – darunter auch Einrichtungen von Curevac. Nach Angaben des Unternehmens sind rund 820 frühere Curevac-Beschäftigte betroffen.
Besonders einschneidend ist das geplante Aus des Tübinger Standorts, dem früheren Hauptsitz von Curevac. Dieser soll bis Ende 2027 aufgegeben werden. Die Biontech-Führung begründet die Pläne mit einer zu geringen Auslastung, Überkapazitäten und Kostensenkungen. Ebenfalls geschlossen werden sollen die Biontech-Produktionsstätten in Idar-Oberstein, Marburg und Singapur. Insgesamt könnten bis zu 1.860 Stellen von den Plänen betroffen sein, hieß es aus der Zentrale in Mainz.
Hohe Entwicklungskosten drücken Biontech ins Minus
Biontech hatte 2025 einen Verlust in Milliardenhöhe gemacht. Auch von Januar bis März schrieb das Unternehmen rote Zahlen. Als Grund nannten die Mainzer höhere Kosten für die Entwicklung von Programmen für die Immunonkologie. Für 2026 erwartet das Unternehmen, dessen Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci spätestens Ende dieses Jahres ausscheiden werden, Erlöse zwischen 2,0 und 2,3 Milliarden Euro. Der Prognose zufolge werden die Kosten aber auch im laufenden Jahr die Umsätze deutlich übersteigen.
Das Management rechnet nach vollständiger Umsetzung der Maßnahmen im Jahr 2029 mit wiederkehrenden jährlichen Einsparungen von bis zu rund 500 Millionen Euro. Die Mittel sollen für die Forschung, Entwicklung und Einführung von Krebsmedikamenten eingesetzt werden. Bis 2030 wollen die Mainzer mehrere Zulassungsanträge für Onkologie-Kandidaten gestellt haben.
Übernahme von Curevac im Januar abgeschlossen
Das Biopharmaunternehmen Biontech entwickelt Medikamente auf mRNA-Basis gegen Krebs und andere Krankheiten. Auch Curevac forscht seit Jahren an der mRNA-Technologie. Die Tübinger galten einst neben Biontech und anderen als einer der Hoffnungsträger bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs.
Doch im Gegensatz zu Biontech, das erfolgreich war und Milliarden mit seinem Vakzin verdiente, kam es bei den Schwaben zu Problemen: Das Unternehmen zog seinen ersten Impfstoffkandidaten wegen einer vergleichsweise geringen Wirksamkeit aus dem Zulassungsverfahren zurück, in der Folge gab es auch Patentstreitigkeiten zwischen Curevac und Biontech. Letztlich strichen die Tübinger Stellen und konzentrierten sich auf die Forschung.
Mitte 2025 kündigte Biontech dann an, den Rivalen übernehmen zu wollen. Die Mainzer wollten sich mit dem Deal noch mehr Wissen für den Weg zu Therapien auf mRNA-Basis gegen Krebs und andere Krankheiten ins Haus holen. Damals hieß es, dass der Forschungs- und Entwicklungsstandort von Curevac in der württembergischen Universitätsstadt erhalten bleiben soll. Die Übernahme wurde im Januar abgeschlossen.
Palmer: «Erst kaufen, dann killen, das geht so nicht»
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat die angekündigte Schließung scharf kritisiert. Er sprach von einem schweren Schlag für die Stadt, das Land Baden-Württemberg und die hochqualifizierten Beschäftigten, die Curevac über Jahre getragen hätten. «Ich erwarte von Biontech, dass keine unumkehrbaren Fakten geschaffen werden, bevor ernsthaft über Alternativen verhandelt wurde. Erst kaufen, dann killen, das geht so nicht», teilte der parteilose Politiker mit.
Wer Curevac übernehme, trage auch Verantwortung für die Beschäftigten, den Forschungsstandort und ein Stück deutscher Innovationsgeschichte. Curevac sei kein beliebiger Firmenname. «Curevac ist in Tübingen entstanden – aus der Universität, aus der Arbeit von Pionieren wie Ingmar Hoerr und Hans-Georg Rammensee», betonte Palmer. Sie legten bahnbrechende Grundlagen für die mRNA-Technologie. «Hier standen Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Beschäftigte für eine Idee, die die Medizin weltweit verändert hat. Dieses Erbe darf nicht abgewickelt werden», so Palmer.
Der Oberbürgermeister forderte Biontech, die Landes- und Bundesregierung sowie Wissenschaftseinrichtungen auf, rasch nach Lösungen zu suchen. Ziel müsse sein, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten und Forschung sowie Produktion am Standort zu sichern.